EM 2018: Europas Laufjuwel mit 17 am europäischen Thron

© Getty Images / Alexander Hassenstein

Jakob Ingebrigtsen hat es geschafft. Das seit Jahren als zukünftiger Laufstar Europas angekündigte Supertalent, das bereits in jungen Jahren eine derartig verblüffende Leistungsentwicklung hingelegt hat, hat bereits im Alter von 17 Jahren, zehn Monaten und 21 Tagen den europäischen Thron bestiegen. Als drittes Familienmitglied nach Henrik 2012 und Filip 2016 gewann der Youngster im Berliner Olympiastadion in einem packenden 1.500m-Rennen die Goldmedaille. Damit setzte er die lineare Familien-Erfolgsstory der Ingebrigtsens rund um Vater und Coach Gjert aus Sandnes im Süden des skandinavischen Landes nahtlos fort. Nicht einmal einen Monat, nachdem er in Tampere mit den besten Junioren der Welt mithalten konnte und die afrikanische Phalanx mit seiner Silbermedaille sprengte, zeigte er der europäischen Elite mit einem begeisternden Frontrun auf der zweiten Rennhälfte, wie hoch die Trauben im Kampf gegen ihn jetzt schon hängen. In einer Endzeit von 3:38,10 Minuten hatte er am Ende nur einen hauchdünnen Vorsprung auf Hallen-Europameister Marcin Lewandowski und dem Briten Jake Wightman. Der Sieg Ingebrigtsens war wie so vieles in der täglichen Arbeit der außergewöhnlichen Lauf-Familie aus dem hohen Norden präzise getimt. Hätte das Rennen einige Meter länger gedauert, wären Jakob die Fälle davongeschwommen.
 

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Erst bangen, dann jubeln

Manchmal werden die schönsten Bilder in den Emotionen unmittelbar nach den Wettkämpfen produziert. Der Jüngste aller Teilnehmer war wenige Augenblicke zuvor als Erster über die Ziellinie gelaufen, aber auf den letzten Metern war es bedrohlich knapp geworden. Nun stand der 17-Jährige auf der blauen Laufbahn in Berlin, beide Hände in die Hüften gestützt und kräftig durchatmend. So als wäre es das Normalste auf der ganzen Welt, dass ein Newcomer bei seiner ersten EM gleich das komplette Feld düpiert. Doch es war keine Überheblichkeit, Ingebrigtsen war sich nur nicht sicher, ob es den gereicht hätte. Als sein Name ganz oben auf der Anzeigetafel erschien, kannte der jugendliche Jubel des Stars der Zukunft keine Grenzen mehr. Mit einer norwegischen Fahne in der Hand raste er im Rekordtempo auf die Ehrenrunde. Die Anstrengungen eines harten Rennens waren wie weggeblasen.
 

Familientaktik

Bei all dem Jubel über den dritten Europameister in der Familie – es ging längst nicht alles auf, was sich die Ingebrigtsens vorgenommen hatten. Vielleicht waren auch, so komisch das klingt, zu viele Ingebrigtsens im Rennen, die die väterliche Strategie-Vorgabe umsorgen musste. Denn die drei Brüder gingen offensichtlich mit einer Teamtaktik ins Rennen. Besonders die beiden Jüngeren, Top-Favorit Filip und Jakob schienen eine klare Absprache bezüglich der Renngestaltung zu haben. Sofort nach dem Start besetzten die beiden nebeneinander die letzte Reihe des 13-köpfigen Finalfelds. Henrik lief vor ihnen. An der Spitze machte der Litauer Simas Bertasius, am Ende beachtlicher Sechster, das Tempo. Nach 650 Metern begaben sich Filip und Jakob fast synchron in Bewegung und zogen in Windeseile am gesamten Feld vorbei. Als die letzten zwei Runden anbrachen, liefen sie nebeneinander an der Spitze. Henrik war in ihrem Windschatten gefolgt und komplettierte die zwischenzeitliche, norwegische Dreifachführung. Während Henrik den dritten Platz einbüßte, gingen Jakob und Filip in dieser Reihenfolge mit einer Doppelführung in die letzte Runde. Der 17-Jährige zog nun durch und blickte auf der Gegengerade sorgfältig nach Filip um. Vielleicht mag er in diesem Moment instinktiv bemerkt haben, dass dieser an diesem Abend nicht in Topform war. Vielleicht hat Filip ihm zugerufen, dass er aufs Ganze gehen soll. Denn das tat Jakob, während Filip auf den letzten Metern komplett einging. Als Jakob längst im Ziel war und sein Triumph feststand, joggte Filip abgeschlagen als Zwölfter über die Ziellinie. Als hätte jemand plötzlich den Stecker gezogen. Es musste ein anderer Filip Ingebrigtsen gewesen sein als jener, der zwei Tage zuvor nach einem Sturz locker-flockig einen Rückstand von 30 Metern wettmachte und ins Finale einzog, als wäre nichts gewesen. Ein derartig bescheidenes Resultat und schlechtes Rennen ist dem 25-Jährigen schon ewig nicht mehr passiert. Die Freude mit und über Jakob dürfte seine Schmerzen lindern. Henrik übrigens, kämpfte sich auf der Zielgerade in eine gute Position und wurde Vierter. Nach Rang eins 2012, zwei 2014 und drei 2016 zeigt sein Abschneiden ebenfalls linear, aber in die falsche Richtung.
 

Polnischer Taktikfuchs

Der routinierte Pole Marcin Lewandowski hat es wieder einmal geschafft. Erst 2017 war der ehemalige 800m-Europameister auf die längere der beiden Mittelstrecken gewechselt. Nach Hallen-EM-Gold in Belgrad folgte nun EM-Silber in Berlin. Wäre Lewandowski nicht Lewandowski und wüsste man nicht, dass er die gesamte taktische Palette bespielen und mit einem enorm schnellen Finish kombinieren kann, hätte man ihn glatt nach 1.100 Metern abgeschrieben. In letzter Reihe genoss er die Aussicht auf zig Läuferrücken, als die Glocke ertönte. Doch der Taktikfuchs fand abermals einen Weg in eine tolle Spurtposition, die ihn mit einem verdammt schnellen Finish zur Silbermedaille brachte. Um ein Haar hätte er auch noch Jakob Ingebrigtsen geschnappt, doch die Story des Abends lautete „Jugend forscht!“, nicht „Alter schützt vor Siegen nicht!“ Dabei ist Lewandowski mit seinen 31 Jahren kein Lauf-Opa, nur der direkte Vergleich mit Jakob erscheint drastisch.
 

Wightman wie in Gold Coast Bronze

Den britischen Laufabend rettete am Ende Jake Wightman vor einem bitteren Geschmack mit einer Bronzemedaille. Auch der Schotte überzeugte mit einem kräftigen Schlussspurt, fast synchron zu Lewandowski, und belohnte sich mit seiner ersten EM-Medaille. Beim ersten Freiluft-Höhepunkt seiner Saison, bei den Commonwealth Games in Gold Coast ergatterte er ebenfalls die Bronzemedaille. Sein Landsmann Charlie Grice lieferte einen tollen fünften Platz ab, nur Chris O’Hare kam nicht richtig in die Gänge und wurde nur Neunter. Während Timo Benitz einen guten siebten Platz einfuhr, endete das Rennen für Homiyu Tesfaye in einem Debakel. Lange Zeit lief er in guter Position direkt hinter der Spitze, doch auf der Schlussrunde kämpfte er mit stumpfen Waffen. Binnen weniger Sekunden wurde er gnadenlos durchgereiht und kam als abgeschlagener Letzter ins Ziel. Der gute Eindruck aus dem Halbfinale entpuppte sich als Irrtum.
 

Ergebnis 1.500m-Lauf der Männer

Gold: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen) 3:38,10 Minuten
Silber: Marcin Lewandowski (Polen) 3:38,14 Minuten
Bronze: Jake Wightman (Großbritannien) 3:28,25 Minuten
4. Henrik Ingebrigtsen (Norwegen) 3:38,50 Minuten
5. Charlie Grice (Großbritannien) 3:38,65 Minuten
6. Simon Bertasius (Litauen) 3:39,04 Minuten
7. Timo Benitz (Deutschland) 3:39,28 Minuten
8. Ismael Debjani (Belgien) 3:39,48 Minuten
9. Chris O’Hare (Großbritannien) 3:39,53 Minuten
10. Mohad Abdikadar Sheikh Ali (Italien) 3:39,95 Minuten
11. Joao Bussotti Neves Junior (Italien) 3:41,31 Minuten
12. Filip Ingebrigtsen (Norwegen) 3:41,66 Minuten
13. Homiyu Tesfaye (Deutschland) 3:47,83 Minuten
 
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