Afrikanisch

Blättern wir im Stereotypen-Lexikon. Die Begriffe Organisation, Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit tauchen dort nicht bei „Afrika“ auf. Begriffe wie Chaos und Improvisation schon eher. Also, nach den Afrikameisterschaften 2018 alles wie gehabt? Ein unsägliches Chaos bei der Anreise mit ganzen Nationalteams, die tagelang am Flughafen in Lagos verweilen mussten, bevor sie am Tag des ersten Wettkampftages (!) nach Asaba weiter fliegen konnten, endete in stimmungsvollen Kontinentalmeisterschaften mit vielen Zuschauern und tollen sportlichen Leistungen. Mitbekommen hat das freilich kaum wer. Die Betreiber der Websites der Veranstalter und des Afrikanischen Leichtathletik-Verbandes begaben sich mit Event-Beginn in eine schöpferische Pause und aktualisierten einzelne Inhalte sehr spärlich erst gegen Ende der Wettkämpfe. Nur einzelne Amateur-Videos auf Youtube und diverse Blogbeiträge individueller Sportjournalisten gaben Einblick ins Stephen Keshi Stadion. Die Resultate der Wettkämpfe fand man mit mühsamer Suche in den Weiten der Social Media. Flächendeckende Berichterstattung gab es wohl auch deshalb in Europa nicht.
 

Ein Blick in die afrikanische Gesellschaft

Bevor mit dem Zeigefinger gleich auf Afrika gezeigt wird, sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass diese chaotisch erscheinenden Probleme in einer Organisation von Leichtathletik-Kontinentalmeisterschaften einige der großen Schwächen bzw. den gegenwärtigen Zustand der afrikanischen Gesellschaft widerspiegeln. Was hierzulande von der jungen Generation als Selbstverständlichkeit angesehen wird, ist ein ferner Traum. Zwischen einigen afrikanischen Staaten herrscht Krieg, andere Nachbarn verzichten zwar auf Gewalt, begegnen sich aber mit Missgunst und Neid. Sicherheit und Frieden haben oberste Priorität im gesellschaftlichen Zusammenleben, in Teilen Afrikas ist dies leider ein weit entferntes Ziel. Übrigens auch in Nigeria. Von Staaten wie Libyen, Somalia oder Südsudan, wo gesellschaftliche Ordnung nicht existiert, ist hierbei noch gar nicht die Rede.
Visa-Probleme bei der Anreise einiger Nationalteams? Im Europa nach Schengen mit uneingeschränkter Reisefreiheit nicht nachvollziehbar. Ein Beispiel: Ein deutscher Staatsbürger darf 177 Länder weltweit visafrei bereisen, ein österreichischer 173 oder ein Schweizer immerhin 172. Äthiopier dürfen gerade einmal 37 Länder visafrei bereisen, Nigerianer 45 und Kenianer immerhin 68 (vgl. The Henley & Partners Visa Restrictions Index 2016). Chaos im Flugverkehr gibt es zwar in Europa auch hin und wieder – zum Beispiel wenn gestreikt wird oder wenn ein isländischer Vulkan seine ganze Asche in die Atmosphäre schleudert. Freilich nicht aufgrund schlechter Vorbereitung im Rahmen einer Organisation eines internationalen Großevents. Aber wir hätten einfach Alternativen wie den Bahnverkehr oder den Straßenverkehr in Betracht gezogen. Ist in Afrika nicht so leicht, weil a) die Infrastruktur solcher Verkehrsverbindungen teilweise sehr schlecht ausgebaut sind und b) die Sicherheit nicht gegeben ist. Dennoch gingen einige Nationalteams dieses Risiko ein.
Das Internet, vor gut einem Jahrzehnt in Afrika noch ein futuristisches Fremdmedium, ist trotz schlechten infrastrukturellen Voraussetzungen auf keinem anderen Kontinenten derartig auf dem Vormarsch wie in Afrika. Die Reichweite ist in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Laut einer Statistik von „Statista“ nutzten 2017 98,4 der rund 186 Millionen Einwohner Nigerias (knapp 53%), 49,2 der rund 95,7 Millionen Einwohner Ägyptens (gut 51%) und 43,3 der rund 48,5 Millionen Einwohner Kenias (ca. 89,3%) das Internet im Jahr 2017. Im Vergleich (ebenfalls laut Statista): Die Internetnutzung der Österreicher lag 2017 bei 86%. Sportevents können für eine Verbesserung der Internetreichweite dienlich sein. Im Zuge der Fußball-WM 2010 in Südafrika wurde die gesamte, südliche Ostküste Afrikas mit einem High-Speed-Glasfaserkabel versorgt, von dem auch Kenia beispielsweise enorm profitierte.
Unheimlich beliebt und daher auch einflussreich wie sonst außer dem Radio kaum ein Medium sind Social Media. Facebook ist seit Jahren die am meisten aufgerufene Website Afrikas. Bereits vor vier Jahren war Afrika mit 720 Mobiltelefon-Benutzern (über 70% der Bevölkerung) der zweitgrößte Mobiltelefon-Markt nach Asien (vgl. Zochlin, socialmediainternational.de, 2014). Dass gerade Blogger die einzigen waren, die aktuell aus Asaba berichten, ist auch keine Überraschung. Bloggen und Blogger sind nämlich in Afrika grundsätzlich sehr beliebt.
 

Kommt die Leichtathletik-Welt nach Afrika?

Afrika träumt seit langem von der Ausrichtung von Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Titelkämpfe in der afrikanischen Paradesportart. IAAF-Präsident Sebastian Coe träumt auch davon, die Historie der Leichtathletik-Weltmeisterschaften mit einem afrikanischen Gastgeber zu ergänzen. 2025 soll es soweit sein. Positive Erfahrungen bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften 2017 und den Jugend-Weltmeisterschaften in Nairobi im selben Jahr haben ihn bestärkt. Ein Mitgrund, warum der Brite den Afrikameisterschaften 2018 in Asaba einen Besuch abstattete. Dort erlitt der Brite aber einen Stimmungsdämpfer. Dass Asaba fähig wäre, eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft durchzuführen, wie der afrikanische Verband (CAA) vorschnell behauptete, kann nicht diagnostiziert werden. Nichtsdestotrotz will Nigeria sich mit Hauptstadt Abuja, wo gerade ein Stadion renoviert wird, bewerben. Pläne gibt es auch in Marokko, Kenia und Südafrika.
Sportlich bekam Coe übrigens einiges geboten. Auch wenn viele Wettkämpfe quantitativ erschreckend unterbesetzt waren, stimmte die Qualität. Die Top-Stars des Kontinenten, von denen ausgerechnet Lokalmatadorin Blessing Okagbare in den Einzeldisziplinen verletzungsbedingt fehlte, stellten sich ins Rampenlicht und triumphierten. Bei den Laufentscheidungen der Männer mussten sich drei aktuelle Weltjahresbeste mit Silber zufrieden geben: Emmanuel Korir (800m), Soufiane El Bakkali (3.000m-Hindernislauf) und Timothy Cheruiyot (1.500m).