EM 2018: Amdouni gewinnt 10.000m-Lauf

Herrliche Kulisse für den 10.000m-Lauf der Männer. © SIP / René van Zee

Erstmals hat in der langen Geschichte der Leichtathletik-Europameisterschaften ein französischer Läufer den 10.000m-Lauf gewonnen. Morhad Amdouni setzte sich in einer Schlussrunde, die von allgemeiner Erschöpfung gezeichnet war, vor dem Belgier Bashir Abdi und dem Italiener Yemaneberhan Crippa durch und war anschließend im siebten Himmel. „Es war ein verdammt hartes Rennen“, so der auf Korsika geborene, 30-Jährige nach einem interessanten 10.000m-Lauf. „Es herrschte eine atemberaubende Stimmung. Ich bin jetzt so glücklich und möchte mich bei allen bedanken, die irgendwie einen Anteil an diesem Erfolg haben. Ich war sehr ungeduldig auf der letzten Runde, Gott sei Dank hatte es gereicht.“ Amdouni galt nach einem starken Auftritt beim Europacup in London, wo er hinter Richard Ringer Zweiter war, als Mitfavorit auf eine Medaille. Es ist die erste französische im 10.000m-Lauf der Männer bei Europameisterschaften seit Alain Mimoun, der 1950 in Brüssel hinter dem legendären Emil Zatopek Silber gewann.
 

Herrliche Kulisse für den 10.000m-Lauf der Männer. © SIP / René van Zee
Ein Rennen zum Schwitzen

Trotz der Hitzeschlacht gab es eine flotte Siegerzeit von 28:11,22 Minuten und ein bemerkenswertes Favoritensterben auf den 25 Stadionrunden. 31°C zeigte das Thermometer im prächtig gefüllten Olympiastadion von Berlin, als der Startschuss für 32 Läufer fiel. Kein Grund, zu bummeln. Denn sofort setzten sich die Spanier Juan Perez und Adel Mechaal an die Spitze. Ihr Plan war ein flottes Rennen vom Beginn an, um die anderen Favoriten zu fordern. Überraschend bekamen die Spanier Unterstützung der Türken. Keiner lag in der ersten Rennhälfte so lange und so häufig an der Spitze wie Crosslauf-Europameister Kaan Kigen Özbilen. Dieser überraschend schnelle Rennbeginn sorgte für ein konstantes Tempo von 2:47, 2:50, 2:50, 2:51, 2:50 Minuten auf den ersten fünf Kilometern, die nach 14:08,93 beendet waren.
 

Aus für Ringer und Arikan

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Deutschlands Medaillenhoffnung Richard Ringer nicht mehr in der 13-köpfigen Spitzengruppe und verbrachte einige Runden mit einem Abstand von rund 20 Metern als Soloverfolger. Vorne legte die Spitze jetzt einige langsamere Runden, die sich in langsameren Kilometer-Zeiten auswirkten, ein. Als der Deutsche trotzdem die Lücke nicht mehr schließen konnte, joggte er nach zwei Dritteln der Renndistanz an die Seite, winkte ins Publikum und stieg aus. „Im Endeffekt bin ich nicht völlig entkräftet rausgegangen. Es wäre eine Quälerei und sehr langsam geworden, wenn ich noch ins Ziel gelaufen wäre“, so der 29-Jährige, dessen Aussage auf einen Start über 5.000m hindeutet. Kurz davor hatte bereits Titelverteidiger Polat Kemboi Arikan die weiße Flagge geschwenkt – das erste Opfer der Hitzeschlacht.
 

Mechaal übernimmt Initiative

Nachdem zwischenzeitlich auch der Schweizer Julien Wanders kurz in Führung lag, übernahm Bashir Abdi nach sieben Kilometern das Zepter und sorgte für eine erste kurzfristige Tempoverschärfung. Nun wurde es unruhig. 1.500 Meter vor dem Ziel drückte Adel Mechaal aufs Tempo, die Spitzengruppe verkleinerte sich jetzt kontinuierlich. Es folgen die mit Abstand schnellsten Runden des Rennens. Überraschenderweise immer noch dabei war Wanders, der Achte der Halbmarathon-Weltmeisterschaften. Hätte das Rennen nur 9.600 Meter gedauert, wäre der 22-Jährige Fünfter oder Sechster geworden. Doch auf der Schlussrunde ging ihm die Energie etwas aus, am Ende belegte er den anständigen siebten Rang in einer Zeit von 28:22,02 Minuten.
Vorne führte Adel Mechaal die Spitzengruppe in die letzte Runde. Doch dem Spanier war nach der schnellsten Phase des Rennens anzusehen, dass er bereits auf dem Zahnfleisch daher kroch. Auch seinen Kontrahenten konnten die Strapazen des Hitzerennens nicht verstecken. Bashir Abdi, der seine Zukunft im Marathon sieht, versuchte sich auf der Gegengerade abzusetzen. Doch einer hatte noch viel Energie übrig: Morhad Amdouni folgte seinem Kontrahenten und zog auf der Zielgerade vorbei. Nach 28:11,22 Minuten war für den Franzosen das Rennen beendet. Abdi freute sich in 28:11,76 Minuten über die Silbermedaille – die erste EM-Medaille für Belgien überhaupt im 10.000m-Lauf der Männer. „Ich habe sehr hart für diese Medaille gearbeitet. Endlich habe ich sie. Ich war Vierter in Helsinki und Fünfter in Zürich. Ich wusste, es wäre meine letzte Chance. Also ,Now or Never’. Die letzten 800 Meter waren entscheidend“, so der 29-Jährige. Abdi ist in Mogadischu in Somalia geboren – eine Parallele zu Mo Farah, der in den letzten Jahren die 10.000m nicht nur auf europäischem Boden dominiert hat.
 

Bronze für Crippa, Blech für Mechaal

Das gesamte Rennen über sah es so aus, als hätte Adel Mechaal alles im Griff. Doch auf der Schlussrunde brach er ein und musste sich am Ende mit dem vierten Platz zufrieden geben. Der junge Italiener Yemaneberhan Crippa, der ein taktisch intelligentes Rennen zeigte, schob sich mit einem energischen Spurt am Spanier vorbei und jubelte über seine erste Medaille bei internationalen Meisterschaften der Allgemeinen Klasse. „Das Rennen verlief nach Plan. Dieses Ergebnis ist das Resultat einer wirklich gezielten, harten und langen Vorbereitung“, so der aus Äthiopien stammende Italiener, der 2001 von einer Mailänder Familie gemeinsam mit acht Geschwistern adoptiert wurde. „Noch habe ich keine Zeit zu feiern, denn ich möchte über 5.000m noch eine zweite Medaille gewinnen. Erst dann ist der Zeitpunkt gekommen, eine Flasche Champagner zu köpfen.“ Der 21-jährige Yemaneberhan Crippa, im 5.000m-Lauf amtierender U23-Europameister, lebt im Trentino, wo sich in den letzten Jahren eine interessante und leistungsfähige Trainingsgruppe junger italienischer Läuferinnen und Läufer gebildet hat.
 

Petros auf Rang 16

Andy Vernon war als Fünfter schlussendlich der beste des britischen Teams, das allerdings nie ganz vorne mitkämpfen konnte. Kaan Kigen Özbilen lief als Zehnter über die Ziellinie. Überraschend lange verharrte Amanal Petros in der Spitzengruppe, die aber ein Tempo jenseits seiner persönlichen Bestleistung wählte. Im Finale fiel er gnadenlos zurück und belegte am Ende Rang 16. „Es war mein erster Wettkampf auf so einem Niveau und ich bin heil angekommen. Am Ende ist mir die Kraft ausgegangen“, so Petros. Der dritte Deutsche, Sebastian Hendel lief lange Zeit am Ende des Feldes und kam als 24. ins Ziel.
 

Ergebnis 10.000m-Lauf der Männer

Gold: Morhad Amdouni (Frankreich) 28:11,72 Minuten
Silber: Bashir Abdi (Belgien) 28:11,76 Minuten
Bronze: Yemaneberhan Crippa (Italien) 28:12,15 Minuten
4. Adel Mechaal (Spanien) 28:13,78 Minuten
5. Andy Vernon (Großbritannien) 28:16,90 Minuten
6. Soufiane Bouchikhi (Belgien) 28:19,04 Minuten
7. Julien Wanders (Schweiz) 28:22,02 Minuten
8. Florian Carvalho (Frankreich) 28:29,78 Minuten
9. Juan Perez (Spanien) 28:31,31 Minuten
10. Kaan Kigen Özbilen (Türkei) 28:32,96 Minuten

16. Amanal Petros (Deutschland) 29:01,19 Minuten
24. Sebastian Hendel (Deutschland) 29:53,45 Minuten
DNF Richard Ringer (Deutschland)
DNF Polat Kemboi Arikan (Kenia)
 
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