EM 2018: Youngsters als Versprechen für die Zukunft

© SIP / René van Zee

Der Übergang aus der Juniorenklasse in die Allgemeine Klasse ist in der Leichtathletik wie in allen anderen Sportarten entscheidend für eine erfolgreiche Karriere in der Zukunft. Viel zu oft in der Sportgeschichte konnten aus Rohdiamanten hochgelobte, junge Stars berauschende Leistungen, die sie in jungen Jahren abgeliefert haben, später nicht mehr erreichen und die ihnen versprochene Karriere nicht so glorreich gestalten wie erwartet. So hat laut der Online-Plattform „Insidethegames“ kein einziger der Jugend-Weltmeister (männlich) von 2005 in der Allgemeinen Klasse Erfolge feiern konnte, während bei den Frauen zumindest die griechische Stabhochspringerin Ekatarini Stefanidi den traumhaften Karriereverlauf weiterführen konnte (ohne wie etwa Siebenkämpferin Tatiana Chernova im Laufe der Karriere des Dopings überführt zu werden, Anm.). Umgekehrt gibt es freilich auch Fälle unscheinbarer Leistungen im Jugendbereich, die sich erst im Erwachsenenalter mit einer gewissen Klasse versehen werden.
 
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Jakob Ingebrigtsen feiert seine Silbermedaille bei der Junioren-WM 2018 im 1.500m-Lauf. © SIP / René van Zee
Großartige Leistungen bei Junioren- und Jugendmeisterschaften

Zahlreiche Stars des Laufsports haben ihre ersten großen Erfolge im Juniorenalter gefeiert, weswegen ein retrospektiver Blick in die Siegerlisten früherer Junioren-Weltmeisterschaften häufig auf wohl bekannte Namen trifft. Auch im laufenden Sommer haben zahlreiche potenzielle Stars der Zukunft bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Tampere und bei den Jugend-Europameisterschaften in Györ brilliert und ein Versprechen für die Zukunft abgegeben. Bei den Europameisterschaften der Altersklasse U18 überzeugten einige junge Läufer von den britischen Inseln, so wie die Irin Sarah Healy oder der Brite Max Burgin, schnellster 800m-Läufer aller Zeiten im Alter von 16 Jahren.
Diese Generation wird sicherlich bei den nächsten Europameisterschaften der Allgemeinen Klasse eine Auffrischung bringen und könnte dann unter Beweis stellen, dass die recht neuen U18-Europameisterschaften ein großartiger Anreiz für jugendliche Talente sind. Dagegen sind zahlreiche der europäischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Junioren-Weltmeisterschaften in Tampere auch bei den Europameisterschaften kommende Woche in Berlin am Start. Darunter alle fünf Medaillengewinner in den Laufdistanzen Jakob Ingebrigtsen und Delia Sclabas, die sich als außergewöhnliche Talente veräußern, und Elliot Crestan aus Belgien. Ihnen und einigen weiteren Talenten ist ein nahtloser Übergang in die Allgemeine Klasse zuzutrauen, im Falle des 17-jährigen Ausnahmetalents aus Norwegen vielleicht sogar bereits in Berlin.
 

Verfrühter Reifegrad als Nachteil während der späteren Karriere

Stefanidis oben skizzierter Werdegang oder jener von Sprintlegende Usain Bolt, der seine Leistungsfähigkeit bereits als Junior angedeutet hat, sind laut des Berichts von Nick Butler auf „Insidethegames“ in der Leichtathletik verhältnismäßig selten. Der britische Jounalist erklärt dies mit dem für die leichtathletischen Disziplinen bedeutenden physischen Faktor, der gerade in der im jungen Alter biologischen Wachstumsentwicklung des Körpers eine besondere Rolle spielt. Körperliche Veränderungen durch Training überholen oft die natürliche Entwicklung des Körpers mit nachträglichen negativen Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit. Dazu liefert eine Studie aus den USA (unter der Leitung von Joshua Foss und Robert Chapman an der Indiana University) aus dem Jahr 2013 folgende Conclusio: „Top-Junioren erzielen ihre Karrierebestleistungen zu einem deutlich früheren Zeitpunkt als Athleten, die in der Allgemeinen Klasse zur Weltklasse gehören.“ Meistens können sich diese Supertalente in der Allgemeinen Klasse nicht mehr verbessern (beim Laufsport ist der Unterschied laut dieser Studie drastischer als im Sprint und in technischen Disziplinen, Anm.). Die Forscher erklären das mit einem (zu) früh eingetretenen Reifegrad bei erfolgreichen Jungstars. Weitere mögliche Gründe seien Übertraining in jungen Jahren, die mentale Herausforderung, wenn Siegen im reiferen Alter schwieriger als zu Juniorenzeiten wird. (vgl. Insidethegames.biz, 14.05.2018)
 

Ingebrigtsen – Potenzial zum Star von Berlin 2018

Bei den folgenden Europameisterschaften in Berlin wird naturgemäß ein Fokus auf die Newcomer und EM-Debütanten liegen. Die beeindruckenden Leistungen von Jakob Ingebrigtsen, der als 17-Jähriger die Leichtathletik-Welt seit rund zwei Jahren immer wieder verblüfft, strahlen in viele Richtungen aus. Sie stellen die Hoffnung dar, dass ein Europäer ohne afrikanische Wurzeln und hoffentlich stets mit legalen Mitteln in Zukunft die afrikanische Laufelite fordern oder sogar übertrumpfen kann. Sie veranschaulicht, dass Talenteförderung im Laufsport im Rahmen eines sehr guten Förderungssystem und einem fachlich vorbildlichen Sportsystem auch auf dem „Alten Kontinent“ möglich ist. Sie erweckt nostalgische Sehnsucht nach einem Supertalent, das mit 17 die versammelte europäische Elite düpiert. Und verspricht ganz simpel ein spannendes Duell im Kampf der Generationen Jung gegen Alt.
Andere Medaillengewinne durch Junioren oder sogar Unter-18-Jährige scheinen in den Lauf-Disziplinen von Berlin unwahrscheinlich, Spitzenplatzierungen absolut möglich. Aber Jakob Ingebrigtsen, der schon öfters die Wettkampfhärte nachgewiesen hat und auch, dass zwei Saison-Höhepunkte binnen kurzer Zeit für ihn kein Problem sind, könnte einer der ganz großen Stars von Berlin 2018 werden, wenn seine Form nicht kurzfristig verloren geht. Im 1.500m-Lauf ist der neuen Jugend-Weltrekordhalter ein absoluter Medaillenkandidat, für den Traum von Gold muss er aber an seinem höher einzuschätzenden Bruder und Titelverteidiger Filip vorbei. Und auch im 5.000m-Lauf, der sehr offen sein könnte, lauert eine große Chance für den taktisch sehr geschulten Jungspunt mit der Angewohnheit, die Leichtathletik-Welt zu verblüffen.
Ob Ingebrigtsen dann in fünf bis zehn Jahren tatsächlich der erfolgreiche Dominator zumindest auf europäischen Niveau sein wird, steht noch in den Sternen. Die Leichtathletik-Geschichte und die sportwissenschaftlichen Erkenntnisse geben in der allgemeinen Betrachtung weniger Hoffnung als man eigentlich erwarten würde.
 
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