London Marathon: Eliud Kipchoge zermürbt die Rivalen

© London Marathon / Getty Images

Es wurde kein Weltrekordversuch. Das mag auch an den hohen Temperaturen mit 22°C bei der Zielankunft des nun dreifachen London-Siegers Eliud Kipchoge liegen, der nach 2:04:17 Stunden die Ziellinie überquerte. Dennoch war der Auftritt des kenianischen Superstars in der britischen Hauptstadt eine Besonderheit. Die hochkarätige Konkurrenz, angeführt von Kenenisa Bekele, startete voller Motivation, um die Siegesserie des Olympiasiegers zu beenden. Doch Kipchoge hatte das taktische Zepter auf jedem einzelnen Meter in der Hand, diktierte, führte in einer beeindruckenden Art und Weise Regie und zermürbte die Rivalen, bis einer nach dem anderen seinem Tempo nicht mehr folgen konnte und neidlos anerkennen musste, dass Eliud Kipchoge der König des Marathonlaufs ist. Seit viereinhalb Jahren ist der 33-Jährige nun ungeschlagen und hat neun seiner zehn Marathons gewonnen. Er ist der große Meister. Sieben World Marathon Majors Siege in Folge toppen den ehemaligen Rekord von drei (Robert Cheruiyot, Samuel Wanjiru und Wilson Kipsang) um Längen. Und wer weiß, vielleicht ist der Weltrekord, der zum totalen Ruhm noch fehlt, nur bis zur nächsten günstigen Gelegenheit aufgehoben. Denn ähnlich wie in Berlin 2017 waren die Bedingungen in London nicht optimal. Kipchoge hat es – im Gegensatz zu Mary Keitany – erkannt, die richtigen Schlüsse daraus gezogen und die für ihn perfekte Strategie umgesetzt.
 

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Ein Feuerwerk zum Auftakt

Eine irrwitzige Durchgangszeit von 1:01:00 Stunden, elf Sekunden unter der historisch schnellsten Halbmarathon-Durchgangszeit aus Berlin 2016, hat Eliud Kipchoge bestellt – weit über dem Niveau des Großteils seiner Konkurrenz. Und siehe da: Im Gegensatz zu Berlin 2017, als Kipchoge aufgrund der rutschigen Straßen das Tempo drosseln ließ, führten die Pacemaker die Spitzengruppe auf die Sekunde genau wie gewünscht über die Zeitnehmungsmatte bei halber Strecke. Ein Wahnsinnstempo, das mit einem absurden 5km-Abschnitt von 13:48 Minuten begann. Vier solche Abschnitte aneinander gereiht würden zu einem Halbmarathon-Weltrekord führen, doch das Feld hatte ja 42,195 Kilometer eingeplant. Nach rund einem Viertel der Distanz pendelte der Meister das Tempo ein – auf einem konstant hohen Niveau (siehe Splits unten).
 

Sieben Läufer mit Rekord-Hälfte

Vielleicht war Eliud Kipchoge selbst überrascht, dass die minutiöse Rennplanung bei den Gegner erst späte Wirkung zeigte. Denn beim Halbmarathon waren noch sieben Läufer an der Spitze vereint. Auch Mo Farah hatte sich entschieden, dass Tempo mitzugehen. Dies hatte einen einfachen Grund: Eine eingeplante Gruppe mit einem Angangstempo von 1:01:45 Stunden, die sowohl Farah als auch Kenenisa Bekele präferiert hätten, ist nie zustande gekommen. Einzig Kipchoge Berlin-Rivale Guye Adola war abgefallen und sollte in einem fortgeschrittenen Freizeittempo ins Ziel joggen. Doch Kipchoge hatte Vertrauen in seinen Plan und hielt das Tempo konstant. Bis zum letzten 5km-Abschnitt, als er endlich alleine vorne war, war kein 5km-Schnitt über 14:50 Minuten.
 
Eliud Kipchoges 5km-Splits: 13:48 – 14:31 – 14:46 – 14:46 – 14:44 – 14:48 – 14:49 – 15:02 – 6:52 Minuten
 

Ausschneidungsrennen

Es entwickelte sich das klassische Ausscheidungsrennen. Als Erster musste Amsterdam- und Honolulu-Sieger Lawrence Cherono, am Ende Siebter, knapp vor dem Halbmarahton abreißen lassen. Als nächster verlor der zweifache Weltmeister Abel Kirui nach 25 Kilometern leicht den Anschluss, hielt aber Kontakt und ließ sich vorerst nicht entscheidend distanzieren. Am Ende finishte 35-jährige Kirui seinen besten Marathon seit Jahren (trotz des Sieges in Chicago 2016) auf Platz vier in einer Zeit von 2:07:07 Stunden.
 

Bekele und Wanjiru fallen zurück

Der ersten wahren Teilerfolg feierte Kipchoge nach ziemlich genau zwei Drittel der Distanz. Der vermeintliche Hauptrivale Kenenisa Bekele und Titelverteidiger Daniel Wanjiru konnten binnen weniger Augenblicke dem Tempodiktat nicht mehr folgen. Der Äthiopier lief das Rennen zu Ende und wurde am Ende in einer für ihn bescheidenen Zeit von 2:08:53 Stunden Sechster. Zu sehr hatte die rasante erste Hälfte auch an seinen Reserven genagt. Noch schlimmer erging es Wanjiru, der bis auf Position acht durchgereicht wurde und eine kleine, unfreiwillige Lehrstunde erteilt bekommen hat.
 

Kitata als hartnäckiger Gegner

Kipchoges Tempodiktat entfaltete nun seine ganze Wirkung, ohne dass er selbst in Schwierigkeiten kam. Kurz vor Kilometer 30 riss eine kleine Lücke zum am Ende guten fünften Bedan Karoki und auch zu Mo Farah, dessen Zwischenzeit von Kilometer 30 von 1:27:31 Stunden auf einen klaren neuen Europarekord hinwies. Nur der Äthiopier Shura Kitata folgte Kipchoge weiterhin, exakt bei Kilometer 35 ging eine kleine Lücke auf. Doch der Sieger des Frankfurt Marathon 2017 kämpfte beachtlich, auch bei Kilometer 40 betrug der Abstand nur elf Sekunden. „Ein bisschen habe ich mir Sorgen gemacht, er war sehr stark. Aber insgesamt habe ich das Rennen sehr genossen. Genauso wie ich jeden Sieg genieße“, kommentierte Kipchoge nach dem Rennen. Kitata belohnte sich mit einer fetten persönlichen Bestleistung von 2:04:49 Stunden. Der erst 21 Jahre alte Äthiopier ist der 40. Läufer in der Geschichte des Marathonlaufs, der auf regelkonformen Strecken die Zeit von 2:05 Stunden unterbieten konnte. Es war Kitatas erster Auftritt bei einem World Marathon Major.
Die Siegerzeit von Eliud Kipchoge von 2:04:17 Stunden erscheint angesichts seiner konstanten Leistungen auf höchstem Niveau über Jahre unspektakulär, ist aber die zweitschnellste Siegerzeit in der Geschichte des London Marathon nach seinem eigenen Streckenrekord von 2:03:05 Stunden vor zwei Jahren. Das wäre angesichts des Weltrekordtraums fast untergegangen.
 

Kein europäischer, aber britischer Rekord

Mo Farah hat bei seinem ersten Marathon seit seiner Entscheidung, auf die Straße zu wechseln, eine wichtige Lektion gelernt, sich der Herausforderung aber mit einer prächtigen Leistung gestellt. Der Brite musste lange Zeit ein Tempo gehen, das zu hoch für sein Niveau war. Das ist schlussendlich der Grund, warum ihm der bereits sicher geglaubte Europarekord mit 5km-Abschnitten von 15:44 und 15:55 Minuten im Finale noch aus den Händen glitt. Das Minimalziel erreichte er und verbesserte den 33 Jahre alten britischen Rekord von Steve Jones um 52 auf eine Zeit von 2:06:21 Stunden – eine bravouröse Leistung. Was noch bemerkenswerter ist am Auftritt Farahs in London: Er schaffte es trotz einiger Probleme an den Verpflegungsstellen und zahlreicher namhafter Gegner auf das Podest. In einem Rennen, das nicht nach seinem Plan ablief. Ein hervorragendes Fundament für alle weiteren Marathon-Pläne. „Ich hatte noch nie so viele Schmerzen in einem Wettkampf wie heute“, sagte er im Anschluss. Auch das ist ein wichtiger Marathon-Lerneffekt.
Erstmals erreichten über 40.000 Läuferinnen und Läufer die Ziellinie beim London Marathon.
 
Der RunAustria-Bericht des Frauen-Rennens: Cheruiyots Glanzleistung bestraft Keitanys absurde Tempojagd
 

Ergebnis London Marathon der Männer

1. Eliud Kipchoge (KEN) 2:04:17 Stunden
2. Shura Kitata (ETH) 2:04:49 Stunden
3. Mo Farah (GBR) 2:06:21 Stunden
4. Abel Kirui (KEN) 2:07:07 Stunden
5. Bedan Karoki (KEN) 2:08:34 Stunden
6. Kenenisa Bekele (ETH) 2:08:53 Stunden
7. Lawrence Cherono (KEN) 2:09:25 Stunden
8. Daniel Wanjiru (KEN) 2:10:35 Stunden
9. Amanuel Mesel (ERI) 2:11:52 Stunden
10. Yohanes Gebregergish (ERI) 2:12:09 Stunden
11. Igor Olefirenko (UKR) 2:15:06 Stunden
12. Stephen Scullion (IRE) 2:15:55 Stunden
13. Fernando Cabada (USA) 2:17:39 Stunden
14. Jonny Mellor (GBR) 2:17:55 Stunden
15. Daniel Wallis (GBR) 2:19:40 Stunden
16. John Gilbert (GBR) 2:20:19 Stunden
17. Gary O’Hanlon (IRE) 2:21:14 Stunden
18. Samuel Chelanga (USA) 2:21:17 Stunden
19. Tony Payne (GBR) 2:21:53 Stunden
20. Steven Bayton (GBR) 2:22:53 Stunden

40. Guye Adola (ETH) 2:32:35 Stunden
 
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