US-Amerikaner träumen groß vor Boston Marathon

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Der Boston Marathon ist der mit Abstand traditionsreichste Städte-Marathon der Welt und gewissermaßen der Stolz der Amerikaner. Zumindest der US-amerikanischen Laufszene. Zum 122. Mal findet er am Patriots Day, immer der dritte Montag im April statt, und lockt knapp 30.000 Läuferinnen und Läufer an den Start. Ein Vielfaches an begeistertem Publikum reiht sich zum Anfeuern entlang der Strecke auf. Nur eines passt am jährlichen Frühjahrs-Lauffeiertag in der Hauptstadt Massachuesetts nicht ins Bild. Während Meb Keflezighi 2014 eine über 30 Jahre alte Durststrecke beendete, steht die USA bei den Frauen seit 1985 (Lisa Weidenbach) ohne Sieg da. Doch die Erfolge von Shalane Flanagan (New York City Marathon) und Galen Rupp (Chicago Marathon) sowie die guten Resultate von Jordan Hasay und das Boston-Debüt von Molly Huddle lassen die Hoffnungen so hoch steigen wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Und so hofft der ewig optimistische und ewig patriotische Amerikaner auf den ersten Doppelsieg an einem Patriots Day seit 35 Jahren.
 

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„Unfinished business“

Fakt ist: So viele durchaus vorstellbare Siegkandidatinnen hatte die USA beim Boston Marathon schon seit langer, langer Zeit nicht mehr. Die wahrscheinlich aussichtsreichste ist Shalane Flanagan. Die 36-Jährige, die aus der Nähe von Boston stammt, hat nach ihrem Fabel-Triumph beim New York City Marathon 2017 lange überlegt, ob sie überhaupt weitermacht. Sie hat sich dafür entschieden, noch einmal zu versuchen, den Traum von New York zu übertreffen – mit einem Heimsieg in Boston. „Unfinished business“, nennt sie es. Der Sieg beim Boston Marathon fehlt noch zur vollkommenen Karriere. „Ich hatte nach dem Sieg in New York in meinem Kopf eine Version des Patriots Day, in der ich nicht gelaufen bin. Das fühlte sich nicht richtig an. Ich habe dann eine Version kreiert, in der ich an der Startlinie stehe und tausende Zuschauer mich anfeuern. Fit, gesund, wie in New York. Ich hätte es bereut, mir nicht noch eine Chance zu geben“, philosophiert der Routinier im Gespräch mit Runner’s World. Das Verlangen Flanagans, deren Popularität nach dem Coup am Big Apple in den USA enorm gesteigert ist, nach einem weiteren Versuch in Boston, wo sie bisher nicht von Glück verfolgt war, wurde immer größer. „Der Versuch, in Boston zu gewinnen, kostet mich nur wenige Monate. Ich habe danach ein ganzes restliches Leben für all die anderen Dinge Zeit“, lautete der motivierte Entschluss, den Flanagan im Triumph von New York begründet. Aber auch Flanagan weiß: „Ich bin nicht mehr die Jüngste. Aber nichts ist Wichtiger für mich als dieses Rennen!“
 

Americas next marathon star

Shalane Flanagan ist der Routinier, der vor ihrem Karriereende steht. Dagegen steht die Karriere der erst 26-jährigen Jordan Hasay erst am Anfang. Zwei bärenstarke Marathons im Jahr 2017, die in Stockerlplätzen in Boston und Chicago endeten, untermalen ihr Potenzial. Jordan Hasay, die unter Alberto Salazar trainiert, ist die Gegenwart und Zukunft des US-amerikanischen Marathonlaufs. Ob sie beim Boston Marathon 2018 um den Sieg mitkämpfen kann, ist aufgrund einiger mittelmäßiger Unterdistanzleistungen in diesem Jahr und der kurzfristigen Absage bei der Halbmarathon-WM Ende März allerdings fraglich.
 

Viel versprechende Halbmarathonleistungen

Der Joker der US-Amerikanerinnen ist eine, die erst einen Marathon gelaufen ist. Diesen, 2016 in New York, beendete sie jedoch auf dem Podest. Im Unterschied zu damals waren dieses Mal die Halbmarathon-Vorleistungen von Molly Huddle aber deutlich besser, was sie zur nächsten amerikanischen Hoffnung auf den Sieg macht. 1:07:25 Stunden lautete ihr zu Jahresbeginn in Houston aufgestellter Landesrekord. „Das wird ein spannender Marathon aus US-amerikanischer Sicht“, freut sich die 33-Jährige. „Jordan ist auf dem Weg nach oben, wie ihre letzten beiden Rennen klar zeigen. Shalane ist sowieso ein Hero in ihrer Heimat und kennt die Strecke aus dem Effeff. Und ich bring einen guten Speed mit. Wir sind nicht nur da, um die Top-Amerikanerin zu sein. Wir wollen gewinnen!“ Noch kämpferischer zeigt sich Huddles Coach Ray Treacy: „Würde Molly im Moment auf einem flachen Kurs wie Berlin oder London laufen, würde sie unter 2:20 Stunden bleiben!“ Man darf gespannt sein nach solchen Phrasen…
 

Auch Linden sieht ihre Chance

Wenn es um US-amerikanische Siegkandidatinnen geht, muss auch über Desiree Linden gesprochen werden. Die 34-Jährige hat 2011 in Boston eine Zeit von 2:22:38 Stunden erzielt und im Duell mit der Kenianerin Caroline Kilel nur knapp den kürzeren gezogen. Linden, im letzten Jahr Vierte, will auch heuer bis zum Schluss um die vorderen Positionen mitkämpfen.
Auch Deena Kastor, die mittlerweile 45-jährige US-amerikanische Rekordhalterin, steht in Boston am Start. Die Olympia-Medaillengewinnerin von Athen 2004 hält mittlerweile auch den US-amerikanischen Mastersrekord.
 

Keine Beschwerden

Die Möglichkeit eines US-Siegs bei den Frauen scheint real, doch die ausländische Konkurrenz um Titelverteidigerin Edna Kiplagat aus Kenia wird etwas dagegen haben. Wie die Zahlen allerdings leicht bestätigen: Der US-amerikanische Marathonlauf der Frauen war noch nie so gut besetzt wie zurzeit. Und die komplette Spitze mit Ausnahme von Amy Cragg, die den Tokio Marathon erfolgreich bestritten hat, ist die komplette Spitze in Boston am Start. „Was den Langstreckenlauf in den USA betrifft, gibt es aktuell keinen Raum für Beschwerden“, stellt Deena Kastor fest. Heißt auch, die Wahrscheinlichkeit eines Heimsiegs ist so hoch wie lange nicht mehr.
 

Rupp einzige Sieg-Hoffnung bei den Männern

So breit das Feld der ambitionierten Spitzenläuferinnen bei den Frauen, die eine Siegchance sehen, so konzentrieren sich die heimischen Hoffnungen bei den Männern auf eine Person. Galen Rupp, im Vorjahr Zweiter und im Herbst Sieger des Chicago Marathon. Rupps Coach Alberto Salazar schickte voraus, dass sein Schützling noch nie so gut vorbereitet in einen Marathon geht wie dieses Mal – die Leistung von 59:47 Minuten beim Halbmarathon Rom-Ostia stützt diese These. Im Kampf um den Sieg beim Boston Marathon muss sich der US-Amerikaner von der Westküste allerdings gegen ein deutlich stärkeres Feld wehren als im Herbst in Chicago.
Rupps Landsmann Dathan Ritzenhein, der viele Hoffnungen in den Boston Marathon 2018 gesetzt hatte, musste verletzungsbedingt kurzfristig passen.
 
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