Wilson Kipsang jagt den Weltrekord in Tokio

Wilson Kipsang beim Berlin Marathon 2016. © SIP / Johannes Langer

Wilson Kipsang hat beste Erfahrungen an seine Entscheidung, im Jahr 2017 den Tokio Marathon und dessen neue Strecke dem Gipfeltreffen der Stars beim London Marathon zwei Monate später vorzuziehen. Und natürlich an die sportliche Umsetzung. Mit einem neuen Streckenrekord von 2:03:58 Stunden schaffte er im Vorjahr als erster Marathonläufer der Geschichte, zum vierten Mal unter 2:04 Stunden zu bleiben. Nach diesem großartigen Erfolg nur wenige Monate nach seinem legendären Zweikampf mit Kenenisa Bekele beim Berlin Marathon steigen die Ambitionen. Für den diesjährigen Tokio Marathon hat der Titelverteidiger nichts anders als den Weltrekord von Dennis Kimetto im Blick. Kimetto löste 2014 in Berlin mit einer Zeit von 2:02:57 Stunden ausgerechnet Kipsang als Weltrekordhalter ab. Nun will sich der 35-Jährige endlich den Platz an der Sonne zurückholen.
 

Wilson Kipsang beim Berlin Marathon 2016. © SIP / Johannes Langer
Wilson Kipsang beim Berlin Marathon 2016. © SIP / Johannes Langer
Brüderliche Unterstützung

„Gutes Wetter, ein guter Wettbewerb und die Strecke des Tokio Marathon sind gute Rahmenbedingungen, um eine Weltrekordzeit zu produzieren. Ich will ein superschnelles Tempo vorlegen und schauen, was dann passiert“, kündigt der kenianische Star an. Optimismus zeigt auch Renndirekor Tad Kayano: „Ich erwarte ein denkwürdiges Jahr für den Tokio Marathon. Das Elitefeld ist stark genug, um den Weltrekord anzugreifen. Außerdem hat Kipsang nun Erfahrungswerte auf der Strecke. Er strebt einen neuen Streckenrekord an, vielleicht reicht es für den Weltrekord.“ Ein Trio an Pacemakern, unter ihnen Kipsangs Bruder Noah Kiprotich (Wilson heißt mit vollem Namen Wilson Kipsang Kiprotich), soll so lange wie möglich eine Pace von 2:54 Minuten pro Kilometer anschlagen. Kiprotich ist 29 Jahre alt und hält bei einer persönlichen Bestleistung von 1:00:25 Stunden im Halbmarathon. „Ich liebe den Laufsport und möchte irgendwann jene Erfolge feiern, die mein Bruder bereits erzielt hat“, wird er auf der Website von „Daily Nations“ zitiert.
 

Klare Favoritenstellung

Ob Dennis Kimetto wirklich um seinen Weltrekord zittern muss, ist trotz des Optimismus des Starathleten und des Organisators fraglich. Schließlich müsste Kipsang um über eine Minute schneller laufen als im Vorjahr. Zwar ist das Elitefeld der Herren etwas stärker besetzt als 2016, aber ob der Kenianer wirklich den Impuls leistungsstarker Konkurrenten bekommt, um die Vorzüge des Wettbewerbs zu genießen, ist fraglich. Achtmal hat Wilson Kipsang in seiner Karriere die Zeit von 2:05 Stunden unterboten, nur einem seiner Konkurrenten gelang das öfters als einmal: Tsegaye Mekonnen. Ein weiteres Fragezeichen ergibt sich dadurch, dass die meisten Tokio-Konkurrenten ihre Bestleistungen auf dem ultraschnellen Kurs in Dubai gelaufen sind und zuletzt nicht in Top-Form agierten. Unter dem Strich ist der Vorjahressieger der haushohe Favorit auf den Triumph in diesem Jahr.
 

Herausforderer zuletzt in Formkrise

Aus der Gruppe der leistungsstarken Herausforderer Kipsangs sind mit dem äthiopischen Olympia-Teilnehmer und ehemaligen Hamburg-Sieger, Tesfaye Abera und dem zweifachen Amsterdam-Sieger und Tokio-Zweiten von 2016, Bernard Kipyego bereits zwei Athleten vor dem Startschuss wegen Krankheit bzw. Verletzung ausgeschieden. Übrig bleiben die Kenianer Dickson Chumba, Vincent Kipruto, Amos Kipruto, Gideon Kipketer sowie die Äthiopier Tsegaye Mekonnen und Feyisa Lilesa. Chumba gewann 2014 in der japanischen Metropole und belegte im Vorjahr den dritten Platz, als er 35 Kilometer lang mit Kipsang mitlaufen konnte. Kipruto konnte nach schwächeren Jahren mit Platz fünf in Berlin 2017 aufzeigen, der 25-jährige Kipketer lief vor einem Jahr in persönlicher Bestleistung von 2:05:51 Stunden auf den zweiten Platz, sein bisher größter Erfolg. Mekonnen gewann im vergangenen Jahr in Hamburg, enttäuschte aber bei den Weltmeisterschaften. Und Lilesa fehlt seit den Olympischen Spielen von Rio ein Top-Resultat. Die Ränge zwölf bei der WM in London und 14 beim Chicago Marathon lassen jedenfalls nicht vermuten, dass er mit Kipsang mithalten kann. Zusammengefasst: Es wäre eine große Überraschung, wenn ein Läufer aus dem Feld trotz der namhaften Besetzung Kipsang bei einem Lauf in Weltklassetempo herausfordern könnte. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass der Kenianer seinen Weltrekordtraum als Solist realisieren müsste.
 

Jagd auf den japanischen Rekord

Realistischer als der Weltrekordtraum von Wilson Kipsang erscheint das zweite große Ziel der Veranstaltung: ein japanischer Landesrekord. Dieser steht seit mehr als 15 Jahren bei einer Marke von 2:06:16 Stunden, wird gehalten von Toshinari Takaoka, der damals beim Chicago Marathon auf Rang drei lief, und ist gleichbedeutend mit dem asiatischen Kontinentalrekord. Doch mit Yuta Shitara, einem furchtlosen und wilden Läufer, wenn man seine Rennstrategien zu Gemüte führt, hat Japan wieder einen leistungsstarken Läufer, der an die Weltklasse klopft. Im letzten Jahr stürmte er beim Tokio Marathon mit der irren Zwischenzeit von 1:01:55 Stunden mit der Spitze über die Zeitnehmungsmatte beim Halbmarathon und ging auf der zweiten Hälfte ein. Ähnliches widerfuhr ihm im Herbst in Berlin, eine Woche nach einem japanischen Rekord im Halbmarathon. Wählt er heuer eine etwas konservativere Herangehensweise, ist eine 2:06er Zeit sicherlich möglich. Der Veranstalter greift ihm unter die Arme, eine eigene Pacemakergruppe gibt den Takt für den japanischen Rekord vor (2:58 Minuten pro Kilometer bis Kilometer 30, Anm.).
 

Enormes Preisgeld

Hinblicklich der Olympischen Spiele 2020 greift der Veranstalter tief in die Tasche und schüttet historisches Preisgeld aus: 100 Millionen japanische Yen (das entspricht rund 760.000 Euro) gibt es für einen japanischen Landesrekord zu verdienen, immerhin noch 76.000 Euro für eine Zeit unter 2:07 Stunden. Der 26-jährige Shitara, der nur bei einer Bestleistung von 2:09:03 Stunden hält, da er bisher vor allen Dingen im Halbmarathon und auf Teilstrecken des Marathons überzeugte, ist nicht der einzige japanische Läufer im Feld, der eine Spitzenplatzierung anstrebt. Hiroto Inoue, ein Jahr jünger, hält bei einer persönlichen Bestleistung von 2:08:22 Stunden, erzielt im Vorjahr mit Rang acht. Hiroyuki Yamamoto verfügt ebenfalls über Bestleistungen unter 2:10 Stunden, der 38-jährige Routinier Suehiro Ishikawa musste kurzfristig wegen einer Verletzung passen. Der 22-jährige Kengo Suzuki, der über eine Halbmarathon-Bestleistung von 1:01:36 Stunden verfügt, feiert seine Marathon-Premiere.
35.500 Läuferinnen und Läufer werden am Sonntag auf die Strecke gehen, die Startplätze beim Tokio Marathon sind limitiert.
 
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