„Ein Alleinstellungsmerkmal unter Metropolen“

© VCM / Finisher Pix

Seit 16 Jahren ist Dr. Andreas Mailath-Pokorny als Stadtrat für Kultur und Wissenschaft Mitglied der Wiener Landesregierung. 2015 wurde der Aufgabenbereich des erfahrenen Politikers mit dem Ressort Sport erweitert. Im Interview mit RunAustria betont der passionierte Freizeitläufer die Bedeutung des Laufsports für die Bundeshauptstadt, untermalt die Bedeutung der großen Wiener Lauf-Veranstaltungen und begegnet dem Thema Förderung auf diplomatischer Ebene.
 

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Vor 25 Jahren lief Andreas Mailath-Pokorny in Los Angeles einen Marathon. © Christian Jobst
 
RunAustria: Rund 200.000 Wienerinnen und Wiener schnüren einer Spectra-Studie zufolge mindestens einmal pro Woche die Laufschuhe. Das lässt nur einen Schluss zu: Wien ist eine Läuferstadt! Ist das eine willkommene Komponente im Image der Stadt Wien, die als Kulturmetropole weltbekannt ist? Und welche Rolle spielt diese Tatsache in der Positionierung der Stadt auf internationalen Terrain?
Dr. Andreas Mailath-Pokorny: Absolut, Wien ist eine Läuferstadt! Man startet seine Laufrunde direkt vor der Haustüre, ist relativ rasch in naturnahen Gebieten, wo man unbehelligt vom Verkehr seinem Sportvergnügen nachgehen kann. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal unter Millionen-Metropolen, das international viel zu wenig bekannt ist. Natürlich kommen Menschen gerne wegen der Kultur nach Wien. Aber wir wollen sie wissen lassen, dass sie für den Trip ruhig auch ihre Laufschuhe einpacken können. Die unkomplizierte Sportausübung während einer Reise wird für viele zunehmend wichtiger, was ein enormer Wettbewerbsvorteil für Wien ist.

Die unkomplizierte Sportausübung während einer Reise wird für viele zunehmend wichtiger, was ein enormer Wettbewerbsvorteil für Wien ist.

Die vier großen Laufveranstaltungen – Vienna City Marathon, Österreichischer Frauenlauf, Businessrun und Vienna Night Run – erzielen gemeinsam über 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer jährlich. Wie bedeutend ist Ihrer Ansicht nach der Einfluss von Lauf-Veranstaltungen als Impulsgeber für regelmäßiges Laufen und folglich für einen aktiveren, gesünderen Lebensstil?

Lauf-Veranstaltungen wirken dreifach: Erstens: Die Läufer, die sich für die Teilnahme daran aktiv vorbereiten, machen Sport. Das ist gut. Zweitens: Die Menschen, die sich als Zuschauer passiv an den Veranstaltungen teilnehmen, werden motiviert, selbst Sport auszuüben. Das ist besser. Drittens: Die Bilder, die von diesen Veranstaltungen um die Welt gehen, zeigen, dass Wien eine lebendige, lebensfrohe und offene Metropole ist. Nicht die Gebäude machen eine Stadt, sondern die Menschen. Das ist unüberbietbar.
 
 
Welchen Stellenwert nehmen Lauf-Veranstaltungen im Vergleich zu anderen Sport-Veranstaltungen für die Stadt Wien ein?
Einen großen. Laufen ist ein egalitärer, verbindender Sport, der niemand ausgrenzt. Man kann alles machen: Allein, in der Gruppe, Sprint- oder Langstrecke. Egal ob Kind oder Oma, jederzeit zum kleinen Preis von Laufschuhen. Die Lauf-Veranstaltungen motivieren zu beginnen oder weiterzumachen. Und: Sie machen die Stadt erlebbar. Laufen durch die eigene Stadt, lässt einem seine vermeintlich vertraute Umgebung ganz anders wahrnehmen.

Die Bilder, die um die Welt gehen, zeigen, dass Wien eine lebendige, lebensfrohe und offene Metropole ist.

Lauf-Veranstaltungen zeichnen sich durch ihre internationale Ausstrahlung, die hervorragende Vereinigung zwischen Leistungssport, Breitensport und Jugendsport sowie dem Vorleben eines aktiven Lifestyles aus. Wo sehen Sie eine aktive Rolle der Politik, um gestaltend mitzuwirken?
Die Politik kann fördern – finanziell, organisatorisch, aber auch ideologisch. Damit meine ich, dass man als Politiker die Aufgabe hat, Bewusstsein zu schaffen. Bewusstsein für die Kraft des Laufens. Nicht nur die Kraft, die vom Läufer ausgeht, sondern die Kraft, die auf die gesamte Gesellschaft übergeht. Laufen, Lachen, Lieben. Es sind die L-Worte, die glücklich machen.
 
 
Laufsport hat für den Einzelnen wie auch für die Stadt einen grundlegenden Vorteil: Es ist zeit- und raumunabhängig, es braucht keine zusätzliche Infrastruktur zu Rad- und Fußgängerwegen und zahlreichen Grünflächen und Erholungszonen im Stadtgebiet. Lauf-Veranstaltungen sind dagegen auf Förderungen angewiesen. Welches Budget steht den Wiener Lauf-Events von Seiten der Stadt Wien pro Jahr zu Verfügung?
Neben den international bekannten Lauf-Events wie dem Vienna City Marathon, dem Frauenlauf, dem Night- und Businessrun bietet Wien unzählige regionale Laufbewerbe. Über die Plattform wien.läuft werden ebenfalls eine große Anzahl an Läufen organisiert. Beantragte Förderungen werden immer unter mehreren Gesichtspunkten überprüft bzw. genehmigt. Naturgemäß schwanken daher diese Beträge von Jahr zu Jahr. Insgesamt konnte aber auch für das nächste Jahr wieder ein Sportbudget geschnürt werden, mit dem Wien klar als Erster durch das Ziel läuft.

Laufen, Lachen, Lieben. Es sind die L-Worte, die glücklich machen.

Reicht dieses Budget Ihrer Meinung nach aus?
Es kann immer mehr sein. Wichtig ist, dass im Vergleich zu anderen Sportarten eine Ausgewogenheit herrscht. Mir ist klar, dass man das als Läufer mitunter ungerecht empfindet, wenn kostenintensive Sportarten, die vielleicht Randsportarten sind, vergleichsweise viel Unterstützung erhalten. Doch seien wir ehrlich: Ein Läufer kann immer laufen. Überall. Das ist der wahre Luxus dieses Sports. Ein Luxus, der beispielsweise für einen Kanuten keine Gültigkeit hat.
 

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Vor kurzem hat VCM-Veranstalter Wolfgang Konrad öffentlich eine „Ungleichbehandlung auf der Veranstaltungsebene“ reklamiert und dabei das Beispiel der Beachvolleyball-WM 2017 gebracht, die die sechsfache Förderung des Vienna City Marathon erhalten hat. Finden Sie diese Kritik berechtigt?
Kritik ist immer berechtigt. So funktioniert unsere Gesellschaft. Wenn man rein die Zahlen betrachtet, dann herrscht eine Ungleichbehandlung. Das stimmt. Es handelt sich jedoch um zwei vollkommen unterschiedliche Veranstaltungen. Während die Beachvolleyball-WM zum ersten Mal in Wien stattfand, hat Wolfgang Konrad mit seinem Lebenswerk VCM eine etablierte Trademark geschaffen, die seit Jahrzehnten aus dem nationalen und internationalen Eventkalender nicht mehr wegzudenken ist. Beachvolleyball ist das Küken, der VCM ein Titan.

Wenn man rein die Zahlen betrachtet, dann herrscht eine Ungleichbehandlung.

Ist Laufen im Vergleich zu modernen Trendsportarten zu traditionell, zu wenig Party-Event für die heutige (Wiener) Sportszene?
Es gibt die aktive und passive Sportkonsumation. Das sind zwei unterschiedliche Konzepte, die man nicht notgedrungen miteinander vermengen muss. Für die 40.000 Läufer des VCM ist die aktive Bewältigung der Strecke die Party. Für die 180.000 Besucher der Beachvolleyball-WM, ist das passive Erlebnis des Spiels das Event. So gesehen kommt jeder auf seine Rechnung.
 
 
Der Vienna Night Run wurde kürzlich als erstes österreichisches Lauf-Event vom Sportvermarkter-Giganten „Infront“ übernommen, der im Besitz des größten chinesischen Immobilien- und Unterhaltungskonzerns „Wanda Group“ ist. Mit welchen Gefühlen beobachten Sie diesen Schritt?
Lauf-Events leben von ihrer Unverwechselbarkeit. Andernfalls ist die Teilnahme nur eine verlängerte Trainingseinheit, langweilige Routine. Die Unverwechselbarkeit wird durch viele Faktoren bestimmt, unter anderem vom Veranstalter. Und wir Wienerinnen und Wiener gehen doch immer noch lieber ins Kaffeehaus, anstatt uns am Tresen einer internationalen Barista-Kette anzustellen.

Wir Wienerinnen und Wiener gehen immer noch lieber ins Kaffeehaus, anstatt uns am Tresen einer internationalen Barista-Kette anzustellen.

Der Laufsport hat sich über Jahrzehnte hinweg positiv entwickelt. Welche Lauf-Erfahrungen haben Sie persönlich gesammelt?
Ich selbst gehe regelmäßig Laufen. Zum Beispiel in der Prater Hauptallee. Gerne würde ich öfter laufen. Und ich hoffe, dass meine Knie meinen Ambitionen weiterhin die Treue halten.
 
 
Herzlichen Dank für das spannende Gespräch!