Unzureichende Vorbereitung?

Wenn Andreas Vojta vom besten Crosslauf-EM-Rennen seiner Karriere spricht, sich mit Rang 32 im Herren-Bewerb zufrieden zeigt und auch zurecht Anerkennung von außen für seine Leistung bekommt, so ist er leider die große Ausnahme im größten Crosslauf-EM-Nationalteam der Geschichte Österreichs. Mit 22 Läuferinnen und Läufer war die rot-weiß-rote Delegation über die östliche Grenze ins nahe Samorin gereist, nur Vojta schaffte eine Platzierung in der ersten Hälfte der jeweiligen Ergebnisliste. Angesichts des breiten Kaders war die Erwartungshaltung niedrig und Positionen im Hinterfeld wurden bewusst bereits im Vorfeld in Kauf genommen. Eine realistische Erwartungshaltung ließ auch kaum etwas anderes zu und die Sportlerinnen und Sportler haben das Recht, an einer realistischen Erwartungshaltung gemessen zu werden. Dasselbe gilt auch für den Verband selbst, der historisch fundiert auch nicht zur erweiterten europäischen Spitze gehört. Erst recht nicht im Laufbereich.

Läuferinnen und Läufer haben das Recht, an einer realistischen Erwartungshaltung gemessen zu werden.

Es gab nachvollziehbare Argumente für die Entscheidung, ein derartig großes Team zu schicken. Die geografische Nähe bot eine großartige Chance, auch Läuferinnen und Läufern, die nicht immer im Rampenlicht stehen, wertvolle Erfahrungen auf internationalem Parkett zu schenken. Es gab sicherlich auch Argumente dagegen. Zum Beispiel die fehlende individuelle Klasse mancher Nominierten gemessen an der Qualität bei Crosslauf-Europameisterschaften. Fünf Bewerbe besetzte der ÖLV, nur in einem einzigen schafften es zwei Läufer mit der Aufschrift „Austria“ am Laufdress in die Top-50 – bei einer durchschnittlichen Starterfeld-Größe von knapp 100 Athleten. Die Resultate nahmen Konturen der schlimmsten Befürchtungen an. Daher schlägt nun an eine alt bewährte Floskel zu: Misserfolge gehören im Sport dazu, sie gehören aber ehrlich aufgearbeitet.
Die überwiegend wohl ehrlichen Analysen der Athleten selbst direkt nach ihren Rennen skizzieren einen ernüchternden Eindruck: Stürze en mass, überrascht vom hohen Tempo, gelähmt von der Kälte, Magenprobleme, Krämpfe usw. Diese Misere münzte sich prompt in die tatsächlichen Resultate um: Hans Peter Innerhofer kam trotz guter Verfassung im U23-Rennen nicht unter die besten 50 Europas und klagte anschließend über Magenprobleme. Albert Kokaly finishte bei den Junioren auf Rang 69 und lag dabei 16 Positionen hinter dem Ungarn Istvan Palkovits, den er drei Wochen zuvor bei der CrossAttack in Salzburg, einem Event der European Athletics Permit Meetings, spielerisch leicht paniert hatte. Paul Scheucher musste nach einem Sturz aufgeben und auch die Juniorinnen verfehlten die obere Hälfte im Ergebnis unerwartet deutlich. Etliche ÖLV-Athletinnen und Athleten kämpften um die hintersten Positionen, Bernadette Schuster kam sogar als Allerletzte im Damen-Rennen über die Ziellinie.

Misserfolge gehören im Sport dazu, sie gehören aber ehrlich aufgearbeitet.

Wenn innerhalb eines 22-köpfigen Nationalteams Platzierungen in der ersten Hälfte eines Feldes die absolute Ausnahme bilden – und das teilweise in auf wenige Jahrgänge begrenzten Rennen der Altersklasse U23 und U20, sei eine Frage erlaubt: War das österreichische Nationalteam wirklich ausreichend vorbereitet? Wenn Athletinnen und Athleten aus dem Nationalteam sich beim Höhepunkt der Spätherbst-/Wintersaison von der Situation vor Ort, den äußeren Begebenheiten und dem Wettkampf-Niveau auf dem falschen Fuß erwischen lassen, kommt der Verdacht auf, dass sie in der Vorbereitung nicht richtig auf die Aufgabe eingestellt wurden.
Stürze, Kälte und hohes Tempo sind nichts Unvorhersehbares bei Crosslauf-Europameisterschaften. Die Temperaturen in Samorin entsprachen der Jahreszeit – dass die letzten beiden Crosslauf-Europameisterschaften im mediterranen Klima ausgetragen wurden, war eher die Ausnahme. Stürze sind beim Crosslauf insbesondere im Mittelfeld Gang und Gebe, aber in dieser Häufigkeit? Und wer bei einer Crosslauf-EM mithalten will, muss ein hohes Tempo vom Startschuss weg gehen können – ohne gemütliche Eingewöhnungsphase im ersten Rennviertel. Wie soll das anders sein, wenn teilweise die zweite Reihe aus dem kleinen Leichtathletik-Land Österreich zur Crosslauf-EM reist, wo Fachleute von den Mittelstrecken über den Langstrecken bis hin zum Marathon aus fast 40 Nationen aufeinander treffen und für die am stärksten besetzten Läufe des Jahres mit rein europäischer Beteiligung sorgen? Dass da auf einer leichten Crosslauf-Strecke wie in Samorin vom Start weg das Gaspedal durchgedrückt wird, ist kein Wunder. Dass in dieser Diskussion Einzelschicksale im gesundheitlichen Bereich wie die Schmerzen im Bereich der Achillessehne von Valentin Pfeil, der sich trotz Zielankunft schwerer verletzt hat als befürchtet, oder die Rückenbeschwerden von Nada Pauer individuell zu bewerten sind, ist selbstverständlich. Dass im Sport in einem derartig großen Team alles wie geschmiert läuft, widerspricht ohnehin der Natur der Dinge.

Eine ehrliche Analyse bringt einen Gesamteindruck, der auch mit Wohlwollen nicht positiv bewertet werden kann.

Das Abschneiden des ÖLV-Nationalteams in Samorin überwiegend positiv ins Licht zu stellen, wie das der Verband in der Nachbetrachtung öffentlich ausgesprochen offensiv getan hat, streut Sand in die Augen und kann nicht der richtige Weg sein. Eine ehrliche Analyse bringt nämlich einen Gesamteindruck, der auch mit Wohlwollen nicht positiv bewertet werden kann. Schön, dass das auf kleinerer Ebene so gesehen wird. Auf der Facebook-Seite des ÖLSZ Südstadt wurde ein Post mit folgendem Inhalt veröffentlicht: „Selten werden negative Ergebnisse gepostet – doch es gibt sie trotzdem, sie verschwinden nicht, wenn man nicht darüber berichtet. Sie sind manchmal wichtiger als die positiven, denn sie zwingen uns, Dinge zu hinterfragen, wir lernen daraus, wir wachsen daran.“ Ob dieser Post als Spitze gegen den ÖLV gemeint ist, der auf seiner Facebook-Seite nicht über die Cross-EM 2017 berichtet hat? Oder gegen mangelnde Berichterstattung der österreichischen Medienlandschaft generell? Oder beides?

Es ist schwer vorstellbar, dass die Leistungen in Samorin das Standing der Läufer innerhalb des ÖLV verbessert haben.

In seiner Analyse hob Günther Weidlinger, Teamleiter für den Sektor Lauf im ÖLV, den Teamgeist und den individuellen Einsatzwillen hervor. Der zweifache EM-Vierte im Crosslauf und nach wie vor Crosslauf-Passionierte hat nun aufgrund der Resultate in Samorin wohl einen schwierigen Stand im Bestreben, den Laufsport und speziell die Disziplin Crosslauf in Österreich zu forcieren. Es wird Gegenwehr geben, sein persönliches Engagement wird gefragt sein. Unter dem Strich ist es schwer vorstellbar, dass die Leistungen in Samorin das Standing der Läufer innerhalb des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes verbessert haben. Leider.