Einsamer Europäer im afrikanischen Hoheitsgebiet

Es war der Marathon-Höhepunkt des Jahres aus europäischer Sicht: der Sieg von Sondre Nordstad Moen beim Fukuoka Marathon und sein neuer Europarekord. Wie Phönix aus der Asche ist der 26-Jährige aus dem durchschnittlichen Durchschnitt in die erweiterte Weltklasse und Europäische Spitzenklasse aufgestiegen. In Zeiten wie diesen, in denen die Leichtathletik ihre dunkle Doping-Vergangenheit aufarbeitet und ein mächtiges Dopingsystem in einer führenden Sportnation aufgedeckt hat, während gleichzeitig die erzielten sportlichen Leistungen flächendeckend immer besser werden, müssen derartig famose persönliche Entwicklungen kritisch beäugt werden – ob zurecht oder zu unrecht, begründet oder unbegründet, es gehört schlichtweg zum Status quo im Geschäft. Deutlichen Bestleistungen im 3.000m-Lauf (– 9 Sekunden), im 5.000m-Lauf (– 10 Sekunden) und im 10.000m-Lauf (– 10 Sekunden) folgten eine Spitzenzeit im 10km-Straßenlauf, eine Steigerung im Halbmarathon um zweieinhalb Minuten auf Rang drei der ewigen Bestenliste der europäischen Leichtathletik im Halbmarathon und eine Verbesserung um 4:19 Minuten zum neuen Europarekord im Marathon von 2:05:48 Stunden. Parameter, die den Fortschritt in nur einem Jahr skizzieren. Verkauft als Produkt eines außergewöhnlichen Talentes, welches laut dieses Arguments dann jahrelang einfach nicht ausgeschöpft wurde, und der neuen Zusammenarbeit mit dem italienischen Starcoach Renato Canova. Märchenhaft! Fabelhaft! Oder „zu fabelhaft“?

Wie Phönix aus der Asche ist Moen in die erweiterte Weltklasse und Europäische Spitzenklasse aufgestiegen.

Die nackten Zahlen schildern eine historische Errungenschaft. Zum ersten Mal lief ein Europäer einen Marathon unter 2:06 Stunden. Auf Position 62 ist Moen nun der einzige europäische Marathonläufer in den Top-100 der ewigen Bestenliste des Leichtathletik-Weltverbandes – nach jahrelanger totaler Absenz. Erst 18 Jahre ist es her, als eine Zeit von unter 2:06 Stunden ein Novum war. Eine Leistung, die aus kontinentaler Perspektive ein massives Erstaunen zur Folge hat, auf globalem Niveau Dutzendware ist. Nur die Herkunft des Sportlers aus der europäischen Leichtathletik-Aufsteigernation des Jahres ist aus globalem Blickwinkel das besondere Erkennungsmerkmal dieser Leistung. Denn wer im Marathon erfolgreich sein will, muss – statistisch – auf einem Kontinent geboren sein, der über Hoheitsgebiet auf der Südhalbkugel verfügt.

Wer im Marathon erfolgreich sein will, muss – statistisch – auf einem Kontinent geboren sein, der über Hoheitsgebiet auf der Südhalbkugel verfügt.

Unter den Top-100 der ewigen Marathonliste verweilen 60 kenianische Staatsbürger plus der von der Türkei eingebürgerte, gebürtige Kenianer Kaan Kigen Özbilen, übrigens frisch gebackener Crosslauf-Europameister. Dazu kommen 32 Äthiopier, womit die Vormachtstellung dieser beiden Laufhochburgen im Marathonlauf manifestiert ist. Von den übrigen sieben Läufern sind zwei marokkanische Staatsbürger (der zweifache Weltmeister Jaouad Gharib und Abderrahim Goumri). Ein weiterer Marokkaner lief in der zweiten Hälfte seiner Karriere für die USA, der Ex-Weltrekordhalter Khalid Khannouchi. Khannouchis Vorgänger als Weltrekordläufer, Ronaldo da Costa aus Brasilien, stammt ebenfalls von der südlichen Halbkugel. Die als solche bezeichnete, westliche Welt ist in den Top-100 des Marathonlaufs lediglich mit drei Athleten vertreten. Neuankömmling Sondre Nordstad Moen, der US-Amerikaner Ryan Hill (dessen schnellster Marathonlauf, windbegünstigt erzielt beim Boston Marathon 2011, nicht in die offizielle Wertung fällt, Anm.) und als einziger Vertreter des stolzen Lauflands Japan Toshinari Takaoka. Aus einer pessimistischen Perspektive könnte man sagen, Moens Sensationsleistung von Fukuoka hat die vollständige Verdrängung der nördlich des Mittelmeers, der Karibik und des Chinesischen Meers geborenen Marathonläufer verhindert. Denn Takaoka und Hill rangieren nur mehr auf den Rängen 96 und 99 und werden wohl in den nächsten Monaten aus den Top-100 der Ewigen Bestenliste purzeln.

Kein Wunder, dass nun rund um den skandinavischen Wundertäter emsige eine wirksame Geschichte kreiert wird.

Momente des Erfolges sind längst nicht mehr zum Genießen da. Sie sind der Startpunkt für werbewirksame PR zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation, die im Falle Moens offenbar eines Europarekordhalters in einer weltumspannenden Sportart nicht würdig ist. Kein Wunder, dass nun rund um den skandinavischen Wundertäter emsige eine wirksame Geschichte kreiert wird. Sein Fabel-Europarekord ging in der Medienberichterstattung des (Winter-)sportverrückten Landes praktisch unter, berichtet die Plattform German Road Races. 800 Euro monatlich, zusammengesetzt durch einen Sponsorenvertrag und der in Skandinavien typischen finanziellen Unterstützung durch Sportvereine, stünden dem 26-Jährigen zur Verfügung, der von sich behaupte, unter der Armutsgrenze zu leben. Von seiner Wohnung in Oslo hat sich der gebürtige Trondheimer verabschiedet, unleistbar. Zuhause ist er seit neuestem überwiegend im Hochland Kenias und Äthiopiens. Die Story klingt drastisch, wird vielleicht in diesem kommunikationstechnisch so günstigen Moment auch etwas dramatisiert, sie skizziert aber auch die finanziellen Hürden, die Europas Top-Läufer teilweise nehmen müssen. Europarekordhalter hin oder her. Als emotionale Komponente ist dieser Aspekt jedoch ein dramatisches Element zur Verfeinerung der fabelhaften Geschichte über den norwegischen Läufer Sondre Nordstadt Moen.