„Ich sehe auf der Veranstaltungsebene eine Ungleichbehandlung!“

© VCM / Felicitas Matern

Im großen RunAustria-Interview spricht Wolfgang Konrad, seit drei Jahrzehnten Veranstalter des Vienna City Marathon, über das Laufen als Aktivsportveranstaltung Nummer eins, über die Herausforderungen, die sich Österreichs größte Aktivsportveranstaltung auf dem internationalen Marathon-Markt stellen muss, und über Ungleichbehandlung von Sportveranstaltungen in der Bundeshauptstadt.
 
 

© VCM / Felicitas Matern
© VCM / Felicitas Matern
RunAustria: Der Vienna City Marathon feiert im nächsten Jahr sein 35. Jubiläum. Sie selbst leiten seit 30 Jahren als Renndirektor die Veranstaltung. Wo sehen Sie das Laufen in der heutigen Gesellschaft?
Wolfgang Konrad: „Das Laufen hat Österreich verändert. Laufen war der Funke für eine Revolution der Bewegungskultur, die wir seit den 1980er und 1990er Jahren erleben. Der Vienna City Marathon war eine Initialzündung dafür und ist immer noch die treibende Kraft. Laufen ist heute die Aktivsportart Nummer eins in Österreich. Eine Million Menschen in Österreich laufen mindestens einmal pro Woche. Zusätzlich schnüren 1,23 Millionen etwas seltener, aber doch regelmäßig die Laufschuhe. Die Einstellungen zu Fitness, Gesundheit, Körperbewusstsein und zur aktiven Beteiligung von Frauen im Sport haben sich enorm entwickelt. Der weltweite Laufmarkt ist riesengroß.
Ich glaube, dass die breite Öffentlichkeit und auch die Laufszene selbst ihre große gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung vielfach noch nicht richtig erkannt haben. Über alle Trends und Moden haben sich der Marathon und das Laufen jahrzehntelang gehalten und zum Teil stark positiv entwickelt. Der Vienna City Marathon hat daran zentralen Anteil. Wir erzeugen jährlich neu durch ein Erlebnisangebot eine enorme Mobilisierung von Menschen und Emotionen.“
 
 
Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Veranstaltung?

„Ich gebe zu, dass mir die Dynamik des VCM sehr viel Freude bereitet. Der VCM ist eine Gold Label Veranstaltung der IAAF, das heißt, wir werden vom Leichtathletik-Weltverband in der sportlich und qualitativ höchsten Veranstaltungskategorie geführt. Unter rund 5.000 Marathon-Veranstaltungen weltweit sind nur 32 berechtigt, das IAAF Gold Label zu führen. Der VCM hat international einen enormen Stellenwert. Viele Ideen, die wir im Team entwickelt haben, konnten wir erfolgreich umsetzen. Viele Ziele haben wir erreicht.“
 
 
Ist die Organisation nach so vielen Jahren eine Art Selbstläufer?
„Nein. Wer stehen bleibt, wird überholt. Mit allen technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen muss sich auch eine Großveranstaltung wandeln. Die Organisation ist nicht von Jahr zu Jahr gleich, erst recht nicht die Inszenierung. Wir haben erkannt, dass wir, um auf dem riesigen internationalem Marathon-Markt bestehen zu können, uns eine einzigartige Stellung erarbeiten müssen. Wir sehen den VCM als eine Inszenierung im öffentlichen Raum und konzentrieren uns nicht nur auf die organisatorische Abwicklung einer sportlichen Veranstaltung. Dabei stand immer im Mittelpunkt, die Stärken und Schönheiten von Wien hervorzuheben. Die Positionierung „Run Vienna – Enjoy Classics“ drückt dies aus. Wir waren der erste Marathon weltweit, der ein Eventthema vorgegeben hat und dies in die Eventinszenierungen einbaut. Mit diesem Bewusstsein ist es uns auch gelungen, die beiden größten Läufer der Geschichte, Paula Radcliffe und Haile Gebrselassie, nach Wien zu holen und sie in einem speziellen Bewerb gegeneinander laufen zu lassen. Das hat uns eine enorme mediale Aufmerksamkeit eingebracht und uns in der internationalen Wahrnehmung geholfen.“
 
 
Wie positioniert sich der VCM zukünftig auf dem internationalen Marathon-Markt?
„Der VCM ist einem enormen internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Die Herausforderung wird weiterhin sein, sich international in Szene zu setzen. Wir zählen nicht zu den sechs Veranstaltungen der World Marathon Majors. Dieser Zusammenschluss der Marathon-Veranstaltungen von New York, Tokio, London, Boston, Berlin und Chicago hat zunehmend auch seinen Reiz für die Hobbysportler entwickelt. Viele versuchen, alle sechs Majors Bewerbe zu laufen. Wir müssen aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren. Dafür brauchen wir in der Zukunft eine Kraft, die über die Einnahmen aus privaten Sponsoren und die Nenngelder der Teilnehmer hinaus wirkt. Alleine werden wir das nicht schaffen.“
 
 
Was meinen Sie damit konkret?
„Es muss gelingen, dass auch die Stakeholder, also jene, die in der Stadt vom VCM wesentlich profitieren, endlich erkennen, welche enorme wirtschaftliche Chance der VCM mit seiner weltweiten Strahlkraft hat, und auch konkret ihren Beitrag zum weiteren Erfolg leisten. Ich habe seit 30 Jahren nicht öffentlich über Geld gesprochen, aber es muss klar sein, dass wir mit € 40.000, die wir von der Wiener Tourismuswirtschaft erhalten, um den VCM international zu bewerben, nicht den heiß umkämpften Weltmarkt erobern können. Die Förderungen des Bundes wurden komplett gestrichen, jene der Stadt Wien sind seit über 20 Jahren am selben Stand.“
 
 
Öffentliche Unterstützung ist in Zeiten von Einsparungsmaßnahmen und engen Budgets ein Reizthema. Welcher Weg kann eingeschlagen werden?
„Wir erwarten in der Stadt Wien einen weiteren Umdenkprozess. Seit Jahren wurde uns gesagt, dass aufgrund von Sparmaßnahmen keine stärkere Unterstützung möglich ist. Diese Erklärung haben wir so akzeptiert. Die erfolgreiche Beachvolleyball-WM 2017 auf der Donauinsel hat aber gezeigt, was in Wien finanziell doch möglich ist und nach jüngsten Informationen weiterhin möglich sein wird. Ich hoffe, dass nun ein Paradigmenwechsel für ein neues Sportverständnis eingeleitet wurde. Denn mit seinen gesundheitlichen, verbindenden, sozialen und wirtschaftlichen Wirkungen ist der Sport ein enorm positiver und in vielfacher Hinsicht gewinnbringender Faktor. Ganz besonders trifft das auf den Laufsport und den VCM zu, der alle Generationen anspricht und mit Trainings, Gesundheits- und Nachwuchsaktivitäten viele nachhaltig wirksame Initiativen setzt. Damit ist der Sport auch ein Bereich, der öffentlich unterstützt werden soll.
Im Moment sehe ich auf Veranstaltungsebene eine Ungleichbehandlung und Wettbewerbsverzerrung. Es ist für mich schwer zu erklären, warum die Beachvolleyball-WM mit 192 Spielern, darunter 14 Österreichern, der Sportstadt Wien € 800.000 an Förderungen wert ist. Also 6,25 mal mehr als der Vienna City Marathon, der € 128.000 erhält, mit 42.000 Teilnehmern aus 125 Nationen, darunter 25.000 Wienerinnen und Wiener, die sich durch monatelanges Training auf einen Start vorbereiten. Ebenso ist für mich schwer zu erklären, warum die kolportierten 55.000 Nächtigungen der Beachvolleyball-WM mehr wert sind, als die vom Wien Tourismus genannten 80.000 Nächtigungen, welche die VCM-Teilnehmer und deren Begleitpersonen am Marathon-Wochenende generieren. Genauso, warum die rund 100.000 Zuschauer in einem Stadion auf der Donauinsel mehr wert sind als die 400.000 Zuseher entlang der Marathon-Strecke und der schönsten Sehenswürdigkeiten Wiens.“
 
 
Sie wirken sehr verärgert. Schwingt in dieser Argumentation ein bisschen Neid mit?
„Nein, das hat nichts mit Neid zu tun. Es ist toll, dass auf der Donauinsel Beachvolleyball gespielt wird. Ich will aber im Sinn der großen Chancen, die im Sport für uns alle liegen, eine Diskussion anstoßen. Die aktuelle Verteilung von Mitteln ist uns gegenüber, die seit Jahrzehnten in der Stadt etwas bewegen, unfair. Es kommt noch ein weiterer Aspekt dazu. In Sachen Beachvolleyball ist man mit Fördersummen an die Öffentlichkeit gegangen. Die Meinung der Bevölkerung ist häufig, dass auch der VCM mit Millionen an Förderungen bedacht wird und dazu noch Gelder für die Fernsehrechte erhält. Aber das entspricht absolut nicht der Wahrheit! Subventionen von öffentlichen Stellen nehmen nur drei Prozent des Gesamtbudgets der Veranstaltung ein.
Wir haben uns mit dem VCM immer nach der Decke gestreckt. Wir investieren im internationalen Vergleich sehr wenig Geld in den Spitzensport. Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln haben wir als privates Unternehmen gut und vernünftig gearbeitet und trotzdem den VCM über die letzten 34 Jahre zu einer großartigen Wiener Institution entwickelt. Gerne wären wir näher an den World Marathon Majors dran. Diesen Weg können wir im Moment nicht gehen.“
 
 
Wie kann ein neuer Weg aussehen?
„In erster Linie geht es um ein Verständnis dafür, dass durch Sport und hochwertige Events alle Partner in einer Stadt gewinnen können. Aber Beachvolleyball hat mit Hilfe der Stadt Wien eine neue finanzielle Dimension aufgestoßen. Beachvolleyball darf auf eine wichtige Einnahmequelle verzichten, nämlich den Verkauf von Eintrittskarten. Wenn wir die Teilnahme am VCM kostenlos gestalten könnten, weil uns die Stadt die Nenngelder der Teilnehmer erstatten würde, könnten wir mit einem Schlag zu den größten Marathons der Welt aufsteigen. Die Tourismuswirtschaft könnte sich beide Hände reiben, es wäre eine absolute Win-Win-Situation.“
 
 
Die RunAustria-Redaktion bedankt sich herzlich für dieses aufschlussreiche und spannende Gespräch.