Kamworor im Duell mit Kipsang zu erstem Sieg

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Geoffrey Kamworor steht erst kurz vor seinem 25. Geburtstag. Dennoch hat er den Eindruck erweckt, bereits ewig im Geschäft zu sein. Längst hat er sich den Ruf eines Allrounders erarbeitet, des besten Allrounders der Welt versteht sich. Zwei WM Titel im Crosslauf und zwei weitere im Halbmarathon, dazu seine Position als Herausforderer Mo Farahs über die 10.000m, was einmal besser (WM-Silber 2015) und zweimal weniger gut gelang (Olympia 2016 und WM 2017). Nun hat er seine Palette als Tausendsassa mit einem gewaltigen Erfolg erweitert und sein Dasein als bester Allrounder im Laufsport eindrucksvoll untermauert. Zwei Jahre, nachdem er trotz einer furiosen Darbietung mit mehreren beinharten Zwischenspurts im Central Park in seinem Landsmann Stanley Biwott seinen Meister gefunden hatte, ging dieses Mal sein Plan voll auf. Kamworor absolvierte das letzte Drittel nicht so wild wie 2015, attackierte später und kalkulierte richtig. Nach 2:10:53 Stunden, fünf Sekunden langsamer als vor zwei Jahren, als die zweite Marathon-Hälfte deutlich schneller war, stoppte die Uhr nach einem interessanten Rennen und Geoffrey Kamworor jubelte im siebten Marathon über seinen ersten Sieg. „Ich bin überglücklich, nun einen Marathon gewonnen zu haben. Es war ein großartiges Rennen und der Zieleinlauf ein fantastischer Augenblick für mich“, freute sich Kenianer, dessen Sieg im Gegensatz zu so mancher Darstellung keineswegs eine Überraschung war. Unter den ersten Gratulanten im Ziel befand sich übrigens kein geringerer als Marathon-Star Eliud Kipchoge, der den Triumph seines Trainingspartners vor Ort miterlebte.
 

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Knapper Zieleinlauf

Viel zu häufig erzählt die amerikanische Sportberichterstattung von einem „nail-biter“ – also einer Entscheidung, die so spannend ist, dass Nägelbeißen vor Anspannung unumgänglich ist. In den letzten Augenblicken des New York City Marathon entwickelte sich aber eine hoch dramatische Entscheidung. Wilson Kipsang pirschte sich gefährlich nahe an seinen Landsmann heran, am Ende fehlten 2,9 Sekunden auf ein nicht mehr für möglich gehaltenes Überholmanöver. Ein Erfolg, der nicht in Gefahr schien, hing urplötzlich für wenige Sekunden am seidenen Faden, bis – aus Kamworors Sicht endlich – das Zielband durchbrach. Obwohl es durchaus plausibel erscheint, dass Kamworor – ein ausgezeichneter Unterdistanzläufer (10.000m und Halbmarathon) – sein Finish noch forcieren hätte können, wenn es wirklich hart auf hart gekommen wäre, ist dieser Zieleinlauf ein Mahnmal, dass ein Marathon erst zu Ende ist, wenn nicht 42 Kilometer sondern 42,195 Kilometer absolviert sind. Erst recht beim New York City Marathon.
 

Die letzte Hürde
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Selten fiel in den letzten Jahren in New York die Entscheidung so spät wie in diesem Jahr. Bis Kilometer 35 neutralisierte sich eine große Spitzengruppe mit allen Favoriten. Etwa drei Kilometer zuvor hatte sich kurz eine Lücke zwischen einer siebenköpfigen Spitze und einer Verfolgergruppe ergeben, die aber kurze Zeit später wegen Uneinigkeit in der Tempogestaltung vorne wieder geschlossen werden konnte. Die erfolgreiche Attacke gelang bei einer Tempoverschärfung von Geoffrey Kamworor kurz vor der 37-Kilometer-Marke. Mit einer Teilzeit von 14:49 Minuten (Kamworor) folgte der mit Abstand schnellste Teilabschnitt des Rennens. Nur die beiden Äthiopier Lelisa Desisa und Lemi Berhanu sowie Kamworors Hauptkonkurrent Wilson Kipsang konnten folgen.
Wenig später attackierte der 24-Jährige erneut, dieses Mal ließ Kipsang die Waffen stecken und versteckte sich im Windschatten Desisas. Dessen Landsmann Berhanu fiel zurück, doch auch Desisas Versuch zu folgen war vergeblich. Und so musste sich der lange Kipsang alleine auf die Verfolgung machen. Sechs Sekunden Abstand verzeichnete die Zwischenzeit bei Kilometer 40, sieben waren es gut 300 Meter vor dem Ziel. Kipsangs Laufstil demonstrierte Überzeugung, doch auch bei Kamworor lief sichtlich alles rund. Der Sieg schien nicht in Gefahr.
Doch der tückische Central Park kennt während der langen Schlussphase des New York City Marathon einige giftige Anstiege und ein hügeliges Terrain. Der letzte, ein ziemlich fordernder, befindet sich auf den letzten Metern des Marathons, kurz bevor die Tribünen entlang der Zielgerade, die in Wahrheit ein lang gezogener Bogen ist, beginnen. Und just in diesem Anstieg ging Kamworor etwas das Gas aus. Kipsang erkannte eine Chance, sah sich näher kommen und zündete auf den letzten 50 Metern einen wahren Schlussspurt. Doch der Jagdhund konnte dieses Mal den Hasen nicht fangen. Es verdient Anerkennung, dass Kipsang sich beim Überlaufen der Ziellinie nicht lautstark ärgerte, sondern über Platz zwei jubelte. Auch wenn der große Triumph ausblieb, es hatte sich offenbar ausgezahlt in Berlin bei Kilometer 30 auszusteigen und eine zweite Chance im Marathon-Herbst 2017 zu suchen. Nicht nur finanziell, sondern auch sportlich.
 

Äthiopier in Verfolgerrolle

Lange Zeit waren die Chancen auf den ersten äthiopischen Sieg in New York seit Überraschungsmann Gebregziabher Gebremariam im Jahr 2010 intakt. Häufig zeigte sich der am Ende neuntplatzierte Fikadu Teferi an der Spitze der großen Gruppe. Im entscheidenden Finale blieb dem äthiopischen Duo Lesisa Desisa und Lemi Berhanu nur die passive Rolle. Sie konnten dem Tempo der kenianischen Konkurrenten nicht folgen, enttäuschten aber dennoch nicht. Desisa schaffte erneut den Sprung auf das Podest in New York – zum dritten Mal, Berhanu folgte auf Rang vier, knapp eine Minute hinter Kamworor.
 

Glanzvolles Comeback von Abraham

Mit dem Ziel, an die Leistungen von 2016 anzuschließen, kehrte Tadesse Abraham nach längerer Verletzungspause zurück auf die Marathon-Bühne und feierte ein mehr als gelungenes Comeback. Die Charakteristik eines Meisterschaftsrennens favorisierte den Schweizer, der sich bis Kilometer 37 stets in der Spitzengruppe aufhielt und dabei phasenweise sehr aktiv lief. In einer Zeit von 2:12:01 Stunden sicherte sich der 35-Jährige den fünften Platz. Nie zuvor war ein Schweizer beim Klassiker in New York besser platziert. „Es war ein super Rennen. Ich bin sehr happy mit dem Ergebnis. New York ist magisch, es ist wie das ,kleine Olympia’. Ich habe versucht, mich auf mich zu konzentrieren und mein Rennen zu laufen“, wird der Europameister im Halbmarathon, der von seiner Familie nach New York begleitet wurde, im Online-Bericht des Schweizer Fernsehens SRF zitiert.
Gut in Szene setzen konnten sich zwei weitere Europäer: Der Holländer Michel Butter kam auf einem tollen sechsten Platz ins Ziel und blieb auf der schwierigen Strecke in New York nur knapp drei Minuten über seiner persönlichen Bestleistung. Sowohl Platzierung als auch Laufzeit stellten ein großartiges Geburtstagsgeschenk an sich selbst dar, Butter wurde am Marathon-Tag 32 Jahre alt. Genauso wie der achtplatzierte Belgier Koen Naert profitierte er auch davon, dass die erste Marathon-Hälfte mit einer für sie angenehmen Zeit von 1:06:09 Stunden absolviert wurde. Zu diesem Zeitpunkt lag übrigens der sehr aktiv laufende Titelverteidiger Ghirmay Ghebreslassie in Führung. Der fast-22-jährige Eritreer verpasste aber den Anschluss bei Kilometer 37, als Kamworor erstmals entschlossen antrat, und stieg postwendend aus – wie „Augenzeuge“ Meb Keflezighi später berichtete, mit Schmerzen. Damit ist es nun schon 19 Jahre her, als dem Kenianer John Kagwe eine erfolgreiche Titelverteidigung beim größten Marathonlauf der Welt gelang.
 

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Mit letzter Kraft zum Abschiedsjubel

So glorreich das Rennen der Damen für die US-Amerikaner lief: im Herren-Rennen zählten sie zu den Verlierern. Der 40-jährige Abdi Abdirahman, im Vorjahr noch Überraschungs-Dritter, war auf Position sieben noch der Beste, mit Shadrack Biwott auf Rang zehn kam nur noch ein weiterer Lokalmatador unter die Top-Ten. Abdirahman musste in der Anfangsphase eine heikle Situation überstehen, als er bei einer Verpflegungsstation von einem Konkurrenten zu Fall gebracht wurde und stürzte.
Grund zum Jubel gab es dennoch: Denn mit Meb Keflezighi trat in New York ein US-Marathon-Held ab. Der 42-jährige finishte seinen letzten Marathon als Leistungssportler in einer Zeit von 2:15:29 Stunden auf Rang elf. Ein letztes Mal hatte der Olympia-Zweite von 2004 alles aus seinem Körper herausgeholt, unmittelbar hinter der Ziellinie fiel er bäuchlings nach auf der Zeitnehmungsmatte zu Boden und benötigte Unterstützung beim Aufstehen. Mehrmals hatte er in der Schlussphase stehen bleiben müssen, um Luft zu holen. Sein elfter New York City Marathon setzte ein symbolisches Ende einer Karriere, in der Kampfgeist und Lust am Laufsport stets im Vordergrund standen. (Lesen Sie hier eine Hommage an die große Karriere Meb Keflezighis: Meb Keflezighis American Dream).
Mit Keflezighis Abschiedsvorstellung fand eine glorreiche Marathon-Karriere ihr Ende, begleitet von Jubelstürmen auf den Tribünen. Die sportlichen Highlights waren neben der Olympia-Medaille die Triumphe in New York 2009 und besonders in Boston 2014 – für einen Amerikaner eine bedeutende Kombination. Dass der Lauf-Enthusiast, geboren in Eritrea und Musterbeispiel eines Immigranten, seine Laufschuhe an den Nagel hängt, kommt für ihn nicht in Frage. Keflezighi, in Amerika unheimlich beliebt, wird in Zukunft als Hobbysportler weiterhin an zahlreichen Laufevents teilnehmen.
 
 
Der RunAustria-Bericht des Damen-Rennens: Historischer Sieg von Shalane Flanagan beim New York City Marathon
 

Ergebnis New York City Marathon 2017 der Herren

1. Geoffrey Kamworor (KEN) 2:10:53 Stunden
2. Wilson Kipsang (KEN) 2:10:56 Stunden
3. Lelisa Desisa (ETH) 2:11:32 Stunden
4. Lemi Berhanu (ETH) 2:11:52 Stunden
5. Tadesse Abraham (SUI) 2:12:01 Stunden
6. Michel Butter (NED) 2:12:39 Stunden
7. Abdi Abdirahman (USA) 2:12:48 Stunden
8. Koen Naert (BEL) 2:13:21 Stunden
9. Fikadu Teferi (ETH) 2:13:58 Stunden
10. Shadrack Biwott (USA) 2:14:57 Stunden
11. Meb Keflezighi (USA) 2:15:29 Stunden
12. Jared Ward (USA) 2:18:39 Stunden
13. Senbeto Guteta (ETH) 2:20:29 Stunden
14. Birhanu Kemal (ETH) 2:21:30 Stunden
15. Brandan Martin (USA) 2:22:36 Stunden
16. Harbert Okuti (UGA) 2:22:46 Stunden
17. John Metui (KEN) 2:23:40 Stunden
18. Girma Segni (ETH) 2:23:51 Stunden
19. Francesco Puppi (ITA) 2:25:35 Stunden
20. Peter La Grice (GBR) 2:27:11 Stunden
New York City Marathon

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