Comeback von Abraham im Rennen der vielen Favoriten

© SIP / René van Zee

Wenn am Sonntagmorgen US-Ostküstenzeit der Startschuss zum 47. New York City Marathon fällt und die Jagd über die prestigeträchtigsten 42,195 Kilometer der Welt für über 50.000 Läuferinnen und Läufer beginnt, endet für einen Mann eine unangenehme Leidenszeit. Tadesse Abraham verletzte sich beim Vorbereitungstrainingslager in Äthiopien zu Jahresbeginn schwer. Eine Stressfraktur im Kreuzbein, klingt harmloser als es ist, setzte ihn ein halbes Jahr außer Gefecht und brachte ihn um wichtige Ziele: den London Marathon und den WM-Marathon in London. Nun ist eine derartige Verletzungspause nichts Außergewöhnliches im Spitzensport, für den Schweizer kam sie allerdings zum falschen Zeitpunkt. Gerade bewegte er sich an der Spitze seiner persönlichen Leistungsfähigkeit, lief 2016 den Schweizer Landesrekord in Seoul, gewann den EM-Titel im Halbmarathon in Amsterdam und stürmte bei den Olympischen Spielen von Rio zu Rang sieben im Marathon.
 

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Re-Start-Button

Am Big Apple will Tadesse Abraham nun den Re-Start-Button drücken und in alter Stärke zurückkehren. Das Comeback bei den Schweizer Meisterschaften im Halbmarathon gelang. Vor sechs Wochen holte er am Greifensee die Goldmedaille. Das „richtige“ Comeback findet nun beim New York City Marathon statt – Abrahams erstes Antreten beim Klassiker.
Langfristig hat der Schweizer die Europameisterschaften 2018 im Visier, wo er sich berechtigte Chancen auf den Titel ausrechnet. „Tadesse betrachtet den Marathon in Berlin als Titelverteidigung seiner EM-Goldmedaille, obwohl er diese in Amsterdam in Halbmarathon gewann“, wird Peter Haas, Chef Leistungssport von Swiss Athletics, auf der Verbandswebsite zitiert. Trotz der schwierigen Strecke in New York sollte das Schweizer EM-Limit von 2:19:30 Stunden für den 35-Jährigen kein Hindernis darstellen. Da auf der selektiven Strecke in „der Stadt, die niemals schläft“ Weltklassezeiten nicht zu erwarten sind – zumal traditionell keine Pacemaker im Rennen sind – orientiert sich Abraham, der sich in Höhentrainingslagern im Engadin und in Äthiopien vorbereitet hat, an einer Spitzenplatzierung. Laut Meldeliste ist er die Nummer fünf im Starterfeld, die Tatsache eines Rennens mit Meisterschaftscharakter müsste ihm durchaus entgegen kommen. Abrahams Vorgänger an der Spitze der Schweizer Marathonszene, Viktor Röthlin belegte bei seinem besten New York City Marathon vor zwölf Jahren den siebten Platz.
 

Wiedergutmachung für Berlin

Gerade einmal sechs Wochen hatte Wilson Kipsang Zeit, über die Enttäuschung beim Berlin Marathon nachzudenken. Das kuriose, weil abrupte Aus nach exakt 30 Kilometern, ließ einen weiteren Start im laufenden Herbst zu. In Berlin, so die Erkenntnis, habe sich Kipsang aufgrund der Kälte und des Regens nicht wohlgefühlt und gemerkt, dass der Sieg nicht möglich war. Experten werfen ihm vor, im Gedächtnis die Rechenmaschine angeworfen zu haben. Wenn er das Gefühl hatte, in Berlin nicht gewinnen zu können, hätte er sich ein realistisches Preisgeld von 15.000 Euro für Platz drei verdienen können – die Antrittsprämie dürfte durch die 30 gelaufenen Kilometer wohl zur Gänze oder fast ausgezahlt worden sein. In New York gibt es 100.000 US-Dollar für den Sieg, selbst als Vierter würde er deutlich mehr verdienen als in Berlin für Rang drei – Antrittsprämie exklusive.
Nun führt der viertschnellste Marathonläufer der Geschichte die Meldeliste in New York also tatsächlich an und ist damit automatisch einer der Top-Favoriten. Pech für Kipsang: Die Chance, dass es auch beim New York City Marathon regnet, scheint groß. Allerdings sind trotz des Niederschlags herbstlich-warme Temperaturen angesagt. Unabhängig davon will Kipsang, der den New York City Marathon 2014 gewinnen konnte, Wiedergutmachung für die Enttäuschung in Berlin. „Mein Gefühl war, dass ich in Berlin in Topform war. Ich hatte einfach einen schlechten Tag. Ich habe mich nun mit dem selben Trainingsprogramm wie für Berlin auch für New York vorbereitet“, so Kipsang. Der konstanteste Marathonläufer der letzten Jahre – kein anderer Läufer hat so oft die 2:04 Stunden und die 2:05 Stunden unterboten wie er – trainiert sich überwiegend selbst und vertraut auf seine Erfahrung. Jüngst erklärte er in einem Interview mit der IAAF, dass sein Training selten aggressiv ist. „Ich sage meiner Trainingsgruppe immer: Das ist Training, kein Wettkampf. Nur im Wettkampf holen wir alles aus dem Körper heraus.“
In seinem nie enden wollenden Optimismus hat der 35-Jährige den Streckenrekord ins Auge gefasst. Dieser liegt bei einer für die Schwierigkeit der Strecke sehr starken Zeit von 2:05:06 Stunden, gelaufen 2011 von Geoffrey Mutai. Die zweitschnellste Siegerzeit in New York, jene des Äthiopiers Tesfaye Jifar im Jahr 2001, war um über zweieinhalb Minuten langsamer.
 

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Ghirmay Ghebreslassie bei seinem Triumph im Vorjahr. © NYRR
 

Jüngster New-York-Sieger in der Rolle des Gejagten

Auch wenn Wilson Kipsang aufgrund seiner Vorleistungen in der Favoritenrolle steckt, ist Vorjahressieger Ghirmay Ghebreslassie der große Gejagte in New York. Der erst 21 Jahre alte Eritreer stürmte im vergangenen Jahr mit einer beeindruckenden Tempoverschärfung nach dem Halbmarathon und mit einer eindrucksvoll schnellen zweiten Teilzeit dieses Marathons in der drittschnellsten Siegerzeit in der langen Event-Geschichte zum Triumph. Dieser Sieg war sogar noch höher einzuordnen als jener bei den Weltmeisterschaften von Peking, als er als 19-Jähriger sensationell Gold holte. „Ich bin stolz, nach New York zurückzukehren, um meinen Titel zu verteidigen. Die vielen Zuschauer an der Strecke haben mir großartige Erinnerungen an das Rennen geschenkt und ich werde hart arbeiten, um heuer wieder gut abzuschneiden“, sagte der Youngster vor einigen Wochen. Der Frühjahrsmarathon in London missglückte mit Rang sechs und einer Zeit von 2:09:57 Stunden etwas, doch der Meisterschaftscharakter beim New York City Marathon mit keiner rasanten Auftaktphase (so ist es zu erwarten), dürfte Ghebreslassie entgegen kommen. Daher ist der Eritreer, im Vorjahr Olympia-Vierter, trotz seiner vergleichsweise international bescheidenen Bestleistung von 2:07:46 Stunden ein heißes Eisen im Feuer.
 

Äthiopier in Lauerstellung

Neben Wilson Kipsang und Vorjahressieger Ghirmay Ghebreslassie kommen noch zwei Äthiopier und ein Kenianer für den Sieg in Frage. Geoffrey Kamworor hat zwar noch keinen großen Marathonsieg feiern können, glänzte aber auf anderen Distanzen. Zweimal gewann er Halbmarathon-WM-Gold, zweimal triumphierte er bei Crosslauf-Weltmeisterschaften. Die Tatsache, dass er in New York dennoch zum Favoritenkreis zählt, ergründet sich in einem bärenstarken Auftritt in der entscheidenden Phase des New York Marathon 2015. Damals legte der heute 24-Jährige mehrere unfassbare Zwischenspurts ein und lief damit fast das gesamte Feld in Grund und Boden. Das Pech für Kamworor war jenes, dass damals sein Landsmann Stanley Biwott einen echten Sahnetag erwischte und im Finale erfolgreich kontern konnte. „Ich komme nach New York, um zu gewinnen. Ich bin bereit, mein Bestes abzurufen“, kündigt der Allrounder in kenianischen Medien selbstbewusst an.
Auf die Erfahrung großer Siege können dagegen Lelisa Desisa und Lemi Berhanu zurückgreifen. Desisa, der in New York sich 2014 nur hauchdünn Kipsang geschlagen geben musste und im Jahr darauf Dritter wurde, gewann bereits zweimal den Boston Marathon. Im Mai war er Teil des Nike-Teams rund um Eliud Kipchoge, das in Monza den Versuch wagte, einen Marathonlauf unter zwei Stunden zu inszenieren. Damals konnte der Äthiopier allerdings nicht überzeugen, er erklärte dies mit einer Verletzung, die ihn im Winter vom Training abgehalten hat. Gleichzeitig ist er vor dem Rennen am Sonntag optimistisch und sieht sich im Kreis der Top-Favoriten. Auf einen Triumph in Boston bringt es Lemi Berhanu, neben Ghebreslassie der zweite Youngster im Feld, und hat zu Jahresbeginn den Xiamen Marathon gewonnen. Beide Äthiopier weisen eine Bestleistung von unter 2:05 Stunden auf.
 

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Großer Abschied für Meb Keflezighi

Egal, was sportlich am Sonntag passiert: Die Augen von Millionen Marathon-Fans in Amerika und auf der ganzen Welt werden ihren Blick auf Meb Keflezighi richten. Der Olympia-Silbermedaillengewinner von Athen 2004 und in den USA unheimlich beliebte Marathonläufer geht im stolzen Alter von 42 Jahren in seinen 26. und letzten Marathon als Spitzensportler. 15 Jahre, nachdem seine Marathon-Karriere in New York ihren Anfang nahm. „Ich bin mir sicher, dass mein Abschiedsrennen sehr emotional sein wird. Es wird aufregend, gleichzeitig bitter-süß! Natürlich wäre es wunderbar, noch einmal zu gewinnen. Aber klar, das ist schwieriger denn je. Alleine die Vorbereitung ist in meinem Alter hart, ich bin froh, dass ich gesund und fit bin. Für mich ist es einfach ein weiterer Marathon, in den ich ohne Druck starte. Ich habe in meiner Karriere alles erreicht, was ich jemals erträumt habe“, sagt Keflezighi, der 2009 als bisher letzter US-Amerikaner den New York City Marathon gewann und 2014 auch in Boston triumphierte. Spätestens seit damals, ein Jahr nach dem Terroranschlag auf den Boston Marathon, ist Meb Keflezighi ein amerikanischer Held. Auch wenn es nicht realistisch ist, dass der 42-Jährige in New York noch einmal ins Spitzenfeld läuft – es wäre die Geschichte des „American Dreams“, wenn es trotzdem gelänge.
Andere starke US-Amerikaner im Rennen sind Abdi Abdirahman, ebenfalls bereits über 40 Jahre alt, Olympia-Teilnehmer Jared Ward und Shadrack Biwott. Sie alle hoffen auf gute Platzierungen, Abdirahman schaffte im vergangenen Jahr sogar überraschend den Sprung auf das Podest, Biwott war Fünfter. Beide kamen beim Boston Marathon im April in die Top-6, Biwott als Vierter, Abdirahman als Sechster. „Ich war Fünfter im Vorjahr, Vierter heuer in Boston. Nun Dritter? Alles kann passieren, ich bin bereit“, zeigte der der gebürtige Kenianer Biwott Zuversicht. Aus europäischer Sicht ist neben dem Start von Tadesse Abraham auch der Auftritt des Holländers Michel Butter und jener des Belgiers Koen Naert interessant. Der italienische Bergläufer Francesco Puppi feiert sein Marathon-Debüt.
 
 
Der RunAustria-Vorbericht des Damen-Rennens: Mary Keitany vor viertem Sieg beim New York City Marathon
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