Berlin Marathon: Glanz und Bürde des Weltrekords

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Wer die Disziplin Marathonlauf und die Spitze der sportlichen Leistungsfähigkeit, mit der klingenden Bezeichnung „Weltrekord“ versehen, in einen Kontext bringt, landet zielgerichtet beim Berlin Marathon. Seit der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) einen offiziellen Weltrekord in dieser Disziplin führt, wurde dieser bei den Herren immer nur auf der schnellen Strecke durch die deutsche Hauptstadt aufgestellt. Angefangen bei Paul Tergat 2003, das vorläufige Ende markiert der Weltrekordlauf von Dennis Kimetto im Jahr 2014. Auch davor wurden historische Bestleistungen beim Berlin Marathon gelaufen, einer bei den Herren, drei bei den Damen. Damit sind nicht weniger als zehn inoffizielle und offizielle und (vor 2003) inoffizielle Weltrekorde in den Geschichtsbüchern des Berlin Marathon verewigt – so viele wie auf keine anderen Marathonstrecke der Welt.
 

Die zehn Weltrekordläufe von Berlin

2:06:05 Stunden – Ronaldo da Costa (BRA) – 20. September 1998
Besonderheit: erster Marathonlauf mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 20 km/h – Splits: 1:04:42/1:01:23 Stunden)
2:04:55 Stunden – Paul Tergat (KEN) – 28. September 2003
Besonderheit: erster Marathonlauf unter 2:05 Stunden
2:04:26 Stunden – Haile Gebrselassie (ETH) – 30. September 2007
Besonderheit: langer Alleingang mit Pacemaker-Unterstützung
2:03:59 Stunden – Haile Gebrselassie (ETH) – 28.September 2008
Besonderheit: erster Marathonlauf unter 2:04 Stunden
2:03:38 Stunden – Patrick Makau (KEN) – 25- September 2011
Besonderheit: Sieg über Haile Gebrselassie im direkten Duell
2:03:23 Stunden – Wilson Kipsang (KEN) – 29. September 2013
Besonderheit: wie bei der 30. Jubiläumsauflage fiel auch beim 40. Berlin Marathon der Weltrekord
2:02:57 Stunden – Dennis Kimetto (KEN) – 28. September 2014
Besonderheit: erster Marathonlauf unter 2:03 Stunden
 
 
2:34:48 Stunden – Christa Vahlensieck (GER) – 10. September 1977
Besonderheit: Weltrekordverbesserung um über fünf Minuten
2:20:43 Stunden – Tegla Loroupe (KEN) 26. September 1999
Besonderheit: es war der zweite Weltrekord der Kenianerin im Jahr 1999 – sie lief vier Sekunden schneller als in Rotterdam
2:19:46 Stunden – Naoko Takahashi (JPN) – 30. September 2001
Besonderheit: erste Marathonzeit einer Frau unter 2:20 Stunden, 53,5 Millionen Japaner verfolgten das Rennen live im Fernsehen
 

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Im vergangenen Jahr schrammten Wilson Kipsang und Sieger Kenenisa Bekele nur knapp am Weltrekord von Dennis Kimetto vorbei. © SIP / Johannes Langer
Berlin im Weltrekord-Fieber

Während der Weltrekord der Damen seit dem London Marathon 2003 eingeschweißt bei einer Zeit von 2:15:25 Stunden hält und sich die Britin Paula Radcliffe überhaupt erst seit dem diesjährigen London Marathon ganz leichte Sorgen machen muss, dass diese Bestmarke womöglich angreifbar wird, stehen die Zeichen auf einen neuen Weltrekord bei den Herren gut. Der Berlin Marathon 2017 präsentiert das stärkste Marathon-Feld seit langer Zeit, vielleicht seit dem Dreikampf zwischen Khalid Khannouchi, Paul Tergat und Haile Gebrselassie in London 2002, der mit einem neuen Weltrekord endete. Neben den ehemaligen Weltrekordhaltern Wilson Kipsang und Patrick Makau (der allerdings nicht mehr in Weltrekordform ist) stehen Eliud Kipchoge und Kenenisa Bekele, der im Vorjahr in Berlin die zweitschnellste Zeit der Geschichte gelaufen ist, an der Startlinie – vier Läufer mit einer Bestleistung von unter 2:04 Stunden, einmalig in der Geschichte des Marathons! Beiden letzteren wird nachgesagt, die schnellsten Marathonläufer der Gegenwart zu sein und vom stärkeren der beiden wird ein Weltrekordlauf am Sonntag nicht nur erhofft, sondern fast schon erwartet. Doch auch Kipsang, der in der Öffentlichkeit klar im Schatten Kipchoges und Bekeles steht, zeigte zuletzt mit Rang zwei in Berlin 2016 und bei einem tollen Sieg beim Tokio Marathon seine Spitzenform. Viermal ist der 35-Jährige bereits unter 2:04 Stunden gelaufen – doppelt so oft wie jeder andere Marathonläufer zuvor und viermal häufiger als Kipchoge und Bekele. Gelingt ihm am Sonntag der Coup, würde er die insbesondere in den USA ausgerufene Frage (vorwiegend auf Basis eines Duells zwischen Kipchoge und Bekele), wer der GOAT (Greatest Of All Time) sei, für sich beanspruchen. Sollte es so kommen, sicherlich verdientermaßen.

„Traum-Konstellation“

Die beiden Zutaten – bärenstarkes Elitefeld mit den drei besten Marathonläufern der Jetzt-Zeit und die schnellste Strecke aller Topevents, sechs der sieben schnellsten Marathonzeiten wurden in Berlin erzielt – klingen wie eine Verpflichtung nach einem neuen Weltrekordlauf. Sofern es die äußeren Bedingungen am Sonntag zulassen. Die eigene Veranstaltungsgeschichte in den letzten Jahren übrigens auch, denn der Berlin Marathon definiert sich gerne mit Weltrekordzeiten. Und zwar so sehr, dass bei einer Siegerzeit von 2:03:03 Stunden die Enttäuschung über einen verpassten Weltrekord der Anerkennung einer fantastischen Leistung fast gleichkommt. Der Veranstalter ist auf jeden Fall bestrebt, alles für eine Rekordleistung in die Waagschale zu werfen. Ein leistungsstarkes Team aus Pacemakern wird eine risikoreiche und rasante Renngestaltung vornehmen. „Dies ist eine Traum-Konstellation. Nicht oft gibt es die Gelegenheit, dass die drei aktuell stärksten Marathonläufer der Welt in einem Rennen aufeinander treffen“, strahlt Renndirektor Mark Milde, der für sechs Weltrekorde in Berlin seit 2003 mitverantwortlich war.
Ein Weltrekord ist allerdings nur mit einer optimalen Zusammenarbeit der Stars möglich und diese fein abgestimmte Kooperation der Hauptprotagonisten trotz der starken individuellen Eigeninteressen wird eine große Herausforderung. Die hohe Erwartungshaltung macht die Geschichte auch nicht leichter, denn den Druck werden die Athleten am Sonntag spüren. „Jeder von uns Drei hat das Potenzial, den Weltrekord zu verbessern. Aber es ist essentiell, die richtige Zusammenarbeit während des Rennens aufrecht zu erhalten“, weiß auch Wilson Kipsang. „Ich hoffe, das klappt heuer besser als im letzten Jahr“, fügt der 35-Jährige an, als Kenenisa Bekele das gesamte Rennen in seinem Windschatten verbrachte und ihn im Finale abkochte – sechs Sekunden am Weltrekord vorbei, 16 aus Kipsangs Sicht. Erinnert man sich an diesen Rennverlauf, hat Kipsang sicherlich noch eine offene Rechnung mit dem Äthiopier…
 

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Bei seinem Sieg vor zwei Jahren musste Eliud Kipchoge fast 42 Kilometer lang mit herausragenden Zwischensohlen kämpfen. © SIP / Johannes Langer
Spürbarer Druck bei Kipchoge

Den Druck der Erwartungen und den Druck der eigenen Wünsche spüren die drei Athleten natürlich, insbesondere Eliud Kipchoge. Sein Ausflug auf die nicht-regelkonforme und inszenierte Rennabwicklung im Zuge des Nike „sub-2“-Projektes auf der Rennstrecke in Monza und die nicht offiziell gültige Zeit von 2:00:25 Stunden hängen wie ein Damoklesschwert über ihn. In Berlin nicht unter 2:03 Stunden zu laufen, wäre faktisch daher eine Enttäuschung – alle mildernden und nicht mildernen, etwaigen Umstände wären in der allgemeinen Erklärung schwer berücksichtigbar. „Ich glaube, ich stehe noch stärker unter Druck als meine beiden Rivalen. Wenn sie 40% Druck verspüren, dann liegt er bei mir bei 95%. Ich verspüre ihn deutlich, wegen des Rennens in Monza und wegen des Olympiasiegs“, sagte Kipchoge unlängst. Dass die Zusammenarbeit mit den Rivalen gelingt, ist sich der 32-Jährige sicher. „Es ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.“

Gefahr der individuellen Eigeninteressen

Objektive Beobachter sind sich nicht so sicher wie die Protagonisten ob der gelungenen Zusammenarbeit der drei Stars. „Jeder Läufer muss sich auf sich selbst konzentrieren und alle Opfer bringen, um so schnell wie möglich im Ziel zu sein“, mahnt etwa Geoffrey Kirui in kenianischen Medien. Allerdings ist der frisch gebackene Weltmeister überzeugt, dass der Weltrekord in Berlin fallen wird. Landsfrau Lucy Kabuu, eine sub-2:20-Läuferin, schlägt in dieselbe Kerbe, warnt aber davor, dass zu viele Köche den Brei verderben könnten: „Wir haben in vielen Rennen gesehen, dass Eliud Kipchoge den Weltrekord drauf hat. Auch Wilson Kipsang und Kenenisa Bekele sind sehr starke Athleten. Ein Problem könnte allerdings die Taktik in der entscheidenden Phase sein, wenn einer plötzlich Angst hat, das Tempo mitzugestalten oder Nachführarbeit bei einer Attacke eines anderen zu leisten.“
 
 
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