Was ist dran am Faszien-Hype?

Seit einiger Zeit rücken die Faszien, unser kollagenes, elastisches Bindegewebe, immer mehr ins Rampenlicht. In Fitnessstudios sind Stunden zum Training der Faszien inzwischen nicht mehr wegzudenken, und kaum ein Yogastudio kann es sich heutzutage leisten, auf spezielles Faszien-Yoga zu verzichten. Fußball-Profivereine ziehen sich Faszienspezialisten zu Rate. Viele Menschen, die sich um ihre Gesundheit kümmern, haben Faszienrollen zuhause und machen damit ihre Übungen. Ärzte diagnostizieren inzwischen beispielsweise bei Nacken- und Rückenschmerzen immer öfter: „Es könnte an Ihren Faszien liegen.“
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Was hat es auf sich mit dem Fazien-Hype? Wird er kurzlebig sein wie so viele andere Hypes? Ganz sicher nicht. Und dafür gibt es gute Gründe. Denn erst seit einigen Jahren beginnen Wissenschaftler, die wichtige Rolle der Faszien für unsere Gesundheit zu belegen. Das im Körper allgegenwärtige Gewebe galt lange Zeit als reines „Verpackungsmaterial“ für Muskeln und Organe. Aktuelle Erkenntnisse zeigen jetzt jedoch eindeutig, dass Faszien viel wichtigere Funktionen haben.
1. Faszien können Schmerzen generieren. Das ist eine der spannendsten Entdeckungen der jüngsten Zeit. Faszien sind dicht bestückt mit zahlreichen sensiblen Nervenendigungen, die für die Körperwahrnehmung zuständig sind, aber auch zu sogenannten „Nozizeptoren“ werden können. Das macht die Faszien zunehmend interessant für die Medizin und lässt zum Beispiel Rückenschmerzen in einem neuen Licht erscheinen.
2. Faszien können verkleben und verfilzen – und zwar durch Bewegungsmangel genauso wie durch körperliche Überlastung, durch chronischen Stress und ungesunde Ernährung. Dann fühlen wir uns zum Beispiel steif und unbeweglich. Viele Beschwerden, die wir bisher schlichtweg mit dem Älterwerden hingenommen haben, lassen sich so nicht nur erklären, sondern wir können auch gegensteuern.
3. Faszien spielen eine wichtige Rolle bei der muskulären Kraftübertragung. Ja, sie können sich sogar aktiv zusammenziehen. Im Sport und in der Trainingslehre stellen sie so einen bisherigen „missing link“ dar. Zum einen betreffen Verletzungen von Sportlern meist die Faszien (Sehnen und Bänder zum Beispiel). Zum anderen weiß man aufgrund der modernen Faszienforschung nun, auf welche Weise man mit gezieltem Training die Faszien so stärken kann, dass sie zugfester und weniger verletzungsanfällig werden.
4. Die Faszien-Pioniere waren auf dem richtigen Weg. Die therapeutischen Ansätze von Pionieren der Körperarbeit werden durch die Faszienforschung zunehmend bestätigt. Die Begründer der Osteopathie, A.T. Stills, und der Rolfing-Methode, Ida P. Rolf, hatten schon frühzeitig erkannt, dass Faszien entscheidend für unsere Gesundheit sind. Heute sind die Behandlungserfolge, die Therapeuten seit Jahrzehnten beobachten, wissenschaftlich nachvollziehbar und erklärbar. Fazit: Der derzeitige Faszien-Hype ist erst der Anfang. An den Faszien wird in Zukunft kaum einer vorbei kommen. Internationale Kongresse, auf denen Experten sich fachübergreifend austauschen, bringen immer mehr spannende Erkenntnisse über unser bindegewebige Ganzkörpernetz ans Licht.
Artikel von Susanne Noll
zertifizierte Rolferin™ und Fascial-Fitness-Trainerin, anlässlich des Erscheinens ihres Buchs
Aufrecht und geschmeidig
Mit gesunden Faszien beweglich und schmerzfrei bleiben
Siehe dazu Buchtipp!