WM 2017: Quo vadis, Asbel Kiprop?

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Asbel Kiprop hat einen Traum. Er will den Rekord von Hicham El Guerrouj einstellen. Die unvergessene marokkanische Lauflegende hat sich in Athen 1997, in Sevilla 1999, in Edmonton 2001 und in Paris 2003 viermal in Folge den Weltmeistertitel gesichert. Davor war der Algerier Noureddine Morceli, eine weitere Allzeitgröße im 1.500m-Lauf, dreimal in Folge der Schnellste bei Weltmeisterschaften. Drei WM-Goldmedaillen hat auch der 28-Jährige Kenianer im Trophäenschrank, geholt in Daegu, Moskau und Peking. „Es gab nie einen größeren Mittelstreckenläufer als Hicham. Es ist eine Schade, dass wir nie gegeneinander gelaufen sind“, schwärmt der kenianische Landesrekordhalter über den Weltrekordhalter. Trotz mittelmäßiger Vorstellungen in diesem Jahr strotzt der hoch aufgeschossene Kenianer vor Selbstvertrauen. „Vertraut mir. Ich war sechsmal bei Weltmeisterschaften, dreimal habe ich triumphiert. Ich weiß, wie der Hase läuft!“, lässt er wissen.
 

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Triumph in Peking! Asbel Kiprop bei seinem dritten WM-Titel. © Getty Images / Lintao Zhang
Später Saisoneinstieg

So ganz glauben mag ihm die Fachwelt nicht, obwohl sie seine Fähigkeiten kennt. Asbel Kiprop hat das Rüstzeug, die Konkurrenz zu dominieren, auch bei Weltmeisterschaften. Nach dem Debakel der Olympischen Spiele, wo er in einem für ihn viel zu langsamen Rennen nur Sechster wurde, konnte der 28-Jährige nach eigener Aussage erst sechs Monate später als gewöhnlich mit der konkreten Saisonvorbereitung starten. Davor gab es viel Theater im Trainingscamp von Rosa Associati, dem Kiprop als männliches Aushängeschild angehört, weil Marathon-Olympiasiegerin Jemima Sumgong des Dopings erwischt worden ist und weitere Langstreckenläuferinnen intern suspendiert wurden. Aktuellere Informationen sind aus Kenia noch nicht durchgedrungen. Kiprop selbst hat das alles direkt nicht betroffen, indirekt wehrte er sich aggressiv gegen einen Generalverdacht und gegen das juristische Vorgehen gegen des sehr in Kritik stehenden Managers Federico Rosa. Der späte Saisoneinstieg ist für Kiprop aber die Erklärung der bisher bescheidenen Resultate. Ein schneller 800m-Lauf beim Diamond League Meeting in London, dazu ein vierter Platz in Stockholm – eine vergleichsweise lächerliche Ausbeute für einen Mann, der bereits 22 Rennen in der Diamond League gewonnen hat und in Monaco 2015 fast Weltrekord gelaufen ist.

Quo vadis, Asbel Kiprop?

Es ist sein Geheimnis, ob er wirklich so stark ist, in London zum vierten Mal Weltmeister zu werden und damit gleichzuziehen mit Hicham El Guerrouj. Die ersten Eindrücke im Vorlauf waren positiv. „Meine Vorbereitung in Iten war hervorragend. Ich bin gut in Form“, beruhigte er. Im Halbfinale lief der Kenianer ein unscheinbares, aber kontrolliertes Rennen und war in der Endphase da. Auf der Außenbahn spurtete er auf den zweiten Rang hinter seinem Landsmann Elijah Manangoi, derselbe Zieleinlauf wie gestern im Vorlauf, der Kiprop das neunte globale Finale in Folge sicherte. Der Star schien Reserven zu haben wie auch Manangoi, bei diesem Tempo mussten sie nicht ans Limit und absolvierten die 1.500m in knapp über 3:40 Minuten. Quo vadis, Asbel Kiprop? Definitiv ins Finale, wo man ihn auf der Rechnung haben muss. Vielleicht ist der Finallauf in London der letzte des 28-Jährigen über jene Distanz, die er geprägt hat, wie seit El Guerrouj kein anderer. Sein Weg könnte ihn auf eine andere Strecke führen.
Denn Asbel Kiprop liebäugelt offen mit einem Wechsel zu den 5.000m. „Seit ich im Geschäft bin, das ist nun seit zehn Jahren, habe ich ein Talent nach dem anderen emporkommen gesehen. Es wird immer schwieriger gegenzuhalten, ich fühle mich da ein bisschen in einer ähnlichen Situation wie David Rudisha und Ezekiel Kemboi“, gibt er zu bedenken und sieht über die 5.000m eine Chance. „Nach der WM wird Mo Farah aufhören, es braucht also einen Nachfolger. In diese Lücke müssen wir Kenianer mit einem starken Team stoßen.“ Wo er Recht hat, hat er Recht. Und wer das kenianische WM-Team über 5.000m anschaut, weiß, dass der Bedarf an starken Läufern über die zwölfeinhalb Stadionrunden in Kenia sehr gefragt sind.

Benitz ohne Chance, Wightman überraschend draußen

Zurück zum Hier und Jetzt und den Halbfinalläufen über 1.500m bei der WM in London. Neben Manangoi und Kiprop schafften auch Europameister Filip Ingebrigtsen, der mit Jubelgeste über die Ziellinie lief, Sadik Mikhou, ein Marokkaner, der für den Bahrain läuft, und der Spanier Adel Mechaal den Sprung ins Finale. Die Aufgabe nicht erfolgreich lösen konnten der WM-Dritte von Peking, Abdalaati Iguider, was nach seiner Seuchensaison keine Überraschung war, und der Schotte Jake Wightman, was wiederum schon eine Überraschung war. Auch die Lokalmatadoren sind also vor negativen Sensationen nicht gefeit. Ebenso ausscheiden mussten US-Meister Robby Andrews, der umknickte, und Timo Benitz, der in der schnellsten Phase des Rennens eingangs der letzten Runde den Kontakt an die Gruppe verlor, wodurch sein hervorragender Endspurt nicht mehr gefragt war.

Nick Willis: Übersicht oder Schwäche?

Immerhin rettete Chris O’Hare im zweiten Halbfinale als Vierter die Ehre der Briten und John Gregorek die Ehre der US-Amerikaner. Zeitgleich mit dem Neuseeländer Nick Willis sicherten sich die beiden die Aufstiegsmöglichkeit über die Zeitregel. Der Auftritt des Olympia-Dritten von Rio warf Fragen auf. Völlig untypisch hielt sich der schlacksige Läufer, der in den USA lebt, weit vorne auf und lief zu Rennmitte sogar eine Lücke zu. Den Spurt, normalerweise seine Stärke, begann er als Dritter und kam nur als Sechster an. Was war passiert? Dem leicht ergrauten Routinier ist zuzutrauen, dass er wusste, dass das zweite Halbfinale schnell genug war, so dass sieben und nicht nur fünf Läufer den Aufstieg ins Finale schaffen würden. Andererseits waren seine Vorleistungen mit dem Last-Minute-Limit in Monaco auch kein Kassenschlager.
An der Spitze nichts anbrennen ließen der Kenianer Timothy Cheruiyot und der Marokkaner Fouad El Kaam, die als Zweite und Fünfte das Finale erreichten. Den Sieg mit einem starken Schlussspurt holte sich der Tscheche Jakub Holusa, Marcin Lewandowski und O’Hare belegten die Ränge drei und vier. Den desolaten Eindruck aus dem Vorlauf erhärtete der vierte Kenianer im Feld, Ronald Kwemoi, der saft- und kraftlos wirkte und als Neunter chancenlos war. Knapp dahinter kam Homiyu Tesfaye ins Ziel. Auch der deutsche, frisch gebackene Vater (siehe RunAustria-Bericht) machte nie den Eindruck, um die besten Plätze mitkämpfen zu können.
 
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