WM 2017: Homiyu Tesfaye – Irrläufer, Jungvater, WM-Hoffnung

© IAAF Weltmeisterschaften 2017 in London

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Homiyu Tesfaye ist der wahrscheinlich facettenreichste Teilnehmer Deutschlands bei den Weltmeisterschaften. Klar, denn der 24-Jährige (lange Zeit gab es Kontroversen bezüglich seines Alters und seiner Identität) hat viel zu erzählen, seit er 2010 aus politischen Gründen aus Äthiopien nach Deutschland geflüchtet ist und in Frankfurt Asyl angesucht hat. Drei Jahre später war er für Deutschland startberechtigt und reiste zu den Weltmeisterschaften nach Moskau, wo er die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen konnte. Seither scheint die Karriere etwas zu stagnieren. Heute fliegt er regelmäßig in jenes Land zurück, aus dem er geflüchtet ist, um dort die Vorzüge des Höhentrainings zu genießen.

Flucht aus Deutschland

Es war Trainer Wolfgang Heinig, der Tesfaye trainierte und weiterentwickelte. Doch die Symbiose der beiden war nie eine harmonische, kurz vor den Olympischen Spielen 2016 erfolgte die Trennung. Tesfaye sei unbelehrbar, untrainierbar und undiszipliniert, begründete der erfahrene Coach damals. Der Athlet ging noch einen Schritt weiter und verkündete im Februar beim Hallen-Meeting in Düsseldorf, er trainiere nur noch auf eigene Faust. In seiner Wahlheimat St. Moritz, wo er mit seiner Lebensgefährtin Maryam Yusuf Jamal lebt. Die heißt mit richtigem Namen Zenebech Tola, floh einst aus Äthiopien in die Schweiz, wollte die Schweizer Staatsbürgerschaft annehmen, die sie nicht bekam, lief für den Bahrain und feierte große Erfolge – unter anderem zwei WM-Titel und den nachträglich anerkannten Olympiasieg von London 2012. Die erfahrene Mittelstreckenläuferin ist – so munkelt man – die neue Trainerin und starke Frau hinter Tesfaye. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) verzichtete übrigens auf einen Ausschluss, Tesfaye darf weiter den Bundesadler auf dem Trikot tragen, brachte sich in Form und qualifizierte sich für die Weltmeisterschaften.

Seit drei Wochen Vater

Vor knapp drei Wochen brachte Jamal in der Schweiz die erste gemeinsame Tochter namens Lediya auf die Welt (siehe RunAustria-Bericht). Das private Glück passte vom Timing nicht ganz in die WM-Vorbereitung des Äthiopiers, weshalb er für die Nächte von zu Hause „auszog“ und ein Hotel buchte, um genügend Schlaf zu erhalten. Den Vaterpflichten ging der 24-Jährige zwischen seinen Trainingssession in den Schweizer Alpen nach.

Tesfaye im Halbfinale

Ohne Zugriff auf den Athleten hielt sich der DLV in Prognosen vornehm zurück. Der Auftakt bei der WM aber hätte schlechter sein können. Tesfaye erreichte im dritten Vorlauf den fünften Platz, sechs Finaltickets wurden pro Lauf vergeben, dazu kamen auch die sechs Zeitschnellsten in den Genuss eines Aufstiegs. Fünf davon kamen übrigens aus dem dritten Vorlauf mit Tesfaye, da der Schwede Kalle Berglund – einer der Profiteure seiner eigenen Mühen – für ein flinkes Tempo gesorgt hatte. Den Lauf gewann der Australier Luke Mathews in der schnellsten Vorlaufzeit von 3:38,19 Minuten vor Timothy Cheruiyot aus Kenia und Europameister Filip Ingebrigtsen. Tesfaye lief die gesamte Dauer über recht defensiv und spurtete auf der Innenbahn hinter dem Schotten Jake Wightman auf dem fünften Platz.

Große Freude bei Benitz

Deutlich größer als bei Tesfaye war der Jubel beim zweiten deutschen Starter Timo Benitz, der im ersten mit Stars übersäten Vorlauf als Dritter überraschend klar den Aufstieg ins Halbfinale schaffte. Der endschnelle Spurter fand im dichten Gedränge auf der Zielgerade einen Weg durch die Menschenmenge und wurde hinter dem kenianischen Duo Elijah Manangoi und Asbel Kiprop, die einen umgekehrten Zieleinlauf als bei der WM in Peking fabrizierten, Dritter. Davor ließ das kenianische Duo erst ein langsames Rennen zu und brachte sich rechtzeitig vor dem Finale in die ersten beiden Positionen, womit der Rest des Feldes ausgebremst war. Der Marokkaner Abdalaati Iguider, der polnische Hallen-Europameister Marcin Lewandowski und überraschend der Australier Jordan Williamsz belegten die weiteren Plätze.

Fiasko für Matt Centrowitz

Eine herbe Enttäuschung musste Olympiasieger Matt Centrowitz hinnehmen. Der US-Amerikaner, der nach einer langwierigen Verletzung im Frühsommer wohl noch lange nicht bei 100% Fitness steht, spielte nie eine Rolle und wurde Letzter. „Dieses Jahr ist einfach zu viel zusammengekommen. Zuerst die Erkrankung, dann die Adduktorenprobleme. Es ist eine verdammt harte Saison“, sagte Centrowitz gegenüber der US-amerikanischen Web-Plattform „Let’s Run“. Netter Fakt nebenbei: Centrowitz war in London schneller als beim historisch langsamen Lauf in Rio, den er gewann. Ähnlich überraschend kam das Aus von Ayanleh Souleiman. Noch größer wäre nur die Sensation gewesen, wenn der Kenianer Ronald Kwemoi im zweiten Vorlauf rausgeflogen wäre. Der 21-jährige, bei dem die Formkurve seit seinem Sensationslauf bei den kenianischen Meisterschaften in der Höhe von Nairobi nach unten zeigt, lieferte eine indiskutable Leistung ab und landete nach einem kraft- und lustlosen Spurt nur auf Rang sieben. Der Kenianer hatte jedoch das Hundertstelglück auf seiner Seite und zog als Letzter über die Zeitregel doch noch in das Halbfinale ein. Die ersten sechs Plätze im mittleren Vorlauf belegten Sadik Mikhou, Jakub Holusa, Chris O’Hare, Ronald Musagala sowie die endschnellen Nick Willis und Robby Andrews. Beim Publikum herrschte beste Stimmung, weil zwei Briten im morgigen Halbfinale dabei sind. Erleichterung dominierte auch im holländischen Verband. Richard Douma war nach einem Kontakt mit Musagala wenige Meter vor dem Ziel spektakulär gestürzt. Das Wettkampfgericht entschied Musagala nicht zu disqualifizieren, weil kein Regelverstoß vorlag, Douma allerdings einen Startplatz im Halbfinale zu geben, den er sportlich ohne Sturz wohl erreicht hätte. Richtige Entscheidung!
Der Zeitplan der WM 2017
IAAF Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London

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