Sportsklaverei – der Lauf ums große Geld

© Salzburger Marathon / Peter Steffny

© Salzburger Marathon / Peter Steffny
© Salzburger Marathon / Peter Steffny
Ein sehr sehenswerter, neuer Dokumentarfilm vom deutschen Doping-Journalisten Hajo Seppelt unter Mitarbeit von Benjamin Best, Ulrike Unfug und Grit Hartmann, ausgestrahlt am gestrigen Donnerstag in der ARD, mit dem Titel „Geheimsache Doping: Wie Afrikas Sporthelden verkauft werden – der Lauf ums große Geld“ lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Problem in der internationalen Leichtathletik, das (zu) wenig Beachtung in der öffentlichen Kommunikation findet. Nationentransfers und Agenturen, die sich an afrikanischen Läufern bereichern, sie oft durch Kontakte zu Doping-Betrug animieren bis hin zu einer modernen Art der Ausbeutung. „Sportsklaverei“ nennt die äthiopische Läuferin Layesh Tsige das, was ihr widerfahren ist.

Sportsklavin Layesh Tsige

Layesh Tsige nahm bereits in jungen Jahren ein Angebot aus Aserbaidschan an und lief für das Land im Kaukasus, das sie im Prinzip nicht kannte. Aus finanziellen Gründen. Denn die Versprechungen aus dem Land am Ostrand Europas ließen sie von einem besseren Leben träumen als jenes, das sie in ihrer Heimat Äthiopien zu erwarten hatte. Aus Layesh Tsige wurde bereits im Juniorenalter Layes Abdellayeva und eine mehrfache Medaillengewinnerin bei internationalen Kontinentalmeisterschaften – als Afrikanerin mitten unter Europäerinnen. Mutmaßlich eingekaufte Läuferinnen und Läufer aus Afrika (vorwiegend in den letzten Jahrzehnten in die Türkei, den Katar, nach Bahrain oder Aserbaidschan), die keinen Bezug zum Land haben, für das sie starten, und damit die europäische Läuferlandschaft zum ungerechten Nachteil der heimischen Läuferinnen und Läufer verändern, sind das eine. Persönliche Schicksale wie das drastische von Tsige sind das andere, menschlich besonders tragisch. Die Versprechungen an sie für die Erfolge, mit denen sich Aserbaidschan rühmte, wurden nicht erfüllt, Gehaltszahlungen fielen deutlich niedriger als erwartet aus und Funktionäre leiteten Prämien in die eigene Tasche um – alles laut den Erzählungen der heute 26-Jährigen, die wieder die äthiopische Staatsbürgerschaft angenommen hat und von der sportlichen Bildfläche verschwunden ist. Sie ist in eine Falle getappt und daher sehr enttäuscht: „Ich fühlte mich nur noch ausgenutzt. Sie haben aus mir einen Sportsklaven gemacht!“, beschwert sie sich.

Nationentransfers und Ausbeutung

Neben den Nationentransfers, die Leichtathletik-Experten schon seit mehreren Jahren sauer aufstoßen und die aktuell vom Leichtathletik-Weltverband (IAAF) zur Findung einer nachhaltigen Lösung auf Eis gelegt wurden, lenkt die Dokumentation den Fokus auf mächtige Agenturen und Manager, die aus den Laufstars Afrikas ein Geschäft machen. Insbesondere mit einem Manager aus Deutschland geht die Doku hart ins Gericht und formuliert schlimme Verdachtsmomente, die mit Indizien versehen werden. Offensichtlich benutzte, afrikanische Läuferinnen und Läufer, die nur einen geringen Teil der Startgelder und Prämien selbst bekommen. Geschäft ist Geschäft, auch Manager wollen daran verdienen. Nur bei den ganz erfolgreichen Athletinnen und Athleten wird genug Geld lukriert, dass sich die geschäftlichen Beziehungen für alle Seiten lohnt. Afrikanische Läufer sind offensichtlich leichte Opfer. Ihre Motivation am Sport ist häufig nicht alleine der Erfolg, Ruhm und Ehre, sondern der Traum von einer besseren Zukunft.

Kritik an Jos Hermens und seinen Paradeschützling Haile Gebrselassie

Bei sehr erfolgreichen Agenturen und Managern stellt sich das deutsche Journalistenteam auch die Frage nach dem Zusammenhang mit Doping. Sowohl Kenia als auch Äthiopien stehen unter der Beobachtung der IAAF. Jos Hermens gilt als einer der erfolgreichsten Athleten-Manager der Welt und ist seit Jahrzehnten aktiv. Die Dokumentation stellt indirekte Verbindungen seiner Athleten zum ehemals am Universitätsklinikum Freiburg tätigen Doping-Arzt Lothar Heinrich her. Auch vor Haile Gebrselassie, einer der größten Persönlichkeit im Laufsport aller Zeiten, mehrfacher Weltmeister und Olympiasieger hält die Dokumentation nicht halt – ebenfalls aufgrund möglicher Kontakte zu den Freiburger Ärzten, die für den größten Dopingskandal in der deutschen Sportgeschichte nach der Wiedervereinigung verantwortlich sind. Gebrselassie dementiert.
Die gut halbstündige Dokumentation (siehe Link in die ARD-Mediathek unten) ist reich an diversen brisanten Informationen. Mit Hilfe eines äthiopischen Lockvogels wollen die Journalisten den Dopingfall eines/einer noch aktiven, sehr erfolgreichen äthiopischen Marathonläufers/Marathonläuferin per Zeugenaussage beweisen. Die Bilder wurden allerdings zum Schutz des Informanten nicht veröffentlicht.

„Ein schmutziges Geschäft“

„Die Läufer aus Afrika, im Wettkampf immer wieder die strahlenden Sieger. Doch beim Lauf ums große Geld, machen meist andere das Rennen – ein Geschäft, das oft schmutziger ist als die Pisten, auf denen sie trainieren“, heißt es vielsagend in der Conclusio der Dokumentation.
Der Link zur TV-Dokumentation in der ARD-Mediathek