800m – die facettenreichste Laufdisziplin

Wie hier in Peking will David Rudisha in Rio sich nach dem Rennen in Feierlaune zeigen. © Getty Images / Alexander Hassenstein

Der 800m-Lauf gilt aufgrund seiner vielseitigen Anforderungen als anspruchsvollste Laufdisziplin in der Leichtathletik. Gemeinsam mit dem 1.500m-Lauf und der Meile zählt sie zu den Mittelstrecken. Gleichzeitig gehört das Rennen, bei dem das Stadion zweimal umrundet werden muss, gemeinsam mit der einmaligen Stadionumrundung, dem 400m-Sprint zur Gruppe der Kurzzeit-Ausdauerdisziplin. Traditionell zählen 800m-Entscheidungen zu den spannendsten bei internationalen Leichtathletik-Meisterschaften, nicht selten ist die Vorausscheidung mit 24 Halbfinal-Teilnehmern für acht Finalplätze bereits ein Thriller, der von der Legende zahlreicher Überraschungen und Triumphe, Enttäuschungen und Debakel lebt. Auch bei den Weltmeisterschaften in London, die am Freitag, 4. August eröffnet werden, versprechen die Entscheidungen auf der kürzesten Laufdistanz Hochspannung. Denn wer Weltmeisterin oder Weltmeister über 800m werden will, muss multiple Fähigkeiten möglichst optimal vereinen, die es im harten Training zu erarbeiten galt.
 

Wie hier in Peking will David Rudisha in Rio sich nach dem Rennen in Feierlaune zeigen. © Getty Images / Alexander Hassenstein
Weltrekordhalter David Rudisha nach seinem WM-Titel 2015. © Getty Images / Alexander Hassenstein
Die Kontrolle des Laktats

Die Zusammengehörigkeit der kürzesten Mittelstrecke und der längsten Sprintstrecke in einer Gruppe ist der Hauptgrund für die Komplexität dieser Disziplin. Für Spitzenleistungen ist Sprinter-ähnliche Schnellkraft genauso bedeutend wie Schnelligkeitsausdauer. Tempohärte spielt eine genauso wichtige Rolle wie taktisches Verhalten und die richtige Position zum entsprechenden Zeitpunkt des Rennens. Auch wenn der 800m-Lauf zu den Laufdistanzen zählt, erinnert der Körperbau zahlreicher der erfolgreichsten 800m-Läufer der heutigen Zeit eher an einen Sprinter als an einen Läufer. Schließlich gilt es die emporschnellenden Laktatwerte unter grenzwertiger körperlicher Belastung im Schlussteil eines 800m-Laufs so gut wie möglich zu kontrollieren, wie der erfahrene Deutsche Trainer Lothar Pölitz in einem Beitrag auf der Website der German Road Races betont (veröffentlicht am 01.02.2017).

Ausdauerorientiertes Training bekam Überhand

Einen entscheidenden Unterschied gibt es aber zwischen den Disziplinen 400m und 800m. Während 400m-Sprinter in vollem Tempo danach streben, Selbiges möglichst nahe bis zur Ziellinie so hoch wie möglich zu halten, veränderte sich die taktische Herangehensweise an einen 800m-Lauf im Laufe der Geschichte. Erste Athleten, die den Ansatz mit Vollgas ins Rennen zu gehen und zu „überleben“ verließen und versuchten zwei möglichst gleichwertige Runden auf die Bahn zu bringen, verbesserten Weltrekorde entscheidend. Der Neuseeländer Peter Snell war der erste, der auf Basis eines ausdauerorientierten Trainingsplans zu großen Erfolgen kam. Er wurde Olympiasieger 1960 und 1964. Der jetzige IAAF-Präsident Sebastian Coe perfektionierte diese Philosophie. Seine persönliche Bestleistung von 1:41,73 Minuten, erzielt vor 26 Jahren in Florenz, ist nach wie vor die Bestleistung eines auf dem europäischen Kontinenten geborenen Läufers und bedeutet immer noch Platz drei in der Ewigen Bestenliste.
Es war der heute noch in der Weltspitze mitlaufende David Rudisha, der die theoretischen Idealfähigkeiten für den 800m-Lauf am besten vereinen konnte. Der 28-Jährige Kenianer dominiert seine Rennen mit einer konstanten, gnadenlosen Tempohärte vom ersten bis zum letzten Meter. Zwischen 2010 und 2012, seiner besten Karriere-Phase, lief er drei Weltrekorde, die Krönung war das Olympische Finale von London, wo er als erster und einziger Mensch die 800m unter 1:41 Minuten lief. Siebenmal unterbot Rudisha in dieser Zeitspanne die Marke von 1:42 Minuten, was historisch nur fünf Läufer jemals geschafft haben. In den letzten Jahren erreichte der Kenianer trotz riesiger Erfolge (Weltmeister 2015 und Olympiasieger 2016) diese Spitzenzeiten nicht mehr.

Osteuropäische Domäne und ein Uralt-Weltrekord

Nicht nur aufgrund der spannenden Herausforderungen, die für einen optimalen 800m-Lauf zu bewältigt werden müssen, machen diese Disziplin so brisant. Insbesondere bei den Damen gibt es zwei Nebenaspekte, die Hauptrollen übernahmen. Die kürzeste Laufstrecken war seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine Domäne osteuropäischer Läuferinnen. Von insgesamt 20 Weltrekordläuferinnen seit 1950 kamen nur vier nicht aus Osteuropa (Dixie Willis und Judy Pollock aus Australien sowie die Britin Ann Packer und die Westdeutsche Hildegard Falck, die 1971 als erste Frau offiziell eine Zeit unter zwei Minuten erzielte, Anm.). Wie man heute einwandfrei weiß, wurde damals auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs nicht immer mit sauberen Mitteln gekämpft – auch wenn konkrete Anschuldigungen in Form von positiven Dopingtests fehlen.
Spannend ist auch, dass der 800m-Lauf der Damen jene Disziplin in der Leichtathletik mit dem ältesten Weltrekord ist. Am 26. Juli 1983 lief Jarmila Kratochvilova im Münchner Olympiastadion die seither unerreichte Zeit von 1:53,28 Minuten. 2008 kam das kenianische Wunderkind Pamela Jelimo, die so schnell von der Bildfläche verschwand wie sie erschienen war, ihr mit 1:54,01 Minuten am nächsten. Dennoch gibt es Stimmen, die ankündigen, dass dieser Uralt-Weltrekord bald gebrochen würde. Durch Caster Semenya, wodurch eine Gemeinsamkeit betont wird, die aktuell ein großes Problem im Frauensport darstellt – und nirgends ist die Thematik so weitreichend wie im 800m-Lauf der Damen.

Bedrohung Hyperandrogenismus

Die Tschechoslowakin Jarmila Kratochvilova fiel seit ihrer aktiven Karriere stets mit einem sehr maskulinen Aussehen auf. Beweise für erhöhte Testosteron-Werte, wie bei Caster Semenya nach der WM 2009 zwangseingeholt, gibt es nicht. Konstante Dopingbeschuldigungen, die Kratochvilova während ihrer aktiven Zeit und lange danach stets begleiteten, wehrt sie mit einer bemerkenswerten Robustheit und mit einer gewissen Portion Trotz ab. Die einstigen Rahmenbedingungen – der Sport als Bühne der Machtdemonstration des Ostens, das leistungsorientierte Sportkonzept in der Tschechoslowakei, der Generalverdacht usw. – stehen ihr wenig hilfreich zur Seite.
Heute schwebt weniger Doping als vielmehr die Transgender-Diskussion als Damoklesschwert über jener Laufdistanz, die die mit Abstand längste Olympische Geschichte der Frauen-Laufbewerbe aufweist – auch wenn sie zwischen 1928 und 1960 ausgesetzt worden ist. Hyperandrogenismus – also ein biologisch bedingtes, höheres Level an männlichen Hormonen im weiblichen Körper (wie Testosteron) – ist eine wahre Bedrohung für den Frauensport, weil es einen von der Natur kreierten (theoretisch natürlich auch künstlich zufügbaren) Leistungsvorteil bringt, den Forscher in einer aktuellen Studie im 800m-Lauf auf 1,78% beziffern (siehe RunAustria-Bericht). Seit zwei Jahren feilscht der Leichtathletik-Verband (IAAF) verzweifelt an einer neuen Regelung, nachdem das Oberste Internationale Sportgericht (CAS) 2015 die alte, Hormontherapien auferlegende Regelung für ungültig erklärt hat. Transgender-Expertin Joanna Harper gab im Vorjahr die Prognose ab, dass im Olympischen Finale von Rio rund die Hälfte der Teilnehmerinnen Leistungsvorteile durch erhöhte Testosteron-Werte hatte. Die Zurückhaltung Caster Semenyas in der Öffentlichkeit auf der einen und sporadische Aussagen voller Ignoranz, untersetzt mit etwas Wut, auf der anderen Seite sind ebenfalls Zeuge eines elektrisierenden Spannungsfeldes, das nach einer klärenden Lösung lechzt.
 

Mit Abstand die stärkste 800m-Läuferin der Welt – Caster Semenya. © Getty Images / Patrick Smith
Caster Semenya demonstrierte ihre Stärke bei den Olympischen Spielen 2016. © Getty Images / Patrick Smith
800m-Lauf der Damen auf der Überholspur

Zum 16. Mal finden im Londoner Olympiastadion vom 4. bis 13. August Weltmeisterschaften in der Leichtathletik statt. Bei der ersten Auflage vor 24 Jahren triumphierte Jarmila Kratochvilova im 800m-Lauf und tags darauf im 400m-Sprint (damals Weltrekord). Heuer heißt die wahrscheinliche Weltmeisterin über 800m bereits wie 2009 und 2011 (der des Dopings überführten Mariya Savinova wurde der Titel mittlerweile aberkannt, Anm.) Caster Semenya, die seit fast zwei Jahren kein Rennen mehr verloren hat. Einige kalkulieren mit einem Weltrekord. Ein Kreis, der sich schließt?
Es würde passen, denn der 800m-Lauf der Damen ist auf dem Vormarsch. Kürzlich erzielte Landesrekorde für Südafrika, Burundi, USA, Kanada oder Schweden zeugen davon. 28 Läuferinnen haben im laufenden Kalenderjahr bereits die Zwei-Minuten-Marke unterboten. Dabei steht der Saisonhöhepunkt, also jenes Rennen, wo alle Läuferinnen weltweit die beste Saisonleistung abzurufen gedenken, noch davor. Der Feinschliff dafür wird gerade in finalen Trainingslagern geholt. In den letzten Jahren haben nur unwesentlich mehr Läuferinnen die zwei Minuten unterboten – im ganzen Kalenderjahr. Herausragend war das Olympia-Jahr 2012, als 44 Läuferinnen unterhalb dieser Marke blieben.
Diese Statistik begutachtend entwickelt sich der 800m-Lauf der Damen übrigens konträr zu jenem der Herren. Die aktuelle Weltjahresbestleistung von Emmanuel Korir (1:43,10 Minuten) war zum Vergleichszeitpunkt Ende Juli in der letzten Dekade nur zweimal langsamer: 2013, als die Olympia-Helden von London 2012 Rudisha und Amos verletzungsbedingt fehlten, und im Vorjahr, als die absoluten Topzeiten erst bei Olympia fielen. Eigentlich kein Wunder, denn für den perfekten 800m-Lauf braucht es das ideale Zusammenspiel mehrerer Fähigkeiten, die es im langwierigen Trainingsprozess gezielt zu erarbeiten und zu kombinieren gilt. Wer die beste Arbeit im täglichen Training erledigt hat, hat beste Chancen auf die Goldmedaille in London. In einer Spitzenzeit.