Erfahrungen, die nun fehlen

Am Ende stand ein Feuerwerk! So enden alle Sportveranstaltungen, ob Olympische Spiele, Leichtathletik-Weltmeisterschaften oder kleinere Events in allen möglichen Sportarten. Doch bei den Jugend-Weltmeisterschaften in Nairobi trifft vor allem eine zweite Bedeutung dieser Aussage zu. Über 60.000 Zuschauer strömten am letzten Wettkampftag in das Kasarani Stadion von Nairobi (weitere rund 20.000 mussten draußen bleiben) und verliehen den Jugend-Weltmeisterschaften das Flair des Ultimativen. Von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften der Erwachsenen. Das begeisterte und von Enthusiasmus und Leidenschaft getriebene, kenianische Publikum fieberte tatkräftig mit den Sportlern mit und sorgte für ohrenbetäubenden Lärm, insbesondere sobald kenianische Leichtathleten in aussichtsreichen Positionen waren. Kurze Zusammenfassung: ein atemberaubendes Erlebnis und der stimmungsvolle Höhepunkt der bisherigen Karrieren der präsenten Sportler.
Schade nur, dass viele junge Leichtathleten dieser Welt dieses Erlebnis nicht genießen konnten – oder vielmehr nicht durften. Zahlreiche nationale Verbände – darunter weltführende wie die USA, Großbritannien, Australien oder Japan, aber auch viele weitere europäische wie Italien, Schweden, die Schweiz oder Österreich – entschieden, ihre Nachwuchshoffnungen nicht nach Nairobi zu entsenden. Beliebtestes Hauptargument: die Sicherheitslage in Kenia, gestützt z.B. auf eine tatsächliche Reisewarnung des Österreichischen Außenministeriums, welches aber die Hauptgefahr nicht in der kenianischen Hauptstadt, sondern im Norden des Landes an der Grenze zu Somalia ortete. Ein zweites, deutlich verständlicheres: die Anhäufung an internationalen Meisterschaften für junge Leichtathletinnen und Leichtathleten binnen weniger Wochen.
Nicht wenige vermuten ein Politikum gegen Kenia hinter den Entscheidungen. Eine Art Protest gegen Verfehlungen im Anti-Doping-Kampf und gegen unsägliche Zustände an der Verbandsspitze über lange Jahre. Dass Kenias Leichtathletik sich der Doping-Problematik früher nicht nach WADA-Vorbild näherte, sondern getrieben von der eigenen Profitgier, ist längst bewiesen. Dass der neu strukturierte kenianische Verband Baustellen wie Doping oder Korruption im Griff hat, dafür kann keiner eine Garantie geben. Dass dem ein oder anderen Verband die „Belohnung“ einer Vergabe der Jugend-WM nach Nairobi und damit eine Präsentationsmöglichkeit zur Imagebildung ein Dorn im Auge war, liegt durchaus nahe. Aber: Wenn es darum geht, die hervorragende Infrastruktur und Trainingsmöglichkeiten an den Standorten in der kenianischen Höhe für ausgedehnte Trainingslager zum eigenen Vorteil zu nützen, heben nicht viele die Hand zum freiwilligen Verzicht. Oder welches bedeutende Leichtathletik-Meeting verzichtet freiwillig auf die Einladungen der kenianischen Stars?
Was in Kenia garantiert floriert, ist die Begeisterung für die Leichtathletik als nationale Sportart schlechthin. Diese Erkenntnis ist nicht neu, allerdings gab es noch nie so viele nachhaltige Beweise, wie die Bilder und Eindrücke aus Nairobi brachten. Oder jene von den Crosslauf-Weltmeisterschaften im März in Kampala, der Hauptstadt des kenianischen Nachbarstaates Uganda, als Zehntausende Zuschauer ein fantastisches Areal für Crosslauf säumten und für frenetische Stadionatmosphäre im Park sorgten. Dem Leichtathletik-Weltverband (IAAF) ist mit den Vergaben internationaler Großereignisse im Rahmen der infrastrukturellen Umsetzbarkeit an afrikanische Gastgeber ein kluger Schachzug gelungen. Gleichzeitig wurde damit auch eine gewisse Geringschätzung der westlichen Leichtathletik gegenüber der afrikanischen offen gelegt. Schließlich ignorierten die europäischen Verbände die Crosslauf-WM im März fast geschlossen.
Dass der Sport zu seinen leidenschaftlichen Fans geht, ist nicht nur ein legitimer Schritt. Es ist ein notwendiger Schritt! Auch für die Leichtathletik, die sich seit Jahren über mediales Desinteresse und Zuschauerrückgänge beschwert. Sowohl in Kampala als auch in Nairobi präsentierte sich ein frenetisches, emotionales, fachkundiges und bemerkenswerterweise sehr faires Publikum im gewaltigen quantitativen Ausmaß – das kann man von vergangenen Großereignissen wie den Olympischen Spielen in Rio oder den Weltmeisterschaften in Peking nicht so deutlich behaupten. Dass dennoch die großen Verbände auf die – zugegeben exotisch anmutende – Reise freiwillig verzichteten, ist kurios. Kein Skisportler weltweit verzichtet freiwillig auf das Kitzbühel-Wochenende. Kein Skilangläufer auf eine WM in Skandinavien. Kein Eishockeyspieler ein Turnier in Kanada. Kein Badminton- oder Tischtennisspieler auf Wettkampfserien in Ostasien. Kein Radsportler auf die Tour de France.
Was von der allerletzten Auflage der Jugend-Weltmeisterschaften übrig bleibt: Kenia hat seine Chance genützt! Unfallfreie Organisation, ein funktionierendes Sicherheitskonzept, hohe Gastfreundlichkeit und positive Imagebildung umrahmten das fabelhafte Sportfest im Kasarani Stadion, wenn man etwa die Berichte des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) liest, der als sportlich erfolgreichster Verband Europas auftrat. Was viele europäische Leichtathletinnen und Leichtathleten in Nairobi wie auch Monate zuvor in Kampala verpasst haben, können sie sich nun bei Gelegenheit von Zeitzeugen erzählen lassen. Die wichtigen sportlichen Erfahrungen im Leben junger Sportler sind ebenso wie die Erlebnisse unwiederbringlich. Vielleicht gibt es bald eine neue Chance, denn Leichtathletik-Großereignisse in Ostafrika haben eine Zukunft. Nicht nur, aber vor allem wegen der Stimmung.