Polarisierender Marathon-Frühling

Bewunderung und Verachtung lagen im diesjährigen Marathon-Frühling sehr nahe beieinander. Während eine der zwei großen kenianischen Marathonläuferinnen, Mary Keitany beim London Marathon ein historisches Resultat erzielte und erstmals die Weltrekord-Dimensionen der Britin Paula Radcliffe betrat, wurde Olympiasiegerin Jemima Sumgong als Dopingsünderin und Betrügerin entlarvt. Bei den Herren beanspruchte Eliud Kipchoges sub-2-Versuch in Monza viel von der Marathon-Aufmerksamkeit für sich, die sich auch andere Rennen und Athleten verdienten – ein Rückblick:

Kenianische Dominanz bei den Damen

Die herausragende Leistung im Marathon-Frühling 2017 lieferte Mary Keitany beim London Marathon ab. Im Alleingang nutzte die sie beispielhafte Pacemaker-Arbeit ihrer Landfrau und Trainingspartnerin Caroline Chepkoech zu einem unglaublichen Solo, das sie in einer Zeit von 2:17:01 Stunden beendete. Nur einmal in der Geschichte des Marathons war eine Läuferin schneller gewesen, Paula Radcliffe bei ihrem Weltrekord 2003. Damals, ebenfalls in London, genoss sie die Unterstützung von männlichen Pacemakern, weswegen viele den Lauf von Keitany am 23. April ebenfalls als Weltrekord ansehen – als Weltrekord für Frauen-Rennen. Unabhängig davon, dass es sinnlos ist, zwei Weltrekord für ein und dieselbe Disziplin zu führen (bei dieser Diskussion müsste man im Halbmarathon praktisch alle Spitzenzeiten der letzten Zeit wieder löschen), war die Leistung der 34-Jährigen beim London Marathon herausragend.
Zwei Aspekte bleiben in Erinnerung: Erstens die offensive verbale Ankündigung, die zwar nicht neu war, aber dennoch auffallend. Zweitens, die mutige Herangehensweise und die risikoreiche Taktik, die die Überzeugung, die Wunschleistung auch zu realisieren, in leuchtenden Großbuchstaben darstellte. Worin sich die Überzeugung, einen Weltrekord zu attackieren, der weit über ein Jahrzehnt gänzlich unangefochten war, begründete, darf in der heutigen Zeit des Leistungssports durchaus hinterfragt werden. Denn obwohl Mary Keitany dreimal in Folge den New York City Marathon gewann – und man Laufzeiten auf der schwierigen Strecke am Big Apple nicht mit jenen auf den schnellsten Marathonstrecken der Welt vergleichen kann – agierte sie in den letzten Jahren trotz grandioser Erfolge auf einem Leistungsniveau, das eine breite Gruppe an Spitzenläuferinnen erreichen kann. Keitany gehört zwar seit langen Jahren zur crème de la crème, ihr alter Afrikarekord von 2:18:37 Stunden rührte aber noch von der Zeit vor ihrer zweiter Babypause her. Nach dem Comeback in New York 2014 lief Keitany nur einmal knapp unter 2:24 Stunden – also fast sieben Minuten langsamer als beim London Marathon 2017.

Unwirkliche Leistungssprünge

Keitanys Fallbeispiel war nicht die einzige gewaltige Leistungssteigerung einer kenianischen Läuferin in diesem Marathon-Frühling. Die Spitze erreichte Valary Aiyabei beim Prag Marathon. Die 25-Jährige reiste mit einer in Kenia handelsüblichen Bestleistung von 2:24:48 Stunden an und lief das Rennen mit einem irrwitzigen Tempo an. Aus der zwischenzeitlich prognostizierten Siegerzeit von deutlich unter 2:20 Stunden wurde zwar nichts, in 2:21:57 Stunden gab es dennoch einen Streckenrekord. Eröffnet hatte den Reigen der riesigen Leistungssprünge Sarah Chepchirchir beim Tokio Marathon: In einer Zeit von 2:19:47 Stunden, deutlicher Streckenrekord, blieb sie viereinhalb Minuten unter ihrer alten Bestleistung. Man merke: Chepchirchir ist keine aufstrebende, junge talentierte Läuferin, die ihre biologische Entwicklung als Sprungbrett für Leistungssprünge verwenden kann, sondern – wenn man so will – ein 32-jähriger Newcomer.
Hervorzuheben ist auch der Paris Marathon, der gleich vier der schnellsten zehn Marathon-Zeiten in diesem Frühjahr brachte. Alles Kenianerinnen, alles persönliche Bestleistungen inklusive der Siegesleistung von Purity Rionoripo in 2:20:55 Stunden. Und beim traditionellen Boston Marathon feierte Edna Kiplagat im Alter von 37 Jahren ihren zweiten Frühling. Beim Sieg in einer Zeit von 2:21:52 Stunden, ihr schnellster Marathon seit drei Jahren, stach besonders eine irre Tempoverschärfung zwischen Kilometer 30 und 40 ins Auge.

Glanzleistung von Dibaba zum unbeliebten Rekord

Sechs der zehn schnellsten Marathonläufe des Jahres 2017 gehen auf das Konto kenianischer Läuferinnen, dazu kommt die aus Kenia stammende Eunice Kirwa, die den Nagoya Marathon gewann. In dieser deutlichen kenianische Dominanz geht die Leistung von Tirunesh Dibaba beim London Marathon unter – aus dem einfachen Grund, dass es keine Siegesleistung war. Diese eindimensionale Betrachtung ist aber ungerecht, denn die 32-jährige Äthiopierin lieferte in ihrem zweiten Marathon überhaupt eine gigantische Leistung ab und stürmte zu einer Zeit von 2:17:56 Stunden. Wäre Keitany nicht noch eine Minute schneller gewesen, hätte die Öffentlichkeit Dibaba gefeiert. Trotz Keitany ist die Äthiopierin erst die dritte Läuferin aller Zeiten, die die Marke von 2:18 Stunden unterbieten konnte. Auf den Rekord für den schnellsten Marathon, der nicht für einen Sieg reichte, könnte der Star sicherlich verzichten.
Für das Debüt des Frühjahrs sorgte die junge Japanerin Yuka Ando, die in Nagoya eine Zeit von 2:21:36 Stunden auf den Asphalt zauberte und damit bei den Weltmeisterschaften in London eine interessante Komponente sein könnte. Ein zweites beachtliches gelang der Amerikanerin Jordan Hasay mit Rang drei beim Boston Marathon.

Neue Generation im Halbmarathon

Noch deutlicher war die kenianische Überlegenheit im Laufsport der Damen – auch im Prestigeduell gegen Äthiopien – im Halbmarathon, wo heuer gleich zweimal der Weltrekord verbessert wurde. Nun steht eine Marke von 1:04:52 Stunden, gelaufen von Joyciline Jepkosgei auf dem nicht Weltrekord-verdächtigen Kurs in Prag. Im Vergleich zu den oben skizzierten Läuferinnen, die im Marathon unglaubliche Leistungssprünge verzeichnen konnten, unterscheidet sich die kenianische Spitze im Halbmarathon mit Ausnahme von Keitany deutlich. Jung, unerfahren, enorm kraftvoll und dynamisch. Von den schnellsten fünf Halbmarathonläuferinnen des Jahres wurden vier in den 90er Jahren geboren. Auch sie kamen fast aus dem Nichts und bestimmen die Szene über die letzten Monate nach Belieben. Noch hat diese Generation im Kollektiv keine Ambitionen gezeigt, auf die Marathon-Distanz zu wechseln. Wenn sie dies in ferner Zukunft tun, steht ein radikaler Generationenwechsel ante portas.

Dopingskandal um Olympiasiegerin

Nicht zum ersten Mal lagen im Lauffrühling 2017 die beiden soweit entfernten, emotionalen Pole zwischen grenzenlosem Siegesjubel und ernüchternden Frust nahe beieinander. Mit Olympiasiegerin Jemima Sumgong fischten die von den World Marathon Majors beauftragten Dopingjäger das größtmögliche Exemplar aus dem Teich. Die Kenianerin stand kurz vor ihrem Antritt beim London Marathon und damit vor der Prämierung von 500.000$ für den Sieg in der abgelaufenen WMM-Serie. Der Fall der 32-Jährigen, die mit Abstand beste Marathonläuferin des vergangenen Jahres, ist eine große Schlagzeile und ein beachtlicher Erfolg der Regelhüter, gleich wie ein Mahnmal, das erinnert, dass die heile Welt im Spitzensport weiterhin ein frommer Wunsch ist. Die internen Suspendierungen dreier weiterer, hochkarätiger Marathonläuferinnen im Trainingscamp von Rosa Associati könnten Vorboten dafür sein, dass der Dopingskandal um Jemima Sumgong vielleicht kein isolierter Einzelfall war.
Die zweit-negativste Nachricht des Marathon-Frühlings betraf die kroatische Marathonläuferin Danjiela Kuma, die den Linz Marathon vermeintlich siegreich beendet. Wer sich mit Blutdoping zu einer Marathonzeit von 2:44 Stunden trimmt, ist definitiv fehl am Platz bei einem Marathonlauf, der in der Regel ein fest der positiven Emotionen darstellt.

Sub-2 überdeckt vieles

Die Frühjahrssaison der Herren wurde zu sehr vom Nike-Projekt „Breaking-2“ überschattet. Die Aufmerksamkeit war vor allem deswegen zu hochdimensioniert, da die Leistung von Eliud Kipchoge in Monza sportlich wertlos ist. Dennoch kann die Marathon-Welt vom 2:00:25 Stunden langen 42,195 Kilometer Lauf und der Inszenierung einige wertvolle Erkenntnisse lernen.
Der Marathon-Frühling 2017 wartete aber mit weiteren bemerkenswerten Leistungen auf. Bereits zu Jahresbeginn stürmte der Äthiopier Tamirat Tola beim Dubai Marathon zu einer Zeit von 2:04:11 Stunden, fünf Wochen später demontierte der ehemalige Weltrekordhalter Wilson Kipsang auf der neuen Strecke des Tokio Marathon den alten Streckenrekord und blieb zwei Sekunden unter der 2:04er Marke. Zum vierten Mal schaffte er dies bereits in seiner Karriere, einzigartig!
Nicht nach Wunsch verliefen die letzten Monate für Kenenisa Bekele, der nach seinem Fast-Weltrekord in Berlin 2016 einen wirklichen Weltrekord ins Visier genommen hat. In Dubai fiel er nach wenigen Metern zu Boden und musste später mit muskulären Schwierigkeiten aufgeben. Auch der zweite Pfeil im Köcher verfehlte sein Ziel. In London musste sich der Äthiopier mit Blasen an den Füßen Daniel Wanjiru geschlagen geben. Der erst 25 Jahre alte Kenianer ist eine der interessantesten Aktien für die Zukunft und, da die Topstars auf die WM in London verzichten, ein Kandidat für eine tragende Rolle bei den Weltmeisterschaften. Dass nur sechs Läufer unter 2:06 Stunden blieben, davon bis auf Kipsang und Tola alle knapp, ist durchaus bemerkenswert und vor allem konträr zu der Serie von Spitzenleistungen bei den Damen. Spitzenzeiten sind beim zweitwichtigsten Marathon des Frühlings in Boston aufgrund der Streckenrührung nie zu erwarten. Der US-Amerikaner Galen Rupp und der japanische Debütant Suguru Osako mussten sich einzig Geoffrey Kirui aus Kenia geschlagen geben.

Spannende Zielspurts als Essenz

Meistens sind spannende Rennen mit Entscheidungen kurz vor Schluss interessanter und spannender als mit Hilfe von Pacemakern inszenierte Tempojagden, die die Frage nach dem Sieger oft weit entfernt vom Zielband bereits klären. Angesichts der äußeren Bedingungen weit weg vom optimalen Rahmen ist es ein doppeltes Glück, dass dem Vienna City Marathon 2017 gleich zwei Rennen gelangen, die der englisch-sprechende Sportfan als „nail-biter“ bezeichnen würde. Bei den Herren distanzierte Albert Korir (2:08:40 Stunden) seinen Kontrahenten und Trainingspartner Ishhimael Bushendich genauso wie die siebenfache Mutter Nancy Kiprop (davon fünf Addoptionen) (2:24:20 Stunden) ihre Landsfrau Rebecca Chesir erst am Ring unweit des Burgtheaters. Also bestens einsehbar für die Zuschauer auf den voll besetzten Tribünen entlang der Zielgerade. Ebenfalls spannende Zieleinläufe gab es beim Seoul Marathon und Hamburg Marathon (Herren) sowie beim Paris Marathon und Rotterdam Marathon (Damen).

Pfeil sorgt für rot-weiß-roten Höhepunkt

Die spitzensportlichen Ambitionen österreichischer Marathonläufer konzentrierte sich auf zwei Versuche der WM-Qualifikation. Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik) scheiterte beim Linz Marathon, bei dem der Kenianer Anthony Maritim seinen zweiten Erfolg in Oberösterreich feierte. Zwei Wochen später lief es in Wien für Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr) deutlich besser. Trotz schwieriger Bedingungen belohnte sich der Oberösterreicher nach einer starken Leistung mit einer Endzeit von unter 2:15 Stunden. Damit hat er sein Reiseticket zu den Welt-Titelkämpfen in London in der Tasche.
Bei den Marathon-Entscheidungen dort, die erstmals in der WM-Geschichte am selben Tag ausgetragen werden, werden lediglich vier Athleten aus dem deutschsprachigen Raum zugegen sein. Pfeil ist nach dem Desinteresse des Deutschen Arne Gabius und des verletzungsbedingten Ausfalls des Schweizer Tadesse Abraham der einzige im Herren-Rennen. Für den Damen-Marathon sind Fate Tola und Katharina Heinig aus Deutschland – Tola gewann den Hannover Marathon – und die Schweizerin Martina Strähl qualifiziert. Olympia-Teilnehmerin Andrea Mayr (SVS Leichtathletik) hat keinen Versuch der WM-Qualifikation unternommen. Die österreichische Jahresliste wird angeführt von Karin Freitag (LG Decker Itter), die in 2:46:27 Stunden Dritte beim Linz Marathon wurde (bald wird das wohl den zweiten Platz Wert sein). Beachtenswert war auch der Auftritt von Katharina Zipser (SK Rückenwind) beim Vienna City Marathon.