Tokio Marathon: Neue Strecke, gestiegene Erwartungen

Birhane Dibaba (hier beim Berlin Marathon 2016) ist die einzige Läuferin im Feld, die den Tokio Marathon bereits gewinnen konnte. © SIP / Johannes Langer

Traditionell bildet der Tokio Marathon den Auftakt in ein neues WMM-Jahr. Seitdem die World Marathon Majors allerdings ihre Serien verlängert und vom Kalender gelöst haben, ist dies nicht mehr bedeutend. Japans Vorzeige-Laufveranstaltung hat nun die Erfahrung eines Jahrzehntes und wird zum fünften Mal als Teil der Serie der sechs wichtigsten Marathonläufe des Jahres (plus internationale Großereignisse) ausgetragen. Es liegt auf der Hand, dass der „Neue“ in den Anfangsjahren nicht die spitzensportliche Qualität liefern kann wie die etablierten Kollegen aus Berlin, London, Boston, Chicago oder New York. Dennoch stört dem Veranstalter ein Manko in der ansonsten prächtigen Entwicklung der Veranstaltung. Die Streckenrekorde sind ausbaufähig: Jener bei den Herren ist die Nummer sechs bei den World Marathon Majors, jener der Damen ist immerhin höherrangig als der Streckenrekord auf der schwierigen Strecke des New York City Marathon.

Weniger Brücken

Daher traf der Veranstalter die Maßnahme einer gezielten, aber – so die Erwartungen – aussagekräftigen Veränderung der Streckenführung. Wichtigstes Anliegen dabei war, einige Brücken wie die Tsukuka Brücke mit ihrem giftigen Anstieg, aus dem Programm zu nehmen.
Die Strategie dürfte aufgegangen sein. Die Teilnehmerinnen erwartet eine sehr flache (abgesehen von einen kurzen Bergabpassage kurz nach dem Start am Regierungsgebäude) und damit schnellere Strecke als früher, insbesondere in der Schlussphase des Rennens. Inwiefern sich diese Optimierung auf die Laufzeit auswirkt, wird das Rennen am Sonntag beantworten können. Neben einigen langen Geraden bleiben einige Ecken und Wendepunkte mit 180° Radien im Programm, die letzte Passage bis zur Ziellinie auf der künstlichen Insel Odaiba wird auf gut belaufbaren Kopfsteinplaster absolviert. Der Streckenrekord von Vorjahressiegern Helah Kiprop 2:21:27 Stunden wird trotz Pacemaker nicht leicht zu unterbieten sein.
 

Erster Marathon seit zwei Jahren

Aus spitzensportlicher Sicht hinkt der Tokio Marathon seinen WMM-Partnern im Frühling zumindest im Elitefeld der Damen deutlich nach. Keine der Starterinnen liegt in den Top-Ten der Weltbestenliste des vorigen Jahres. Dennoch erhofft sich der Veranstalter ein schnelles Rennen, das vom traditionsreichen Prestigeduell Kenia gegen Äthiopien befeuert werden soll. Je drei Athletinnen aus beiden Nationen kommen für eine Spitzenplatzierung und -zeit in Frage.
Die laut der Auflistung der persönlichen Bestleistungen schnellste Läuferin ist die Kenianerin Lucy Kabuu, die vor einer gefühlten Ewigkeit in Dubai einmal deutlich unter 2:20 Stunden gelaufen ist. Zwei Jahre ist es her, als sie in Dubai noch einmal eine Weltklassezeit von 2:20:21 Stunden lieferte. Das war auch der letzte Marathon der mittlerweile 32 Jahre alten Kenianerin, die in dieser Disziplin nie mit Konstanz überzeugte. Daher ist schwer vorhersehbar, was Kabuu in Tokio, wo sie 2014 Rang drei belegte, zu leisten imstande ist.

Marathon-Debüt für Saina

Die beiden weiteren Kenianerinnen im Spitzenfeld sind Sarah Chepchirchir und Betsy Saina. Chepchirchir hat im vergangenen Jahr den Lissabon Marathon gewonnen und will sich in Tokio mit einem Leistungsdurchbruch für das WM-Aufgebot der Kenianerinnen empfehlen. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Training und bin Gott sei Dank seit langer Zeit verletzungsfrei. Ich will am Sonntag ein gutes Rennen laufen und wünsche mir, auf dem Podium zu stehen“, wird die 32-jährige Trainingskollegin von Olympiasiegerin Jemima Sumgong in kenianischen Medien zitiert. Sie ist in Tokio aber ebenso Außenseiterin wie die Marathon-Debütantin Betsy Saina, die seit 2009 in den USA lebt – zuerst in Iowa, dann in Colordo, ehe sie Ende 2015 im Nike Oregon Project gelandet ist. Bei den Olympischen Spielen in Rio belegte sie den fünften Platz im pfeilschnellen 10.000m-Finale, ihre Halbmarathon-Bestleistung liegt bei relativ bescheidenen 1:09:27 Stunden (Boston 2014).

Starkes Trio aus Äthiopien

Den Kenianerinnen gegenüber steht ein motiviertes Trio aus Äthiopien. Birhane Dibaba ist die erfahrenste aller internationalen Teilnehmerinnen, was den Tokio Marathon betrifft. Die 23-Jährige ist zum vierten Mal in Folge am Start, 2015 gewann sie, 2014 wurde sie Zweite, im Vorjahr verpasste sie als Fünfte das Podest. Dibaba ist bisher nicht als die allerschnellste Marathonläuferin bekannt, überzeugte aber durch ihre Ergebnisse wie dem zweiten Platz im Vorjahr in Berlin und einer unheimlichen Ausgeglichenheit: Ihre Jahresbestleistungen der letzten vier Jahre variieren gerade einmal um 46 Sekunden, den Hausrekord von 2:22:30 Stunden stellte sie bei ihrem ersten Auftritt in der japanischen Metropole auf.
Hochmotiviert dürfte auch Amane Gobena ins Rennen gehen. Die 34-Jährige lief im vergangenen Jahr in einer Zeit von 2:21:51 Stunden eine persönliche Bestleistung, musste sich jedoch Helah Kiprop geschlagen geben. Gobena verfügt über reichlich Erfahrung und hat bereits Marathons in Toronto, Osaka, Seoul und Istanbul gewonnen. Die dritte Äthiopierin im Bunde ist Amane Beriso. Die 25-Jährige geht in ihre zweite Marathonsaison, die erste begann mit einem bärenstarken Debüt von 2:20:48 Stunden in Dubai.
 

Birhane Dibaba (hier beim Berlin Marathon 2016) ist die einzige Läuferin im Feld, die den Tokio Marathon bereits gewinnen konnte. © SIP / Johannes Langer
Birhane Dibaba (hier beim Berlin Marathon 2016) ist die einzige Läuferin im Feld, die den Tokio Marathon bereits gewinnen konnte. © SIP / Johannes Langer
Hall strebt nach persönlicher Bestleistung

Da der Tokio Marathon bei den Damen nicht als eines der Qualifikationsrennen für die Weltmeisterschaften in London ausgerufen ist, sind keine japanischen Spitzenläuferinnen am Start. Die besten auf dem Papier sind Kaoru Nagao und Kaori Yoshida, die eine Zeit von unter 2:30 Stunden anstreben. Das würde die US-Amerikanerin Sarah Hall auch liebend gerne erstmals in ihrem Leben schaffen. Bei ihrem bis dato schnellsten Marathon in London 2016 fehlten der 33-Jährigen dafür sechs Sekunden.

Damen-Rennen unbedeutend für WMM-Gesamtwertung

Auch wenn der Tokio Marathon die vorletzte Station der mit dem Boston Marathon 2017 endenden World Marathon Majors darstellt, spielt die Gesamtwertung dieser zum zehnten Mal ausgetragenen Serie in der japanischen Hauptstadt keine Rolle. Keine der in Tokio startenden Läuferinnen kann die mit dem Punktemaximum von 50 Zählern führende Olympiasiegerin Jemima Sumgong noch einholen, Birhane Dibaba, die in Berlin Zweite wurde, könnte mit einem Sieg auf den zwischenzeitlichen zweiten Platz vorrücken.
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