Unerwünscht in Amerika?

Selten zuvor hat eine Entscheidung eines US-Präsidenten die Wogen in der Diskussion der breiten Masse in Europa so hochgehen lassen, wie die Unterschrift Donald Trumps unter jenes Dekret, das provisorisch die Einwanderung von Menschen aus sieben ausgewählten Nationen verhindert. Zu sehr widerspricht dies der als solche bezeichneten, westlichen Wertvorstellung – das sieht auch ein nicht unwesentlicher Teil der Amerikaner so. Und jetzt leistet sich ausgerechnet das Staatsoberhaupt des seit einigen Jahrzehnten wichtigsten Verbündeten Europas die Missachtung dieser. Eine nicht willkommene Wendung!

Sportler bevorzugt

Warum diese Gedanken auf einer Plattform für Laufsport zu lesen sind? Dieses sozial brennende Thema hat längst den Sport erreicht. Mit dem vierfachen Olympiasieger Mo Farah hat einer der bekanntesten Läufer der Welt mit massiver Kritik auf die politische Entscheidung Trumps reagiert. Und Sorgen geäußert, dass die Einreiseverweigerung auch ihn – einem gebürtigen Somalier und Moslem, der mit acht Jahren nach Großbritannien zog und nur einen britischen Pass besitzt – treffen könnte. Dem ist freilich nicht so. Farah darf in seine Wahlheimat USA einreisen, ohne spezielle Klausel, die laut Berichten der britischen Tageszeitung „The Guardian“ für Leistungssportler im Allgemeinen gilt. Diese Ausnahme hilft den zig-tausend Betroffenen, die grundlos vor verschlossenen Türen stehen, aber nicht, sondern ist sogar noch eine Verstärkung der Botschaft der sozialen Ungerechtigkeit. Umso wichtiger ist es jedoch, über bekannte Menschen zu berichten, die ihre Meinungen kundtun und von dieser politischen Entscheidung beeinträchtigt sind. Denn die Stars der Sportwelt haben eine Stellung in der Öffentlichkeit, die Botschaften weitreichend verbreiten.

Gegen das Grundverständnis des Sports

Der Sport verfolgt in seinem Grundverständnis Ideale, die die Gleichstellung aller Sportler auf der ganzen Welt unabhängig von Herkunft oder Glaubensrichtung untermalt. Fairness, Chancengleichheit und die Überwindung von Grenzen werden genauso hervorgehoben wie Solidarität, Toleranz und Gemeinsamkeit. Besonders der Laufsport und der Marathon mit ihrer ereignisreichen Geschichte senden Wochenende für Wochenende Botschaften für ein friedliches Miteinander fern jeglicher Kategorisierung aus.
Dementsprechend erbost reagierte die Spitze des Nationalen Olympischen Komitees der USA auf das Dekret. Die Besorgnis ist groß, dass Trumps politisches Vorgehen der Bewerbung Los Angeles’ den Erfolg kosten könnte. Bereits die Wahl Trumps wurde in der kalifornischen Metropole aufgrund dessen proklamierter Einstellung zu Muslimen oder Frauen als Nachteil für die eigene Bewerbung empfunden. Im September fällt in Lima die endgültige Entscheidung, welche Stadt die Olympischen Spiele 2024 austrägt. Noch ist nicht abschätzbar, wie sich der politische Status quo der USA dann im Vergleich zu jenem in Frankreich (Bewerber: Paris) und Ungarn (Bewerber: Budapest) darstellt.

Sport und Politik: eine schwierige Beziehung

Dass die Art der politische Führung in einem sportlichen Großereignis ausrichtendem Gastgeberland den mächtigsten Sportverbänden nicht ganz so wichtig ist wie andere Argumente, ist seit Jahren quer durch die Sportwelt bei diversen Vergaben beobachtbar. Dafür hagelt es regelmäßig harsche Kritik, das IOC und die FIFA können beispielsweise ein Lied davon singen. Meistens aus der Perspektive der westlichen Welt heraus. Wäre die Kritik genauso laut, wenn sie gegen einen Staat gerichtet werden müsste, der für viele aus unseren Breiten als Land der realisierbaren Träume gilt?
Zeichnen wir ein zugegebenermaßen nicht sehr wahrscheinliches Szenario: Wir befinden uns im Jahr 2024, Los Angeles hat die Zugabe der Olympischen Spiele bekommen und das Dekret von Donald Trump ist in seinem achten Amtsjahr zum bindenden Gesetz gereift. Verglichen mit dem Aufschrei an die Olympia-Vergabe nach Peking 2008, der mit Besorgnis auf die Einhaltung oder Nicht-Einhaltung der Menschenrechte in China abzielte, müsste der weltweite Protest des Sports viel höhere Dimensionen erreichen. Dass einige Nationen drohen, aufgrund einer kategorischen Einreiseverweigerung beim größten Sportfest der Welt ausgeschlossen zu werden, war bis dato praktisch unvorstellbar. Ausnahmeregelungen für Sportler reichen wohl kaum, denn das Olympische Sportfest zieht Fans, Betreuer, Begleiter, Funktionäre und Vertreter aus der ganzen Welt an – und die gehören auch dazu! Zuletzt schrieb die Olympische Geschichte in den 80er Jahren dunkle Kapitel, als zahlreiche Nationen Olympische Spiele versäumten. Auch damals war die Politik Ursache, der Verzicht aber freiwillig im Rahmen von Boykotts.

Wohl überlegte Schlüsse

Gott sei Dank sind diese schrecklichen Szenarien noch einige Schritte vom realistischen Eintreten entfernt. Und das diskutierte Dekret hat eine vorläufige Laufzeit von drei Monaten, die rechtliche Prüfung läuft ebenfalls noch. Aber die USA ist regelmäßig Ausrichter internationaler Sportveranstaltungen, angefangen bei den drei World Marathon Majors in Boston, Chicago und New York mit summiert über 100.000 aktiven Teilnehmern aus der ganzen Welt.
Es ist richtig, dass der Sport keine hastige öffentliche Reaktion zeigt. Dafür gibt es die gewählte politische Elite, die die Meinung des Volkes repräsentativ und mit Weitsicht vertreten soll. Der Sport hat sich nicht in die Politik einzumischen – was übrigens für eine verbesserte Beziehung auch umgekehrt bei einigen Aspekten gelten muss. Aber der Sport hat die Aufgabe, sich über Entwicklungen und Entscheidungen überall auf der Welt Gedanken zu machen, fundierte fachliche Diskussionen anzuzetteln und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen – selbst wenn die Ursachen für diese Diskussionen in einem nationalem politischen Vorgehen liegt. Auch die Leichtathletik, die 2021 (übrigens wenige Monate nach dem Ende der vierjährigen, ersten Amtszeit Donald Trumps) ihre Weltmeisterschaften in Eugene, dem Mekka der US-amerikanischen Leichtathletik, austrägt.