Russland: defensive Reaktion auf McLaren-Report und kritikfähige Personalentscheidungen

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Sechs Tage ist es nun her, dass der kanadische Anwalt Richard McLaren mit der Präsentation des zweiten Teils seines Berichts über die WADA-Ermittlungen im russischen Dopingskandal Beweise vorlegte, die dem russischen Sport die Schlinge um den Hals immer enger legen. Im Vergleich zu allen vorherigen Präsentationen von Indizien, die Russland massiv bedrängten, fiel dieses Mal die Reaktion aus Russland viel zurückhaltender aus. Sind die Russen müde, das gebetsmühlenartige Leugnen ständig zu wiederholen oder wird der Druck des neuen Wissens zu groß? Es wird zwar weiterhin konsequent ein systematisches Konstrukt geleugnet. Ansätze von Kompromissbereitschaft sind aber erkenntbar, um sich – in der metaphorischen Vorstellung der Schlinge bleibend – genügend Luft zu verschaffen. Die WADA-Ermittler um Richard McLaren sowie die IAAF-Ermittler um Rune Andersen werden die Veränderungspolitik in Russland genau beleuchten. Damit aus diesem Dopingskandal in historischen Ausmaß ein Nutzens für den Spitzensport weltweit erzielt werden kann. Welche Fortschritte in die geforderte Richtung bereits erzielt worden sind, ist von außen schwer zu beurteilen.

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Yelena Isinbayeva wurde in Rio zum IOC-Mitglied gewählt. © Getty Images
Neue Besetzungen, aber keine personelle Revolution

Die Präsentation der neuen Erkenntnisse der WADA kam für Russland zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Erstens hatte Vladimir Putin kurz davor ein neues Anti-Doping-Gesetz per Versprechen angekündigt. Zweitens fielen in diesen Tagen richtungsweisende Personalentscheidungen. Dmitry Shylakhtin, der das Ruder bereits interrimmistisch übernommen hat, ist der neue Präsident des neuen Russischen Leichtathletik-Verbandes (RusAF). Der ehemalige Rugby-Coach und jetzige Sportfunktionär aus Samara hat längst Reformen angekündigt. Außer der Neugründung des Verbandes liegen (noch) kaum berichtenswerte Taten vor.
Eine der erfolgreichsten russischen Leichtathletinnen überhaupt, Yelena Isinbayeva hat kurz vor der Wahl ihre Kandidatur zurückgezogen und übernimmt die verantwortliche Position in der russischen Anti Doping Agentur (RUSADA) – unter massivem Protest der Welt Anti Doping Agentur (WADA). Gegen die Stabhochsprung-Weltrekordhalterin gibt es zwar keine konkreten Beweise, aber laut des von der IAAF und der WADA vertretenen Szenarios war sie jahrelang Teil des systematischen Dopings in der russischen Leichtathletik. Sie soll nun also maßgeblich das von den internationalen Institutionen gewünschte Funktionieren des zukünftigen russischen Anti-Doping-Kampfs verantworten. „Ich weiß, dass es eine riesige Aufgabe sein wird, das Vertrauen in Russland zurückzugewinnen. Aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen. Man wird Russland vertrauen können. Ich werde die RUSADA mit einem sauberen Image wiederaufbauen“, kündigte die 34-Jährige mit großen Worten an.
Isinbayeva, im Sommer unter massiver Kritik (u.a. der WADA), aber bei freundschaftlicher Atmosphäre innerhalb der IOC-Spitze um Präsident Thomas Bach als IOC-Mitglied aufgenommen (nach einer Wahl, Anm.), hat von Beginn an, vielleicht auch zum persönlichen Schutz, ein systematisches Doping in Russland stets verleugnet und tut dies auch heute noch. Ein Doping-Problem auf Basis zahlreicher Einzelfälle einräumend. Die von McLaren vorgelegten Belege sieht in Russland öffentlich übrigens keiner als „Beweise“ oder „Fakten“ an, auch Isinbayeva nicht. Das Bild des politisch motivierten Angriffs auf Russland scheint nach wie vor die plausible Rechtfertigung. Die ehemalige Weltklasse-Stabhochspringerin fordert die sofortige Wiederaufnahme der russischen Leichtathletik in den Weltverband.
Auch einige weitere Personalentscheidungen und -rochaden muten angesichts der Indizien gegen den russischen Sport höchst ungewöhnlich an. Der seit gut einem Jahr tätige russische Nationaltrainer, Yuriy Borzakovskiy, Olympiasieger von Athen, war ebenfalls ein in einem augenscheinlich Doping-System aktiver Leichtathlet und ist wohl keine revolutionäre Besetzung. Der ehemalige russische Sportminister Vitaly Mutko, dem in praktisch allen aufgezeigten kriminellen Vorgängen Verdachtsfälle der (mindestens) Mitwisserschaft nachgesagt wird, ist zwar nicht mehr im Amt. Doch der bekennende Putin-Freund wurde nicht etwa suspendiert, sondern befördert – zum neuen stellvertretenden russischen Premier-Minister. Eine gezielte, demonstrative Antwort auf die westliche Kritik, keine Frage. Der neue Sportminister ist Pavel Kolobkov, ein treuer Gefolge Mutkos, wie man hört.
Wer glaubt, seltsam anmutende Personalentscheidungen beträfen nur die Leichtathletik, wird mit Erstaunen die Ernennung des neuen Präsidenten des russischen Radsportverbands zur Kenntnis nehmen. Viatcheslav Ekimov, der jahrelang im dopingverseuchten US-Postal-Team von Lance Armstrong fuhr und einer der wichtigsten Vertrauten des gefallenen US-Stars war. Alexander Zubkov, Doppel-Olympiasieger in Sochi im Bobfahren, ist Präsident des russischen Bob- und Skeletonverbandes und regt sich auf, dass der Internationale Bob- und Skeletonverband (IBSF) auf Druck zahlreicher nationaler Verbände den Anstand hatte, dem ehemaligen Olympia-Ort Sochi die Austragung der Weltmeisterschaften Anfang 2017 zu entziehen.

Sebastian Coe: „schockiert und verärgert“

In ihrer in Russland sehr beachteten Antrittsrede hat Yelena Isinbayeva IAAF-Präsident Sebastian Coe hart kritisiert. Die beiden hätten ein sehr gutes Verhältnis gehabt, bevor der russische Dopingskandal ans Tageslicht gekommen ist. Isinbayeva habe Coe bei dessen Wahlkampf um das Amt des IAAF-Präsidenten sehr unterstützt. „Ich bin enttäuscht. Seit er im Amt ist, hat er nicht einmal mit mir gesprochen“, so die gekränkte Russin.
Coe selbst könnte als IAAF-Präsident ein Zünglein an der Waage sein, wann der russische Leichtathletik-Verband wieder in die IAAF aufgenommen wird. Die neuen Erkenntnisse aus dem McLaren-Bericht dürften den Briten auch persönlich getroffen haben. Unter Mithilfe der alten IAAF-Spitze hat die russische Leichtathletik ausgerechnet auch „seine“ Olympischen Spiele in London 2012 unterwandert und korrumpiert. „Schockiert“, zeigte sich Coe, und „zornig“, wenn er an all die anderen Athleten denke, die im Olympiastadion von London unter unfairen Voraussetzungen ihre sportlichen Träume verfolgt hätten. „Wir können russische Athleten erst wieder an unseren Wettkämpfen teilnehmen lassen, wenn wir der Überzeugung sind, dass sie sauber sind“, gibt der zweifache Olympiasieger die Marschrichtung vor.

Hoffnung auf WM-Teilnahme

Die russische Leichtathletik hofft auf eine rechtzeitige Rückkehr auf das internationale Terrain zu den Weltmeisterschaften im Sommer in London. Doch der Zeitplan ist eng, die Zeichen tendieren eher zu einem Nein, wenn man den Anfang Dezember in Monaco vorgelegten Zwischenbericht Andersens interpretiert. Ob es vertrauenswürdige Änderungen und Neuerungen im russischen Sport und der Leichtathletik bis dahin tatsächlich gibt, werden die zuständigen Ermittler begutachten. Aufgrund der massiven Manipulationen im Rahmen der Olympischen Spiele 2014 in Sochi droht Russland aktuell ein Ausschluss von den Olympischen Winterspielen 2018. Ein gigantischer Betrug am Sport, der die freundschaftliche Beziehung Putin-Bach ein weiteres Mal belastet.