„Gender Gap“ wird im Ultralauf kleiner

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Die Italienerin Cristina Pitonzo brach in Tränen aus, als sie die Ziellinie des „100K del tricolore“ in der italienischen Kleinstadt Reggio Emilia nach exakt acht Stunden, drei Minuten und 50 Sekunden überquerte. Vermutlich war die emotionale Reaktion weniger eine über einen beachtlichen Aspekt ihrer Leistung, sondern viel mehr eine Konsequenz eines harten Rennens, das mit einem Schlag beendet war – und somit alle Strapazen. Das Besondere an der Laufleistung der 42-jährigen Apothekerin aus der Toskana war, dass sie als allererste die Ziellinie erreichte. Also schneller war als alle teilnehmenden Männer.

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„Gender Gap“ verringert sich

In Italien beobachtete man ein derartiges, äußerst selten auftretendes Phänomen laut der Sportzeitung „La Gazzetta dello Sport“ zuletzt vor neun Jahren, als Monica Carlin sensationell den Marathonlauf von Prato nach Boccadirio vor dem schnellsten Läufer gewann. In Österreich überragte Berglauf-Weltmeisterin Andrea Mayr vor einigen Jahren alle Männer beim Schafberglauf.
Außergewöhnliche Resultate, die sich den natürlichen Begebenheiten widersetzen. Doch der so genannte „Gender Gap“, also der biologisch vor-definierte Unterschied in der sportlichen Leistungsfähigkeit zwischen Männern und Frauen, verringert sich tatsächlich ab einer bestimmten Laufdistanz. Allerdings liegt diese Schwelle oft erst im Ultralauf. Dass Frauen eine bessere Gesamtleistung im Laufsport als Männer abliefern, ist aus physischen Gründen trotz dieser Beispiele auch auf Ultradistanzen wissenschaftlich höchst unwahrscheinlich.

Physische Vorteile

Dass der Unterschied ab einer bestimmten Länge des Laufs kleiner wird, hat genauso physische Gründe wie der biologisch definierte Unterschied selbst. Üblicherweise verzeichnen Läuferinnen ein geringeres Körpergewicht als Läufer und strapazieren den Körper auf die Dauer dadurch weniger. Die üblicherweise kürzeren Beine und höhere Schrittfrequenz sorgen für effizienteren Energieverbrauch. Dazu kommt der höhere Fett-Stoffwechsel. Doch der entscheidende Faktor, der Läuferinnen für Ultradistanzen im Vergleich zu Läufer favorisiert, ist die wissenschaftlich nachgewiesene Fähigkeit von Frauen, ein konstantes Lauftempo besser halten zu können als Männer. Frauen tendieren immer dazu, ein realistisches Anfangstempo zu wählen und sind auf der zweiten Rennhälfte selten langsamer als auf der ersten. Dies ist bereits im Marathon sehr gut beobachtbar und entfaltet auf noch größeren Distanzen eine größere Wirkung. Diese Tatsache reduziert auch die Wahrscheinlichkeit einer vorzeitigen Beendigung des Rennens aufgrund von körperlichen Problemen. Dass in der Regel auch bei Ultradistanzrennen die Männer deutlich früher im Ziel sind als die Frauen, liegt daran, dass es nicht darauf ankommt, schneller zu finishen, sondern die Gesamtdistanz des Rennens in so kurzer Zeit wie möglich zu absolvieren. Und da erarbeiten sich die Männer naturgemäß einen derartig großen Vorsprung, den sie locker verteidigen, wenn die Phase eintritt, in der sich der „Gender Gap“ verringert.

Fernduell der 24-Stunden-Europameister

Ein praktisches Beispiel zur Bestätigung der These lieferten die Europameisterschaften im 24-Stunden-Lauf, die Ende Oktober in Frankreich stattfanden. Beide Sieger – Dan Lawson aus Großbritannien und Maria Jansson aus Schweden, die sogar einen Europarekord markierte – gingen die ersten Attacken im Anfangsstadium des Rennens nicht mit und wählten ein auf einem konservativen Rennbeginn basierendes, konstantes Tempo. Dabei blieben beide immer in Schlagdistanz zu den besten Plätzen.
Jansson hatte nach fünf Stunden etwas mehr als 53 Kilometer und 48 Runden absolviert (Durchschnittsgeschwindigkeit: 10,72 km/h). Lawson lag zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Runden oder über elf Kilometer hinter dem lange überlegen führenden Litauer Aleksandr Sorokin zurück und hatte in den ersten fünf Stunden 57,5 Kilometer in einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 11,51 km/h zurückgelegt.
Im Vergleich mit den letzten fünf Stunden des Rennens verringert sich der Abstand deutlich. Zwar überholte Lawson erst in dieser Phase den ehemals Führenden (was zeigt, dass Lawson bis zum Ende kämpfen musste, um zu gewinnen), dennoch absolvierte er in den letzten fünf Stunden nur mehr 46 Runden oder 51,7 Kilometer. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des gesamten Rennens war auf eine Marke von 10,91 km/h gefallen – also 0,6 km/h weniger als während der ersten fünf Rennstunden. Jansson absolvierte in den letzten fünf Stunden ihres Rennens 47 Runden bzw. 52,7 Kilometer – also etwas mehr als der Sieger der Herren. Ihre Durchschnittsgeschwindigkeit über das gesamte Rennen lag bei 10,44 km/h – also lediglich 0,28 km/h weniger als während der ersten fünf Rennstunden.