ARD-Dokumentarfilm: Neue Erkenntnisse über Bestechungen und Erpressung

© SIP / photocase

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„Geheimsache Doping – die Schutzgeld-Erpresser“: So lautet der Titel des neuen Dokumentarfilms aus der Reihe der investigativen Videobeiträge des ARD-Journalisten und engagierten Anti-Doping-Kämpfers Hajo Seppelt – ausgestrahlt am 27. November in der ARD-Sportschau. Der Dokumentarfilm enthält mindestens genauso viele brisante Informationen wie seine Vorgänger und kann dank der offen gelegten Ermittlungs-Zwischenergebnisse der Staatsanwaltschaft in Paris ein wenig Licht in den stockfinsteren Schatten, den das russische Dopingsystem über die internationale Leichtathletik geworfen hat, bringen. Doch es entstehen auch neue Fragen. Und der Eindruck eines riesigen undurchsichtlichen Gebildes des totalen Betrugs wird zwar konkreter, aber immer größer. Zwei Sachen werden dank der neuen Erkenntnisse dringlicher und augenscheinlicher denn je: Den Ermittlern steht noch eine Menge Aufklärungsarbeit bevor und es muss ein Weg gefunden werden, wie die verantwortungstragenden Personen von damals genauso wie ihre heute in den Ämtern sitzenden Nachfolger zu wahrheitsgetreuen Aussagen gezwungen werden können.
Bis dahin darf der Sportfan und interessierte Anhänger des sauberen Sports einen über 20-minütigen Beitrag voller entsetzlicher Erkenntnisse und einem dramatischen Krimi ähnelnden Inhalt bestaunen. RunAustria versucht, inklusive der aktuellen Informationen eine Struktur in den Wissenstand über das nicht mehr zu leugnende, systematische Doping in der russischen Leichtathletik zu bilden.

Die Vorgeschichte in aller Kürze

Im Herbst 2014 ließ der deutsche TV-Journalist Hajo Seppelt, in beispielloser Zusammenarbeit mit den „Edward Snowdens des Sports“, Yuliya Stepanova und Vitaly Stepanov – und in weiterer Folge in Zusammenarbeit mit Journalisten der britischen Zeitung „The Sun“ – die Bombe platzen. Das Ehepaar Stepanov whistleblowte über systematisches Doping in der russischen Leichtathletik und gab Einblick in ein kriminelles System, welches im Laufe der Zeit aufgrund zunehmender Informationen immer greifbarer wurde. Während die Stepanovs seither untergetaucht sind, erlebte der schwer in Verruf gebrachte Leichtathletik-Weltverband einen längst überfälligen Machtwechsel. Gegen den ehemaligen IAAF-Präsident Lamine Diack und weiteren entscheidenden Handlungsträgern der letzten Jahre wird akribisch ermittelt. Ende 2015 suspendierte die neue IAAF-Führung um Präsident Sebastian Coe den Russischen Leichtathletik-Verband (ARAF).
Diese Suspendierung hält weiterhin an, neue Erkenntnisse zu Lasten des russischen Sports entfalten eine Bremswirkung auf dem Weg der Wiederaufnahme. Die damals entscheidungstragenden Personen in Russland sind zwar großteils zumindest offiziell nicht mehr in Amt und Würden, von gezieltem und konkretem juristischen Vorgehen, geschweige denn Sanktionen kann allerdings nicht gesprochen werden. Vielmehr versucht Russland ein systematisches Staatsdoping zu leugnen und gibt nur ein Doping-Problem zu, welches aus politischen Motiven zum Nachteil Russlands überdeutlich hervorgehoben würde. Die alte IAAF-Spitze um den Diack-Clan leugnet ebenfalls nach wie vor Korruption und Vertuschung, obwohl sich die Beweise dafür nun nachhaltig erhärtet haben.
In den vergangenen Monaten und Jahren wurden zahlreiche Dopingfälle russischer Leichtathleten und Olympioniken bekannt und sanktioniert. Heute sind zahlreiche ehemalige Stars, insbesondere im Gehsport, den Russland jahrelang auf Basis des Betrugs dominierte, sowie aus dem Laufbereich gesperrt und Gott sei Dank aktuell nicht aktiv. Aufgrund der Suspendierung des Verbandes sind russische Leichtathleten momentan ohnehin international nicht startberechtigt.

Die Beziehung Russlands mit der IAAF unter der Präsidentschaft Lamine Diacks

Die Probleme Russlands begannen mit der Einführung des so genannten biologischen Passes für Leichtathleten, wodurch die Russen ein flächendeckendes Doping nicht mehr vertuschen konnten. Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) war im Bilde. Anstatt die entsprechenden rechtlichen Wege einzuleiten, begann die IAAF ein hochkriminelles Spiel, das Russland mitmachte. Gegen Schutzgeldzahlungen zur persönlichen Bereicherung vertuschte die IAAF-Spitze zig hochkarätige Dopingfälle russischer Leichtathleten und ließ diese weiterhin bei großen internationalen Sportereignissen an den Start gehen. Ein höchst unethisches Verhalten und dazu noch ein höchst unfaires gegenüber Sportlern aus dem Rest der Welt.
Laut den neuen Erkenntnissen, die aus den fieberhaft laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Paris stammen und der französischen Tageszeitung „Le Monde“ vorliegen, die der ARD-Dopingredaktion in persona von Hajo Seppelt in Zusammenarbeit Einblick in die Akten gewährte, sollen insgesamt nicht weniger als 3,45 Millionen Euro aus Russland auf diverse persönliche Konten der ehemaligen IAAF-Führungskräfte geflossen sein – geschützt dank diverser Briefkastenfirmen in der Karibik oder Singapur. Konkrete Zahlungsprotokolle, die angeblich 23 russische Sportler betreffen, liegen vor. Zahlreiche weitere noch nicht bekannte Dopingfälle russischer Leichtathleten stehen demnach ante portas. Die neuen Erkenntnisse erhärten den Verdacht, dass die IAAF nicht so passiv agierte wie bisher angenommen.
So soll die ehemalige IAAF-Spitze den russischen Verband, der sich selbst in die kriminellen Machenschaften manövriert hatte, erpresst haben und so die Zahlungen von Bestechungsgeldern forciert haben. Ein Vorgehen, das die Diacks bekanntermaßen bereits mit dem türkischen Verband versucht hatten. Wie aus dem den Ermittlern vorliegenden, internen Mail-Verkehr ersichtlich, versuchten die Russen 2014 den Druck auf die IAAF zu erhöhen, um aus der Defensive heraus zu kommen. Als die Situation brenzliger wurde und bereits erste Gerüchte die Runde machten, ermahnte der russische Verband die IAAF, weiterhin alles unter den Teppich zu kehren und pochte auf die Weiterführung des so betitelten „Total Protection Project“ – einem streng vertraulichen Deal mit der IAAF, den die Juristen als „weit außerhalb von Recht und Gesetz“ beschreiben. Um aus der erpressten Haltung zu kommen, versuchte Russland nun selbst die IAAF zu erpressen und drohte, die Wahrheit öffentlich ans Licht zu tragen. Der russische Verband gab zu bedenken, dass dies ihn selbst und den Leichtathletik-Weltverband komplett zerstören würde, ebenso wie die Karrieren zahlreicher hochrangiger Sportfunktionäre. Schließlich hätten alle IAAF-Mitarbeiter in verantwortlichen Positionen nachweislich Hauptrollen im Skandal gespielt.
Angesichts dieser Erkenntnisse muss nun zumindest die Frage in Betracht gezogen werden, ob der russische Verband nicht aus dem Hintergrund das Whistleblowing der Stepanovs gefördert oder zumindest passiv toleriert hat. Eine vage und haltlose Vermutung freilich, vielleicht ein Hirngespenst. Aber diese Theorie könnte innerhalb des Aktionsradius zahlreicher Institutionen gegen Russland und auch der Behandlung der Whistleblower selbst einiges erklären.

Die Sportler als Marionetten

Dass die russischen Leichtathleten mehr oder weniger unwillkürlich mitten in ein systematisches Staatsdoping gezogen wurden, behaupteten Vitaly Stepanov und seine Ehefrau von Anfang an. So soll es laut ihren Schilderungen auch bei Yuliya Stepanova (damals noch bekannt unter ihrem Mädchennamen Rusanova, Anm.), die erwischt und gesperrt wurde, gewesen sein. Das Dasein der russischen Sportler als Marionetten des Systems und der kriminellen Geflechte zwischen dem nationalen und dem internationalen Verband mag vielleicht nicht für die Absolutheit gelten, wird aber durch mindestens ein Beispiel aufgezeigt: Marathon-Star Lilya Shobukhova.
Bereits in der ersten Dokumentation der Serie „Geheimsache Doping“ packte sie aus und skizzierte, wie viel Geld (nämlich rund 450.000 €) sie aus der eigenen Tasche zahlen musste, um sich über den russischen Verband die Vertuschung ihrer positiven Dopingproben sowie ihre Olympia-Teilnahme zu erkaufen. Als ihr Doping-Vergehen dennoch ans Licht gekommen ist und Shobukhova gesperrt wurde und zur Rückerstattung zahlreicher Preisgelder aufgefordert wurde, forderte auch sie das Geld zurück, welches an die IAAF geflossen war. Zwei Drittel der Summe sollen vom Konto der Firma von Papa Massata Diack über eine zwielichtige, in Singapur ansässige Firma retourniert worden sein.
Beim Olympischen Marathon in London, dessen Startplatz sie sich erkauft hatte, soll Shobukhova laut den Erkenntnissen aus einem protokollierten Mail-Verkehr auf Regie-Anweisung agiert haben. Da ihr Dopingfall kaum mehr zu vertuschen war – oder anders gesagt: sich bereits im fortgeschrittenen Stadium befand – durfte sie laut Anweisungen der IAAF und der ARAF in London zwar teilnehmen, nicht jedoch eine Medaille gewinnen, um eine eventuelle Medaillen-Rückgabe bei Bekanntwerden des Dopingbetrugs zu verhindern. Demnach könnte die verletzungsbedingte Aufgabe der mitfavorisierten Russin eine Täuschung auf Basis eines abgekarteten Spiels gewesen sein.

Diack senior, Diack junior, Cisse und Balakhnitchev

Der ehemalige IAAF-Präsident Lamine Diack, sein einflussreicher Sohn Papa Massata, der gerissene, ehemalige IAAF-Anwalt Habib Cissé und Valentin Balakhnitchev, bis 2014 nicht nur Verbandspräsident in Russland, sondern auch treffenderweise Schatzmeister der IAAF, bildeten ein Viereck gefüllt von Korruption, Bestechung und Vertuschung. Gegen Lamine Diack und Habib Cissé wird in Frankreich fieberhaft ermittelt. Beide sind auf freiem Fuß, dürfen aber das Land nicht verlassen. Balakhnitchev ist von der Bildfläche verschwunden. Dieser leugnet vehement, in den russischen Dopingskandal involviert gewesen zu sein. Die Beteiligung an Schutzgeldzahlungen und Korruption ist nach neuesten Erkenntnissen schwer von der Hand zu weisen. Dasselbe gilt auch für das Gespann Diack-Cissé, das aber unermüdlich leugnet – und mutmaßlich lügt.
Bliebe noch Papa Massata Diack, vielleicht gemeinsam mit seinem rechtlichen Rückhalt Habib Cissé die entscheidende Person im Geflecht. Von ihm ist ein Bild entstanden, das von einer kompromiss- und rücksichtslosen Person, die nicht davor zurückscheut, das böse Spiel bis an die Spitze zu treiben, zeugt. Er erpresste Russland wohl hauptsächlich, die Zahlungen aus Russland erklärte er mit politischer Unterstützung für seine Kandidatur als senegalesischer Präsident. In einer laut vorliegendem Gesprächsprotokoll von Cissé getätigten Aussage heißt es: „Dank mir ist er (Papa Massata Diack, Anm.) überhaupt noch am Leben. Die Russen hätten ihn schon vor langer Zeit umgebracht und man hätte seine Leiche nie gefunden.“
Papa Massata Diack ist in seiner Heimat Senegal untergetaucht. Mit dringlichem Interpol-Fahndungsbefehl wird nach ihm gesucht. Doch im westafrikanischen Land scheint man von der schweren Schuld des Sohnes eines der bekanntesten Bürgers des Landes nicht so überzeugt zu sein. Laut Informationen der FAZ wird er in Senegal still und leise, aber kräftig unterstützt. Dass sein Vater Lamine immer noch den Titel des Ehrenpräsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes trägt, ist ein schlechter Witz, aber pure Realität.

Die Rolle der WADA

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) musste im Verlauf des russischen Dopingskandals schon viel Kritik einstecken. Mit ihrer Ermittlungsarbeit in Russland hat sie ihren Teil beigetragen. Dennoch erstrahlt die WADA in diesem Fall nicht in einem besonders guten Licht. Und zwar unabhängig ihrer bisher bekannten, defensiven Haltung und der Unstimmigkeiten mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC).
Laut den neuen Erkenntnissen habe die WADA frühzeitig vom massiven Dopingproblem in der russischen Leichtathletik gewusst. Am 19. September 2014 soll es laut den Akten der französischen Ermittler ein Treffen mit Vertretern des russischen Sportministeriums gegeben haben, an dem WADA-Präsident Craig Reedie und der mittlerweile zum neuen WADA-Generalsekretär beförderte Olivier Niggli die WADA vertraten. Gesprächsinhalt sollen die Vertuschungen und Schutzgeldzahlungen, die der WADA bereits bekannt waren, gewesen sein.
Die WADA unternahm nichts, außer die Vorwürfe an die Ethikkommission der IAAF weiterzuleiten. Zukünftiges Handeln wurde erst durch den investigativen Journalismus von Hajo Seppelt und dem Whistleblowing erzwungen. Ein aktives Druck-Ausüben auf die IAAF ist nicht bekannt, auch ein aktives Vorgehen oder ein Ermitteln im Sinne des Anti-Doping-Kampfs (der Hauptaufgabe der WADA) nicht. Daher stellen sich zwei wesentliche Fragen und es gilt zu erörtern, welche zutreffend und zu beantworten ist. War die WADA freiwillig in einer passiven Haltung? Was einem – wie DLV-Präsident Clemens Prokop in Kombination mit einer Rücktrittsforderung treffend auf den Punkt brachte – „Komplettversagen der WADA“ gleichkäme. Oder: Wer hat auf die WADA derartig Druck ausgeübt, dass diese die passive Haltung gegen die eigene Natur nicht verlassen konnte?

Was sagt Sebastian Coe zu den neuen Erkenntnissen?

Nichts. Laut Aussagen von Hajo Seppelt sagte der Brite erst einem Interviewwunsch zu, dann wieder ab. Coe verweist auf das laufende Verfahren. Auch Svein Arne Hansen, Präsident von European Athletics, wurde im Interview nicht konkret. Er verwies ebenfalls auf die laufenden Ermittlungen und auf die vorliegende Unschuldsvermutung, die er selbst aber auch nicht glaubwürdig vertritt.
Für die Leichtathletik und für den Sport im Gesamten ist es sehr ärgerlich, dass die handlungstragenden Personen der Jetzt-Zeit nichts sagen. Juristisch ist es aber leider nachvollziehbar. Sebastian Coe pochte bisher stets darauf, dass er trotz seiner damaligen Position als Vize-Präsident der IAAF nichts von den dunklen Machenschaften zwischen der russischen Leichtathletik und der IAAF gewusst habe und dass er aufgrund seiner Tätigkeit als OK-Chef der Olympischen Spiele in London zur damaligen Zeit nicht intensiv in die Arbeit der IAAF involviert gewesen sei. Die Kritik an seiner Person ist nach gut einem Jahr Amtszeit schon deutlich leiser geworden, dennoch gibt es nach wie vor genügend Leute, die Coe diese Version nicht abkaufen. Da der jetzige IAAF-Präsident sich verbal zurückhält, muss man ihn an seinen zukünftigen Taten messen.

Der nächste Schritt

Eines kann man Hajo Seppelt und der ARD trotz ihres vorbildlichen Bemühens kaum absprechen: Die Veröffentlichungen seiner erkenntnisreichen Beiträge sind taktisch immer gezielt gewählt. Damit üben die Inhalte noch mehr Druck aus – ob das gut oder schlecht ist. Der aktuelle Beitrag ist mit dem 9. Dezember gekoppelt. Dann wird in London der zweite Teil des brisanten Berichts von Richard McLaren zu den WADA-Ermittlungen der Öffentlichkeit präsentiert. Seit der Veröffentlichung des Dokumentarfilms „Geheimsache Doping – die Schutzgeld-Erpresser“ ist ein weiterer Spannungsbogen gesetzt, wie sehr die Inhalte beider Publikationen zusammenpassen. Außerdem findet in dieser Woche in Monaco ein spezieller IAAF-Kongress statt, bei dem dieses Thema sicher prominent auf der Tagesordnung stehen wird.

Das Fazit von Hajo Seppelt

Seit Jahren arbeitet der deutsche TV-Journalist Hajo Seppelt fieberhaft, um der Öffentlichkeit neue und brisante Informationen rund um den Dopingskandal in Russland und dem Korruptionsskandal mit der IAAF bereitzustellen. Nach den neuen Erkenntnissen während der laufenden Ermittlungen der französischen Behörden, die wohl noch Jahre andauern werden, bis es zu einem Urteilsspruch kommt, zieht er eine ernüchternde Zwischenbilanz. „Zahlreiche Resultate von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen sind die Produkte von Doping und Schultzgeld-Erpressungen. Die Dimension der Manipulationen, zuerst von Sportlern, nun auch von Top-Funktionären, sind historisch beispiellos. Das Wegducken der Anti-Doping-Kämpfer ebenso. Die Siegerlisten sportlicher Großereignisse, in Teilen, wohl nur noch Protokolle des Betrugs“, so Seppelt in einem Statement in einem im WDR ausgestrahlten Kurzbeitrag.
Am Schluss seines TV-Dokumentarfilms sagt er: „2016 ist das Jahr der globalen Krise des Sports. Und das Ende der Krise ist nicht abzusehen.“
Der Dokumentarfilm „Geheimsache Doping – die Schutzgeld-Erpresser“ in der ARD-Mediathek