Mary Keitany jagt historischen Hattrick

Mary Keitany bei ihrem Vorjahressieg. © NYRR

Wenn am kommenden Sonntag auf der Verrazano Bridge in New York der Startschuss zum 46. New York City Marathon fällt, dann könnte eine sehr begabte Läuferin Laufsportgeschichte schreiben. Viele große Stars und Persönlichkeiten des Laufsports der Damen haben den New York City Marathon bereits gewonnen. Einem auserwählten Kreis, wie etwa Marathon-Weltrekordhalterin Paula Radcliffe, sind sogar zwei Siege hintereinander gelungen. Doch drei Siege in Folge – also einen klassischen Hattrick – kann nur eine Läuferin in der Geschichte des beliebtesten Marathons der Welt aufweisen. Jene Lauflegende, die über ihre Siege in New York eine ganze Epoche des Laufsports geprägt und den Laufsport der Damen in Riesenschritten weiterentwickelt hat. Nicht weniger als neunmal hat die Norwegerin Grete Waitz den New York City Marathon gewonnen, davon zwischen 1982 und 1986 gleich fünfmal in Folge.

Ziel: Hattrick
Mary Keitany bei ihrem Vorjahressieg. © NYRR
Mary Keitany bei ihrem Vorjahressieg. © NYRR
Die Kenianerin Mary Keitany will am Sonntag nach ihren Erfolgen in den Jahren 2014 und 2015 ebenfalls einen grandiosen Hattrick vollenden. Nach der überraschenden Nicht-Nominierung für die Olympischen Spiele durch den kenianischen Verband (Athletics Kenya) ist die 34-Jährige, die seit ihrer Rückkehr aus der Babypause vor gut zwei Jahren von Erfolg zu Erfolg eilt, ausgeruht und voller Tatendrang. Zwar konnte sie in den vergangenen beiden Jahren den London Marathon nicht gewinnen, doch zahlreiche Leistungen im Halbmarathon und die beiden Erfolge im Central Park drängen sie in die klare Favoritenrolle. „Ich bin sehr optimistisch, weil ich denke, dass es möglich ist, hier ein drittes Mal zu gewinnen und Geschichte zu schreiben“, kehrt Keitany mit positiven Gefühlen nach New York zurück. „Ich kenne die Strecke sehr gut. Sie ist schwierig. Aber mein Ziel ist der Sieg und ich bin sehr gut darauf vorbereitet. Wenn die Bedingungen passen, kann es auch ein schnelles Rennen werden.“ In den letzten acht Jahren hat Mary Keitany alle Distanzen zusammengefasst lediglich sieben Rennen nicht gewonnen!

Cherono und Dibaba fehlen verletzt

Durch die verletzungsbedingte Absagen ihrer Landfrau Gladys Cherono, 2015 die schnellste Marathonläuferin des Jahres, und der amtierenden Weltmeisterin Mare Dibaba sind die Chancen Keitanys auf ein positives Ende des 42,195 Kilometer langen Laufs durch alle fünf Bezirke der Metropole erheblich gestiegen. Doch jeder Marathonläufer weiß: Die Distanz muss ungeachtet aller Vorhersagen erst einmal problemlos überwunden werden. Und trotz dieser für die Veranstaltung bitteren Absagen ist das Elitefeld der Damen zumindest auf dem Papier nicht schlecht besetzt. Dennoch leidet auch der Marathon-Gigant in den USA wie alle Herbst-Klassiker unter den Nachwehen der Olympischen Spiele – vor allem im Herren-Feld.

Äthiopische Herausforderinnen

Neben Keitany, hinter Radcliffe die zweitschnellste Marathonläuferin der Geschichte, haben noch zwei weitere Läuferinnen eine persönliche Bestleistung von unter 2:20 Stunden. Aselefech Mergia, gelaufen in Dubai vor ihrer Babypause im Jahre 2012, und Buzunesh Deba, eine in New York City lebende Äthiopierin. Zu beiden gibt es eine interessante Anekdote anzuführen. Mergia ist beim London Marathon in diesem Jahr in der entscheidenden Phase unglücklich zu Sturz gekommen und hat unabsichtlich Mary Keitany und die spätere Siegerin Jemima Sumgong mit auf den Boden gerissen. Mergia hat seit ihrem Comeback den Dubai Marathon 2015 gewonnen und im vergangenen Jahr in New York den zweiten Platz belegt.
Die 29-jährige Deba hat noch nie einen großen Marathon gewonnen, wird aber dennoch bald in den Siegerlisten stehen. Ihre persönliche Bestleistung von 2:19:59 Stunden beim Boston Marathon 2014 reichte nur zu Rang zwei, aber die Siegerleistung der des Dopings überführten Rita Jeptoo ist praktisch bereits aberkannt. Beim New York City Marathon stand sie bereits zweimal auf dem Podest, 2011 und 2013 als jeweils Zweite. Die jüngsten Resultate waren allerdings wenig verheißungsvoll.

Chepkirui will überraschen

Es liegt wohl an den beiden Äthiopierinnen, Mary Keitany auf deren Weg zum Hattrick Steine in den Weg zu legen. Auch wenn noch vier weitere Ostafrikanerinnen im Rennen sind. Doch den Äthiopierinnen Ayantu Hailemaryam und Etaferahu Temesgen ist diese Leistung nicht zuzutrauen und die Kenianerin Sally Kipyego ist noch nie einen Marathon zu Ende gelaufen. Diane Nukuri aus Burundi ist trotz guter Saisonleistungen wohl nur gut für einen Platz jenseits des Podests.

Total fokussiert lief Molly Huddle heuer in persönlicher Bestleistung zum Sieg beim New York City Halbmarathon. © NYRR
Total fokussiert lief Molly Huddle heuer in persönlicher Bestleistung zum Sieg beim New York City Halbmarathon. © NYRR
Überraschen könnte dafür Joyce Chepkirui, die im vergangenen Jahr den Amsterdam Marathon gewinnen konnte und im Jahr davor den Honolulu Marathon auf Hawaii. Um triumphieren zu können, müsste die 28-Jährige, heuer Dritte beim Boston Marathon, aber in die Nähe ihrer persönlichen Bestleistung laufen, was angesichts der fehlenden Pacemaker und der selektiven Strecke eine sehr schwierige Aufgabe sein wird.

Marathon-Debüt für Molly Huddle

Mindestens genauso mit Spannung wie auf den angestrebten Hattrick von Mary Keitany erwartet die US-amerikanische Öffentlichkeit das Marathon-Debüt von Molly Huddle. „Ich bin aufgeregt zu sehen, was ich im Marathon leisten kann. Im Vergleich zu dem, was ich bisher gemacht habe, ist das ein anderer Sport. Es wird eine spannende Erfahrung“, sagt die 32-Jährige vor ihrer Marathon-Premiere.
Die Leistungen auf den Unterdistanzen untermauern, dass Huddle beste Voraussetzungen für den Marathon mitbringt. Bei den Olympischen Spielen in Rio lief sie in einem US-Rekord von 30:13,17 Minuten zu Rang sechs (was allerdings ihren Faux-pas mit der durch verfrühten Jubel verschenkten Bronzemedaille bei der WM in Peking nicht ganz wettmachte). Im Frühjahr markierte sie beinahe einen US-Rekord im Halbmarathon in einer Zeit von 1:07:41 Stunden. Das gelang in den Straßen von New York, als sie zum zweiten Mal in Folge den New York City Halbmarathon gewinnen konnte – übrigens vor Joyce Chepkirui.
„Ich hoffe, dass es nicht zu schnell los geht. Es wird eine große Herausforderung. Ich habe bewiesen, dass ich auch auf der Straße schnell laufen kann und dass ich mit der hügeligen Strecke gut zurecht komme. Nur die Distanz wird sicher ein Schocker“, so die 32-Jährige, die glaubt, bei optimalem Rhythmus eine Zeit knapp unter 2:25 Stunden laufen zu können. Kara Goucher fürchtet bereits um ihren US-Rekord für ein Marathon-Debüt von 2:25:53 Stunden: „Der wird nicht überleben. aber das ist ok.“ Neben Goucher schaffte auch Shalane Flanagan bei ihrem New York-Debüt in den letzten Jahren in New York den Sprung auf das Podest. „Das wäre verrückt“, winkt Huddle lachend ab. Unmöglich erscheint es allerdings nicht.

Gwen Jorgensen präsentiert ihre Startnummer. © NYRR
Gwen Jorgensen präsentiert ihre Startnummer. © NYRR
Olympiasiegerin im Rennen

Obwohl Marathon-Olympiasiegerin Jemima Sumgong aus Kenia angekündigt hat, 2016 keinen Marathon mehr laufen zu wollen, ist eine Olympische Goldmedaillengewinnerin in New York am Start. Die US-Amerikanerin Gwen Jorgensen, Olympiasiegerin von Rio im Triathlon, gibt ihr Marathon-Debüt. „Ich habe großen Respekt vor der Distanz. Das wird eine große muskuläre Herausforderung. Aber ich kam im Training gut zurecht“, zeigt sich die 30-Jährige optimistisch. „Laufen ist meine absolute Lieblingsdisziplin beim Triathlon“, verriet sie. Weitere zu beachtende US-Amerikanerinnen im Rennen sind Annie Bersagel, die vor wenigen Jahren einmal den Düsseldorf Marathon gewinnen konnte, und Sara Hall.
Mit der Finnin Laura Manninen und der Schwedin Emma Nordling mischen sich nur zwei Europäerinnen ins Elitefeld der Damen. Dafür sind zwei Südamerikanerinnen dabei und die kanadische Rekordhalterin Lanni Marchant, die auf eine vordere Platzierung hofft.

Comeback eines ehemaligen Tennis-Stars

Der New York City Marathon ist traditionell ein beliebter Termin auch für Prominente, die Laufschuhe zu schnüren. Ein bekannter Name aus dem Sport lässt aufhorchen: Marion Bartoli, eine ehemalige französische Tennisspielerin, die unmittelbar nach ihrem Wimbledon-Sieg 2013 ihre Karriere beendet hat. Hinter ihm versteckt sich eine unglaubliche Geschichte. Unmittelbar nach ihrem Karriereende hat sich Bartoli in Asien einen seltsamen, exotischen Virus eingefangen, der monatelang ihr Leben bedrohte. Da ihr Körper keine Nahrung mehr vertrug, verlor sie 30 Kilogramm in kurzer Zeit. Sie konnte sich nur mehr mit Mineralwasser waschen und durfte aufgrund ihres schwachen Herzens ihr Handy nur fünf Minuten täglich benutzen – mit Handschuhen. Bartoli überlebte, genas vollständig und tritt nun beim New York City Marathon an. Um ihr neues Leben zu feiern, sagt sie.

Vierlinge als besondere Attraktion

Erstmals in der Geschichte des Marathonlauf werden Vierlinge am Start des New York City Marathon stehen. Amanda, Maria und Jessica Siemann werden ihrem Bruder Brian folgen, der bei den Rollstuhlfahrern mitfährt. Von den vier in New York aufgewachsenen Geschwistern lebt heute keiner mehr in der „Stadt, die niemals schläft“.
Unter dem folgenden Link finden Sie eine ausführliche Vorschau auf den New York City Marathon der Herren: Desisa fordert Titelverteidiger Biwott
New York City Marathon