Blutanalysen für Hobbyläufer?

© Salzburg Marathon / Peter Steffny

© Salzburg Marathon / Peter Steffny
© Salzburg Marathon / Peter Steffny
Wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Spitzensport, aufbereitet für den Breitensport. Das verspricht das irische Unternehmen Orreco unter der Leitung von Geschäftsführer Dr. Brian Moore, das anhand von regelmäßigen Blutanalysen und der Expertise aus dem Leistungssport Hobbysportler dabei unterstützen möchte, 100% ihres verfügbaren Talents auszuschöpfen. Dieser Ambition steht die Hypothese zu Grunde, dass jeder einzelne Sportler individuell einzigartig ist und diese Unterschiede im Blutbild am besten analysiert werden können. Die Methodik ist für Leistungssport längst etabliert, für den Freizeitsport stellt sich die berechtigte Frage, ob es der Aufwand mit regelmäßigen Blutanalysen Wert ist.

Biomarker liefern entscheidende Informationen

Mit der Analyse von so genannten Biomarker im Blut werden Informationen gewonnen, die Eliteathleten eine große Unterstützung in ihrer Trainingsarbeit leisten. Die irische Olympia-Teilnehmerin und zweifache Crosslauf-Europameisterin Fionnuala Britton erklärt in einem Zitat auf der Website von Orreco die Vorteile der Blutanalysen: „Regelmäßige Bluttests helfen mir dabei, meine Ziele zu verfolgen. Sie spielen eine essentielle Rolle, das Risiko an Erkrankungen zu senken und die Regeneration und Leistung zu optimieren. Regeneration ist eines der wichtigsten Dinge in einem Sportlerleben und die Blutanalysen helfen, die richtige Strategie dafür zu erstellen“. Seit 2009 hat das irische Unternehmen über 2.000 Spitzensportler betreut, unter ihnen 30 Medaillengewinner bei Olympischen Spielen in 16 verschiedenen Sportarten. Auch der ehemalige australische Spitzenläufer Craig Mottram ist Testimonial des irischen Unternehmens.
Dr. Moore spricht deshalb zurecht von „Sportwissenschaft von höchster Ebene, um die Leistungsfähigkeit zu optimieren, die Regenerationszeit zu verkürzen und die sportlichen Karrieren zu verlängern.“ Dank einer neu entwickelten Technologie soll ein Computerprogramm nun derartige Informationen auch für Hobbysportler und deren Bedürfnisse aufbereiten können. Dabei spielen die Faktoren Trainingsintensität, Trainingsumfang, Ernährung, Schlaf und Regeneration die wichtigsten Rollen. „Die Erkenntnisse, die wir von Spitzensportler gewinnen, können wir nun auch dem Hobbysportler anbieten“, erklärt Moore im Sommer gegenüber der irischen Tageszeitung „Irish Times“.

Der Blick in den Körper

Die englische Tageszeitung „The Guardian“ spricht in ihrem Bericht von der nächsten Generation der technischen Entwicklung für den Hobbylaufsport. Dabei hat die Blutanalyse im Spitzensport bereits eine lange Geschichte. Relevant sind vor allem die daraus gewonnenen Informationen für die Rahmenbedingungen von Höchstleistungen, auch in Richtung Zukunft gerichtet. „Der Muskel kann Beschädigungen aufweisen, das Immunsystem kann geschwächt sein, der Hämoglobinwert kann niedrig sein. Das sind alles Rahmenbedingungen, die in einigen Wochen und Monaten zu Problemen führen können. Deshalb ist es ein Vorteil, bereits frühzeitig davon zu wissen und rechtzeitig reagieren zu können“, erklärt Moore. Ein bekanntes Beispiel ist der Eisenmangel, der aus einem Bluttest leicht herauslesbar ist. Besonders Frauen sind durch den weiblichen Zyklus für Eisenmangel anfällig. Eisenmangel hat eine direkte Auswirkung auf den Hämoglobinwert im Blut, der den Sauerstoff zu den Muskeln bringt – der für Höchstleistung entscheidende Vorgang im Körper.

Großer Aufwand für geringe Verbesserungen

Orreco empfiehlt regelmäßige Blutanalysen alle paar Monate, um auch als Hobbyläufer eine perfekte Trainingsstrategie darauf aufbauen zu können. Doch es stellt sich die Frage, ob sich dieser Aufwand für Optimierungen in einem relativ kleinen Leistungsbereich rentiert. Denn man darf nicht vergessen, dass die oft als riesig dargestellten Leistungsschwanken im Spitzenbereich zwischen einen optimalen Lauf und einem „schlechten Tag“ eigentlich gar nicht so gigantisch sind. Läuft ein Spitzenmarathonläufer eine Zeit von 2:10 Stunden anstatt von 2:06 Stunden, spricht man schnell von einer schlechten Leistung. Würde es sich für einen Hobbysportler auszahlen, den Aufwand regelmäßiger Blutanalysen zum Ziel der besseren Trainingsausrichtung zu betreiben, um statt einer Zeit von 3:38 Stunden eine Zeit von 3:34 Stunden zu laufen – um im gleichen zeitlichen Spektrum dieser Hausnummer zu bleiben? Der finanzielle Aufwand ist dabei gar nicht eingerechnet. Denn in den USA verlangen Unternehmen für eine Laboranalyse rund 200 US-Dollar aufwärts.

100% des natürlichen Talents umsetzen

Dementsprechend klingt es so, als wäre diese Methode für den Spitzensport reserviert. „The Guardian“ zitiert die Hobbyläuferin Rosemary Byde, die plakativ darstellt: „Können Sie sich vorstellen zu sagen: ,Ich komme heute nicht ins Büro, weil mein Level an weißen Blutkörperchen ist zu niedrig’?“ Aus den USA kommen Stimmen, die Hobbysportler von regelmäßigen Blutanalysen abraten, da diese Informationen verführerisch für Betrügereien seien. Und Doping ist nun wirklich ein Element, auf das der Freizeitsport verzichten kann!
Dennoch ist davon auszugehen, dass das Versprechen Moores im Hobbysport unter sehr ehrgeizigen Läuferinnen und Läufer durchaus auf offene Ohren stößt. „Unsere Leidenschaft ist es, Athleten dabei zu helfen, die Spitze ihrer Leistungsfähigkeit zu erreichen, 100% ihres natürlichen Talents auszunützen.“ Und genau das ist der Traum vieler Hobbysportler.