Schottische Leichtathletik dank Erfolge im Laufsport im Aufwind

15 schottische Leichtathleten standen im Olympia-Team des britischen Leichtathletik-Verbandes (UK Athletics) und erzielten damit einen historischen Wert. Zuletzt erreichte das schottische Leichtathletik-Team vor 44 Jahren bei den Olympischen Spielen in München eine zweistellige Teilnehmerzahl. Vor vier Jahren in London waren es dreimal weniger schottische Starter in den Leichtathletik-Bewerben. Genauso stellen die 21 Medaillen bei den britischen Leichtathletik-Meisterschaften in diesem Jahr einen neuen Rekord dar.

Lnysey Sharp feiert im Hamden Park von Glasgow vor ihrem Publikum die Silbermedaille bei den Commonwealth Games 2014. © Getty Images / Ryan Pierse
Lnysey Sharp feiert im Hamden Park von Glasgow vor ihrem Publikum die Silbermedaille bei den Commonwealth Games 2014. © Getty Images / Ryan Pierse
Dieser rasante Aufstieg in der Quantität verläuft proportional mit steigenden Erfolgen, auch wenn in Rio keine der sieben britischen Medaillen von schottischen Athleten geholt wurden. Der Positiv-Trend hat seinen Ursprung zweifelsohne im Laufbereich. 1.500m-Spezialistin Laura Muir, die erste Britin, die jemals ein Diamond League Rennen in dieser Disziplin gewinnen konnte (mittlerweile sind es drei) ist seit vergangenem Wochenende in Paris die schnellste 1.500m-Läuferin des Jahres. Bei den letzten Großereignissen erzielte sie die Ränge fünf (WM in Peking) und sieben (Olympische Spiele in Rio). Ein zweites Beispiel ist 800m-Läuferin Lynsey Sharp, Europameisterin 2012, Vize-Europameisterin 2014 und Olympia-Finalistin 2016. Oder Callum Hawkins, der im Olympischen Marathon der Herren den ausgezeichneten neunten Rang erzielte und bereits beim London Marathon einen Spitzenplatz erreichte. Oder Andrew Butchart, der als zweiter Europäer neben Olympia-Held Mo Farah die Weltklasse aufmischen konnte, und Olympia-Sechster über 5.000m wurde.

Zwölf Olympische Läufer

Eine Erfolgsgeschichte beginnt nicht selten mit einem Niederschlag. Commonwealth Games 2014, Glasgow: Vor heimischem Publikum sollten die traditionsreichen Vergleichskämpfe aller Nationen, die einst unter britischer Krone standen, zum fabelhaften Sportfest der Schotten werden. Wurden sie, zumindest was die großartige Stimmung betraf. Nicht jedoch, was schottische Erfolge in der Leichtathletik betraf. Gerade einmal drei Medaillen wurden verzeichnet, darunter eine Silbermedaille von 800m-Läuferin Lynsey Sharp. Der große Bruder aus England, der größte und mit Abstand bevölkerungsreichste Teil des Vereinigten Königreichs, gewann 23-mal Edelmetall, davon drei Goldmedaillen.
Die wachsenden Erfolge schottischer Leichtathleten wurden bereits zwei Jahre später bei den Olympischen Spielen sichtbar und sind aufgrund der durchgehend eher jungen Mannschaft durchaus zukunftsträchtig. Eine besondere Rolle nimmt der Laufbereich ein: Zwölf der 15 schottischen Olympioniken aus der Leichtathletik gingen in einem Laufbewerb an den Start!

Kleines Land, große Erfolge

Im Verhältnis zum Bevölkerungspotenzial sind die großen Erfolge der schottischen Leichtathletik höchst erstaunlich. Besonders wenn man Vergleiche zu ähnlich großen Nationen zieht. Schottland ist als nördlichster Teil des Vereinigten Königreichs etwas kleiner als Österreich, das über drei Millionen mehr Einwohner hat als Schottland. Dennoch: Vergleiche zu ziehen, wäre unfair. Denn die schottische Leichtathletik untersteht dem britischen Leichtathletik-Verband und profitiert natürlich enorm von dessen Größe. Ein weiteres Plus, das die schottische Leichtathletik in Profit umwandelte: Der britische Sport öffnete seine Budgetquellen vor den Olympischen Spielen in London 2012. Schließlich sollten beim Heimauftritt die Medaillen ordentlich glänzen. Von verbesserter Infrastruktur, Kompetenz und einer nicht unumstrittenen, aber höchst effizienten Sportförderung profitierten zahlreiche der britischen Sportverbände. Das historische Abschneiden bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro mit Rang zwei im Medaillenspiegel ist die direkte Konsequenz. Die Erfolge in der Leichtathletik waren für Großbritannien nicht ganz so extrem, aber dennoch beachtlich. Und die schottische Leichtathletik spielte dabei trotz fehlender Medaillen eine wichtige Rolle in der Gesamtbetrachtung.

Neidische Blicke aus England

Die auffallend guten Resultate der schottischen Läufer sind in Großbritannien ein großes Thema. Im großen Gesamten sind diese Erfolge wichtig für die britische Leichtathletik, doch innerhalb des Vereinigten Königreichs herrscht ein großer Prestigekampf zwischen den vier autonomen Verbänden und daher schaut das mächtige England durchaus mit leichtem Neid, aber großem Interesse über seine nördliche Grenze. Auf der anderen Seite trifft dies auf Genugtuung eines außergewöhnlich sport-verrückten Volkes.
Der schottische Leichtathletik-Verband macht starke Kommunikation, ein neues und verbessertes Unterstützungsnetzwerk und gezielte Förderungen in der Entwicklung der Sportart für die positive Entwicklung verantwortlich. Die sportlichen Großereignisse der Olympischen Spiele von London und der Commonwealth Games von Glasgow hätten eine Euphoriewelle für die Leichtathletik losgetreten. Harte Arbeit und seit 2010 mächtigere Fördermittel haben die wichtigen Rahmenbedingungen gesetzt.

Finanzielle Unterstützung und vereinheitlichte Ausbildungsprogramme

Im Interview mit der britischen Fachzeitschrift Athletics Weekly nannte Mark Munro, interimistischer Vorsitzender des Schottischen Leichtathletik-Verbandes, bereits vor dem Start der Spiele in Rio weitere Gründe für die schottische Erfolgsgeschichte: 29 Leichtathletik-Vereine des Landes wurden mit bezahltem und kompetentem Personal unterstützt. Die Clubs untereinander arbeiten im Rahmen eines Entwicklungsprogramms eng zusammen. Mit gezielten Förderungen und Ausbildungen wurden sowohl Trainer als auch Nachwuchsathleten stärker unterstützt als früher. Außerdem nehmen die Coaches an diversen Programmen von UK Athletics und einem eigenen Entwicklungsprogramm für schottische Trainer teil. „Mit dem richtigen Plan, unterstützenden Quellen und dem richtigen Personal ist alles möglich. Du musst die Sportler unterstützen, mit finanziellen Mitteln und Kompetenz durch gute Trainer und Betreuer“, ist Munro überzeugt.

Nationale Strategie

Die Erfolge im Spitzensport sind nur ein Aspekt der gesamten Strategie – in der öffentlichen Aufmerksamkeit natürlich ein wesentlicher. Schließlich sind Medaillen und Spitzenleistungen bei Olympischen Spielen und anderen großen Meisterschaften Prestigeerfolge und öffnen Sportlern und Verbänden zahlreiche Türen. Die britische Leichtathletik hat jedoch den zweiten wichtigen Aspekt, den Breitensport nicht links liegen lassen. Die Erfolge der britischen Leichtathletik sind auch auf dieser Ebene herzeigenswert. Sie sollen aber nur den Startpunkt einer neuen Leichtathletik-Initiative im ganzen Land bilden. Dass der Laufsport da als am leichtesten praktikable und beliebteste Disziplin der Leichtathletik eine erhebliche Rolle einnimmt, liegt auf der Hand. Und hier könnte Schottland eine Vorbildrolle innerhalb des Vereinigten Königreichs einnehmen.
Im Juni 2016 startete UK Athletics ein Projekt unter dem Namen „An Athletic Nation Strategy.“ Bis 2026 soll die Leichtathletik die beliebteste Sportart in der aktiven Freizeitgestaltung der britischen Bevölkerung werden. Ein ambitioniertes Vorhaben, ist die Konkurrenzsituation mit den Mannschaftssportarten Fußball und Rugby sowie Schwimmen sehr groß. Doch die Leichtathletik kann auf einen Grundstock einer positiven Entwicklung in den letzten Jahren aufbauen.

Wachsende Mitgliedszahlen

Denn die Mitgliederzahl in Leichtathletikvereinen stieg in den letzten acht Jahren um 49% an, in Wales und Nordirland verdoppelte sie sich sogar. In Schottland stieg die Zahl von Vereinsmitgliedern zwischen 2008 und 2015 von 7.950 auf 11.520 an. Niels de Vos, Geschäftsführer von UK Athletics, kommt angesichts dieser Zahlen ins Schwärmen. Die zahlreichen Großereignisse auf britischem Boden – die Olympischen Spiele 2012 und die Commonwealth Games 2014 in den letzten Jahren sowie die Weltmeisterschaften 2017 in London, die Hallen-Weltmeisterschaften 2018 in Birmingham und die Hallen-Europameisterschaften 2019 in Glasgow in naher Zukunft – haben eine enorme Vorbildwirkung auf die Bevölkerung und bringen einen zusätzlichen Anreiz für Leistungssportler. Kein Zweifel, dass sie den Boom der britischen Leichtathletik sowohl im Leistungs- als auch im Breitensport unterstützen. Und der Ambition, die Leichtathletik zur Sportart Nummer eins im Vereinigten Königreich zu machen, Flügel verleiht.