Rio 2016: 800m-Lauf der Damen, Vorschau: Die Semenya-Show

© Caster Semenya bei ihrer Weltjahresbestleistung in Rom. © Diamond League / Gladys Chai van der Laage

In Hinblick auf den 800m-Lauf der Damen sind sich die Experten einig. Es wird das am meisten und wohl am heißesten diskutierte Rennen im Rahmen der Olympischen Spiele 2016. Und: Die Gegnerinnen haben nicht den Hauch einer Chance gegen Caster Semenya. Uneinig sind sich selbst die Experten, wie die Hyperandrogenismus-Debatte zu lösen ist. Eine Entscheidungsfindung wird vom Leichtathletik-Weltverband (IAAF) zwar intensiv angetrieben, ist aber unter mehreren Gesichtspunkten schwierig und delikat (siehe RunAustria-Bericht). Für die Olympischen Spiele 2016 ist dies ohnehin egal, da die geltenden Regeln seit 2015 aktiv sind und die Südafrikanerin in die Pole Position für den Olympiasieg bringen.
Bewerb: 800m-Lauf der Damen
Startzeit: Samstag, 20. August um 21:15 Uhr Ortszeit / Sonntag, 21. August um 02:15 Uhr MEZ
Olympiasiegerin 2012: Mariya Savinova (Russland) *
Rekord-Olympiasiegerin: keine Mehrfachsiegerin
Erfolgreichste Nation: Russland mit fünf Olympiasiegen **
Olympischer Rekord: Nadezhda Olizarenko (UdSSR) in 1:53,43 Minuten (Moskau 1980)
Favoritin: Caster Semenya (Südafrika)
* Mariya Savinova ist massiven Doping-Anschuldigungen ausgesetzt. Ein Verlust des Olympiasieges von 2012 zu Gunsten Caster Semenyas wird voraussichtlich in Kürze offiziell kommuniziert.
** davon drei Erfolge aus der Zeit der UdSSR, allerdings fällt jener von Savinova voraussichtlich in Kürze weg.

© Caster Semenya bei ihrer Weltjahresbestleistung in Rom. © Diamond League / Gladys Chai van der Laage
© Caster Semenya bei ihrer Weltjahresbestleistung in Rom. © Diamond League / Gladys Chai van der Laage
Sehr wahrscheinlich wird Caster Semenya zwei Olympiasiege binnen kürzester Zeit feiern. Jenen aus London, der ihr nachgereicht werden wird, und jenen in Rio. Die Südafrikanerin dominierte sämtliche Laufentscheidungen in diesem Jahr, bei denen sie am Start war, mit einer beachtlichen Überlegenheit und lief dabei eine Weltklassezeit nach der anderen, ohne merkliche Anstrengung. In Rio präsentierte sie sich bisher souverän, musste aber ihr Leistungsvermögen nicht einmal annähernd abrufen. Wenn es einmal nötig war, einen Lauf zu gewinnen, reichten ein paar schnellere Schritte um die Konkurrenz zu distanzieren.

Olympia genießen

Aufgrund dieser offensichtlichen Überlegenheit haben zahlreiche Experten eine eingerostete Marke aus dem verstaubten Archiv geholt. Die Tschechoslowakin Jarmila Kratochvilova, die wohl wie Semenya mehr Testosteron zur Verfügung hatte als zahlreiche ihrer Konkurrentinnen, war 1983 in München eine Zeit von 1:53,28 Minuten gelaufen. Damit hält sie, die nie eine Olympische Medaille gewann, aber 1983 erste Weltmeisterin über 800m wurde, den ältesten, noch bestehenden Weltrekord in der Leichtathletik. 0,15 Sekunden schneller als der Olympische Rekord von Nadezhda Olizarenko, gelaufen vor 36 Jahren in Moskau. Semenya soll das Rüstzeug haben, diese Marken zu unterbieten. In einem der wenigen Interviews, die die vom südafrikanischen Verband aufgrund des Kontextes verständlicherweise abgeschottete Südafrikanerin in Rio gab, sagte die 25-Jährige, dass sie nicht an den Weltrekord denke. Es gehe darum, den Traum von der Olympischen Goldmedaille zu erfüllen und den Auftritt im Finale am Samstagabend brasilianischer Zeit zu genießen.

Expertin hält reines Transgender-Podium für wahrscheinlich

Dr. Joanne Harper, führende Expertin in der Diskussion um Hyperandrogenismus in der Leichtathletik, prognostizierte im Vorfeld der Olympischen Spiele ein Podium, das von Läuferinnen besetzt wird, die einen Überschuss an männlichen Hormonen im Körper haben. Fünf Finalistinnen, so die Vorhersage, könnten bei den Spielen dem Hermaphroditismus zugeschrieben werden. Der Wahrheitsgehalt dieser Prognose ist ohne medizinische Daten schwer einzuschätzen, Spekulationen über Namen aufgrund von Anzeichen oder äußerlichen Erscheinungen sind überflüssig und andererseits auch gefährlich. Denn in dieser so delikaten Debatte gebürt sich ein vorsichtiges Agieren von allen Seiten.
Im Laufe der Saison haben sich die Kenianerin Margaret Wambui und Francine Niyonsaba aus Burundi als Medaillenkandidatinnen aufgedrängt. Letztere, in Abwesenheit Semenyas Hallen-Weltmeisterin von Portland, ist übrigens die einzige Finalistin, die sich traut, offensive Aussagen zu tätigen. Sie halte alles für möglich, auch einen Sieg über Semenya. Die zweite Läuferin, die im Vorfeld von Olympia Semenya eine sportliche Warnung übermittelte, war die Kenianerin Eunice Sum, die im Halbfinale chancenlos scheiterte.

Jozwicks Schlussspurt hat Eindruck hinterlassen

Nicht mehr im Rennen ist die Schweizerin Selina Büchel, die wie bei der WM in Peking haarscharf am Endlauf vorbeischrammte. Aus dem achtköpfigen Finalfeld haben die Kanadierin Melissa Bishop und die Weißrussin Maryna Arzamasova vielleicht eine Außenseiterchance auf eine Medaille. Die Britin Lynsey Sharp hinterließ in den Tagen von Rio einen sehr starken Eindruck. Auf der Rechnung haben muss man auch die Polin Joanna Jozwick, die im Halbfinale trotz eines ordentlichen Tempos der Konkurrentinnen in einem absurden Schlussspurt vom Ende des Feldes an die Spitze geflogen ist. Die größte Außenseiterin im Rennen ist die US-amerikanische Meisterin Kate Grace.
Olympische Spiele 2016 in Rio de Janeiro