Rio 2016: Die unerwünschte Leichtathletin

Yuliya Stepanova bei den Europameisterschaften in Amsterdam, als sie den Vorlauf aufgrund einer Verletzung abbrechen musste. © Getty Images

Yuliya Stepanova bei den Europameisterschaften in Amsterdam, als sie den Vorlauf aufgrund einer Verletzung abbrechen musste. © Getty Images
Yuliya Stepanova bei den Europameisterschaften in Amsterdam, als sie den Vorlauf aufgrund einer Verletzung abbrechen musste. © Getty Images
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat unmissverständlich seine Position bekräftigt und der russischen Whistleblowerin Yuliya Stepanova einen Start bei den Olympischen Spielen in Rio verwehrt. Während die ganze Welt diese Entscheidung nicht nachvollziehen kann, erfolgt aus Russland Applaus. Die Botschaft, die das IOC mit diesem Entschluss aussendet, ist so eindeutig, dass die in den USA untergetauchte Russin auf den Gang vor den Obersten Internationalen Sportgerichtshof (CAS) verzichtet. In der Causa Olympische Spiele 2016 und Russland, die auch den Fall Stepanova umschließt, werden damit Gegensätze immer deutlicher. Denn der russische Sport beruft seit Wochen jede Entscheidung mit dem Gang vor den CAS.

„Leere Worte“

„Dass Yuliya ein Startplatz verwehrt wird, ist ein Zeichen, dass der Anti-Doping-Code und die Olympischen Werte nur leere Worte sind“, erklärte Stepanovas Ehemann Vitaly Stepanov in einer Aussendung und machte keinen Heel aus der riesigen Enttäuschung des mutigen Whistleblower-Paares. „Diese Entscheidung folgt keiner Logik, außer dem Wunsch, eine völlig glaubwürdige Informantin zu bestrafen. Wir sind enttäuscht, dass das IOC zu blind ist, zu erkennen, was für Risiken Yuliya auf sich nehmen musste und welchen Schaden ihre sportliche Karriere genommen hat, um den systematischen Betrug in Russland zu entlarven.“
Vitaly, ein ehemaliger Mitarbeiter der RUSADA, und Yuliya hatten nach ihrer Mission, der ganzen Welt die betrügerischen Vorgänge in der russischen Leichtathletik aufzuzeigen, nur einen Wunsch: ein Start bei den Olympischen Spielen. Dieser ist ihr nun verwehrt worden, obwohl der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) Stepanova in Rio gerne als neutrale Athletin auf der Laufbahn gesehen hätte. So war es auch bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam passiert. Dass das IOC sich gegen die IAAF stellt, ist nur eine Episode aus einer Zeitspanne, in der diese beiden Verbände auf (stillem) Kriegsfuß zueinander stehen.

Chance vertan

Stepanov ging in seiner Kritik an das IOC in einem Interview mit dem US-amerikanischen TV-Sender CNN noch weiter: „Ich denke wirklich, dass das IOC eine Chance hatte, dieses System zu zerstören und zu zeigen, dass die Olympische Bewegung keinen Betrug toleriert. Es hat sich aktiv dagegen entschieden.“ Stepanov glaubt, dass nur ein kompletter Olympia-Ausschluss ein grundlegendes Umdenken in Russland ermöglicht hätte.

Russlands Wünsche erfüllt

Zwei Ziele habe der russische Sport in den vergangenen Monaten intensiv verfolgt, ohne die Trümmer des staatseigenen Dopingsystems so zu beseitigen, dass die Welt Anti Doping Agentur zu einer positiveren Zwischenbilanz gekommen wäre. Die eigene Nationalmannschaft in Rio an den Start zu bringen und einen Start der Staatsfeindin Stepanova, die aus Angst vor ihren Landsleuten untergetaucht ist, zu verhindern. Beide Wünsche wurden erfüllt, der erste mit kleinen Abstrichen. Trotzdem hat Russland nach drei Wettkampftagen bei Olympia 2016 bereits zehn Medaillen gesammelt.

„Verheerende Botschaft“

Außerhalb der russischen Landesgrenzen verstehen nicht viele diesen Entschluss gegen Stepanova. Die Bemühungen im Anti-Doping-Kampf, die vom IOC nun wahrlich zu erwarten sind, bilden eine logische Grundlage, um Stepanova, die den Kampf gegen Doping im internationalen Spitzensport binnen Monate um Epochen weiter gebracht hat, den Rücken zu stärken. „Eine verheerende Botschaft, weil mögliche Kronzeugen damit in Zukunft abgeschreckt werden“, traf etwa DLV-Präsident Clemens Prokop den Nagel auf dem Kopf. „Es ist eine schreckliche Botschaft an die Welt. Sie zeigt, dass das IOC sich nicht um einen sauberen Sport schert. Es zeigt, dass sich alles darum dreht, den politischen Status abzusichern und wirtschaftlich zu handeln. Die Fairness hat in diesem Umfeld keinen Platz“, wird der US-amerikanische Trainer Steve Magness in einem Interview mit der australischen Online-Newsplattform ABC konkreter.

Persönlicher Vorteil kein Motiv für Stepanova

Magness trat in den Anschuldigungen rund um das Nike Oregon Project im vergangenen Sommer als Whistleblower auf, allerdings konnten diese Anschuldigungen im Gegensatz zu jenen Stepanovas gegen das russische Dopingsystem nicht bewahrheitet werden. Das Whistleblowing des russischen Ehepaars brachte um ein Vielfaches mehr Erkenntnisse ans Tageslicht als Informationen einiger anderer Protagonisten, die sich im Gegensatz zu Yuliya Stepanova durch die Kronzeugen-Regelung eine Reduzierung der eigenen Dopingsperre erarbeiten.

Stepanova in Rio trotz Petition unerwünscht

Es ist eine wirkungslose Randnotiz, aber sie demonstriert dennoch die Stimmungslage: Bis zur Eröffnungsfeier haben 250.000 Menschen weltweit eine spontane Petition unterschrieben, die einen Start Stepanovas in Rio fordert. Doch das IOC bleibt bei seiner Darstellung, dass alle russischen Leichtathleten, die bereits einmal des Dopings überführt worden sind, in Rio nicht starten dürfen. „Yuliya Stepanova war nicht nur fünf Jahre Teil des Systems, sondern hat aktiv mitgewirkt. Sie hat ihre Informationen erst preisgegeben, als der Schutz des Systems nicht mehr funktionierte und als sie bereits eine Zweijahres-Sperre erhalten hatte“, manifestiert IOC-Präsident Thomas Bach seinen Standpunkt.