Halbmarathon der Herren, Vorschau: Trio hofft auf gute Team-Platzierung

Valentin Pfeil feierte heuer beim Vienna City Marathon sein Debüt über die 42,195 Kilometer. © VCM / Leo Hagen

Gleich drei Österreicher gehen am Sonntagvormittag in den ersten Halbmarathon in Rahmen von Leichtathletik-Europameisterschaften. Damit tritt der ÖLV auch in der Teamwertung an, wo man sich eine vordere Platzierung erwartet. In der Einzelwertung geht es für Valentin Pfeil, Edwin Kemboi und Lemawork Ketema darum, aus persönlicher Perspektive eine bestmögliche Leistung abzuliefern.
Bewerb: Halbmarathon der Herren
Startzeit: Sonntag, 10. Juli um 9:50 Uhr
Favoriten: Kaan Kigen Özbilen (Türkei), Tadesse Abraham (Schweiz), Daniele Meucci (Italien)
Österreichische Teilnahmer: Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr), Edwin Kemboi (KLC), Lemawork Ketema (team2012.at)

Valentin Pfeil feierte heuer beim Vienna City Marathon sein Debüt über die 42,195 Kilometer. © VCM / Leo Hagen
Valentin Pfeil feierte heuer beim Vienna City Marathon sein Debüt über die 42,195 Kilometer. © VCM / Leo Hagen
Nachdem alle Marathon-Mühen in Wien, Rotterdam und Hamburg nichts genützt haben und der Olympische Marathon ohne österreichische Starter über die Bühne gehen wird – sofern nicht noch eine Nominierungs-Überraschung erfolgt – hat sich der Saisonhöhepunkt für Valentin Pfeil, Edwin Kemboi und Lemawork Ketema gut einen Monat vorverlegt. Beim ersten Halbmarathon im Rahmen von Leichtathletik-Europameisterschaften steht das Streben nach der optimalen, persönlichen Leistung im Vordergrund. Kombiniert soll dies zu einer respektablen Position in der Teamwertung führen, denn ein Platz unter den besten Zehn in der Einzelwertung scheint schwer möglich. Am stärksten aus dem ÖLV-Trio ist der Oberösterreicher Valentin Pfeil einzuschätzen. In Barcelona lief der 27-Jährige heuer eine Zeit von 1:04:16 Stunden, womit er auf Rang 44 der europäischen Bestenliste liegt. Der in Kenia geborene Edwin Kemboi ist noch nie einen Halbmarathon gelaufen, seine guten Marathon-Leistungen in jüngerer Vergangenheit rechtfertigen die Nominierung. Der in Äthiopien geborene Lemawork Ketema wird mit einer persönlichen Bestleistung von 1:03:50 Stunden aus dem Jahre 2014 geführt, die jedoch weder in den Bestenlisten des Leichtathletik-Weltverbandes noch des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes aufscheint.

Nächster Nationentransfer der Türken als Favorit

In die Türkei transferierte Kenianer waren in den Tagen von Amsterdam bereits ein großes Thema, es könnte noch ein größeres werden. Denn seit 24. Juni 2016 ist Mike Kigen – oder wie er seit wenigen Tagen heißt: Kaan Kigen Özbilen – für die Türkei startberechtigt. Der 30-Jährige hält bei einer Bestleistung von 59:58 Minuten, die zwar bereits fünf Jahre alt ist, doch auch in den letzten Jahren absolvierte er regelmäßig Halbmarathons von unter 1:02 Stunden. Hätte er die neue Staatsbürgerschaft einige Monate früher erhalten, wäre Kigen übrigens Europarekordhalter im Marathon: 2:06:10 Stunden lautete seine Endzeit in Seoul, womit er klar der stärkste Marathonläufer im Starterfeld ist. Kurzum: Kaan Kigen Özbilen, oder wer sich noch nicht daran gewöhnt hat, Mike Kigen ist der große Favorit auf EM-Gold in Amsterdam.

Schweizer Medaillenhoffnung

Tadesse Abraham und Kaan Kigen Özbilen haben eine Gemeinsamkeit: Nicht, dass sie beide in Afrika geboren sind. Auch nicht das Einbürgerungsverfahren, das bei Abraham in der Schweiz zehn Jahre dauerte und damit um gefühlte neuneinhalb Jahre länger als die türkischen Nationentransfers im Durchschnitt. Es ist der Seoul Marathon 2016, wo der 33-Jährige hinter damals noch Mike Kigen ins Ziel kam und mit einer Zeit von 2:06:40 Stunden haarscharf am Europarekord vorbeischrammte. Swiss Athletics hofft zurecht auf eine Medaille, denn wenn Abraham seine Leistung abrufen kann, gehört er zu den aussichtsreichsten Herausforderern des türkisch-kenianischen Favoriten. In Abwesenheit von Mo Farah und Ali Kaya ist Abraham der schnellste Europäer 2016 im Feld, seine persönliche Bestleistung aus dem Vorjahr liegt bei starken 1:00:42 Stunden. Bei seinem ersten internationalen Auftritt für die Schweiz, ausgerechnet bei der Heim-EM in Zürich im Marathon, konnte er seine Leistung nicht abrufen und wurde nur Neunter. Amsterdam bietet die nächste willkommene Chance.

Italiens Team mit Marathon-Europameister und Marathon-WM-Vierten

Laufen ist ein Einzelsport und daher ist klar davon auszugehen, dass sich jeder Teilnehmer voll auf sich selbst konzentriert. Die nationalen Verbände haben freilich auch die Teamwertung im Fokus, die rückblickend dann auch schöne Erlebnisse für den Einzelsportler bieten. Eines der stärksten Teams am Start haben die Niederländer, die mit Olympia-Teilnehmer Abdi Nageeye und Khaild Choukoud zwei Läufer ins Rennen schicken, die bei der Heim-EM das Potenzial haben auf das Podest zu laufen. Ein sehr starkes Team kommt aus Italien. Angeführt wird es von Marathon-Europameister Daniele Meucci, der ein absoluter Medaillenkandidat ist. Wer die letzten Meisterschaftsrennen gesehen hat, kennt die taktische Stärke der Italiener rund um Meucci und Ruggero Pertile, Vierter des WM-Marathon von Peking, die häufig auch gut zusammenarbeiten. Stark sind auch die Spanier mit Ayad Lamdassem sowie den Altmeistern Carles Castillejo und Jesus Espana.

Fragezeichen hinter Evans Kiplagat

Es gibt einen Läufer im Feld, der hat sogar noch eine bessere Bestleistung als Kaan Özbilen Kigen: Evans Kiplagat, ein Kenianer, der Nationalitäten fast genau so schnell wechselt wie mancher Hobbyläufer seine Laufschuhe. Ursprünglich wollte der Kenianer nämlich Russe werden, doch als das Ungemach über das russische Dopingsystem aufkam, leitete er sich selbst noch rechtzeitig nach Aserbaidschan um, seit Ende April mit Startberechtigung. 2009 lief er in Lille einmal einen Halbmarathon in einer Zeit von 59:56 Minuten, ob der 28-Jährige, dem seit über zwei Jahren aufgrund der Nationenwechel jegliche Wettkampfpraxis fehlt, eine derartige Leistung in Amsterdam abrufen kann, bleibt abzuwarten.
Auf die Liste der Kandidaten für eine Überraschung sind der Däne Abdi Hakin Ulad, der vor 14 Jahren im Alter von zehn Jahren als Flüchtling aus Somalia nach Skandinavien kam, der Ire Paul Pollock, der schwedische Rekordhalter Mikael Ekvall und der Ukrainer Dmytro Lashyn zu setzen. Wie frisch Lashyn nach dem 10.000m-Finale am Freitag ist und ob er überhaupt an den Start gehen wird, steht in den Sternen.

Testlauf für Olympia

Zahlreiche europäische Olympia-Starter im Marathon nutzen die Bühne EM-Halbmarathon für eine Generalprobe für Rio. Alleine deshalb hat sich die Etablierung dieses Bewerbs bereits ausgezahlt. So schicken auch der DLV und Swiss Athletics fünf- bzw. sechsköpfige Teams ins Rennen. Das deutsche Team wird angeführt von Arne Gabius, der sich mit seinen Leistungen zuletzt auch im Halbmarathon berechtige Hoffnungen auf eine gute Platzierung machen kann – bei idealem Rennverlauf sogar Richtung Podest. Julian Flügel, Philipp Pflieger, Hendrik Pfeiffer und Jens Nerkamp ergänzen das deutsche Team, für die Schweiz sind neben Abraham Marcel Berni, Andreas Kempf, Christian Kreienbühl, Adrian Lehmann und Julien Lyon am Start. Sowohl das deutsche als auch das Schweizer Team sind für die Teamwertung höher einzuschätzen als das österreichische. Mit Marcel Schopp ist auch ein Teilnehmer aus Liechtenstein im Rennen.
Europameisterschaften 2016 in Amsterdam