Afrikas Talentshow abseits der Öffentlichkeit

© Gallo Images / Roger Sedres

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33 Medaillen hat das Ausrichterland der 20. Afrikameisterschaften eingeheimst, davon die Hälfte in Gold, nämlich 16. Südafrika thront mit deutlichem Vorsprung vor Kenia (24 Medaillen, davon acht in Gold) und Nigeria (16 Medaillen, davon vier in Gold) von der Spitze des Medaillenspiegel. Wer denkt, in Durban gab es eine rauschende Party nach der anderen, dem kann man seinen Irrglauben nicht vorwerfen. Doch selbst in jener Sportart, bei der afrikanische Nationen die größten Chancen auf der größten internationalen Bühne (auch wenn das ausgerechnet für Südafrika aufgrund Erfolge in anderen Sportarten im Gegensatz zu zahlreichen anderen Nationen nur bedingt zutrifft), scheint das Interesse auf dem afrikanischen Kontinenten an den Afrikameisterschaften begrenzt. Ein Hauptgrund ist sicherlich die Absenz zahlreicher Stars, vor allem aus den ostafrikanischen Laufhochburgen Kenia und Äthiopien, was auch an den fehlenden Preisgeldern liegt – ein Lied, das auch bei den Europameisterschaften gerne gesungen wird.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Erschreckend ist das fehlende öffentliche Interesse an dieser Veranstaltung, die nach zwei sportfestlichen Ausgaben in Addis Abeba und in Nairobi (2008 und 2010) nun bereits zum dritten Mal schlichtweg nicht interessierte. Die leeren Stadien in Porto Novo (Benin) 2012 und in Marrakech 2014 waren Mahnmale, die Südafrika nicht erkannte oder nicht erkennen wollte. Ausgerechnet in der Stadt, in der in sechs Jahren die Commonwealth Games über die Bühne gehen werden, ging die größte Leichtathletik-Veranstaltung am öffentlichen Leben vorbei. Lediglich einige hundert Zuseher verirrten sich ins alte Kings Park Stadium, eine Peinlichkeit. 54 Nationen, so viele wie nie zuvor, waren übrigens vertreten – das sind mehr, als es bei den Europameisterschaften in Amsterdam sein werden – und die Athleten kämpften vor leeren Tribünen. Und fast leeren Pressetribünen, nach Informationen der Website von AIPS waren lediglich 20 Journalisten vor Ort. Die internationalen Sportjournalisten sparen nicht mit Kritik an schlechter Infrastruktur und Problemen mit der Zeitnehmung und Resultatslisten.

Junge Talente im Fokus

Kontinentale Meisterschaften – und keiner bekommt es mit. Dabei gibt es für Leichtathletik-Fans und -Experten zahlreiche Gründe, mit beiden Augen hinzuschauen. Denn afrikanischen Kontinentalmeisterschaften sind häufig die erste internationale Bühne für zahlreiche Talente. David Rudisha und Asbel Kiprop haben beispielsweise die ersten Erfolge hier gefeiert, ehe sie international voll durchgestartet sind und heute als Weltstars des Sports agieren. Für die unzähligen Lauftalente in Kenia und Äthiopien ist diese Entwicklung positiv, auch wenn die Äthiopier bei der Nominierung kaum auf Qualität gesetzt haben. Da sind die sechs Medaillen dieses No-Name-Teams, darunter eine Goldene, die noch dazu als Überraschung daher kommt, nicht einmal eine Enttäuschung. Aber besonders im kenianischen Team konnten die Zuschauer in Durban den ein oder anderen Star von morgen beobachten. Allen voran Alice Aprot, die mit einer genialen Einzelleistung über 10.000m die Goldmedaille einheimste. In einer neuen Meisterschaftsrekordzeit von 30:26,95 Minuten und mit einer Minute (!) Vorsprung auf die chancenlosen Mitstreiterinnen. Vielleicht die herausragende Leistung bei diesen Afrikameisterschaften im Laufbereich, trotz einer Caster Semenya. Aber auch Norah Jeruto (3.000m-Hindernislauf der Damen), Douglas Kipserem und Sheila Chepkirui (5.000m-Läufe) zeigten ansprechende und würdige Leistungen. Mit jeweils acht Exemplaren der drei Medaillen dürfte der kenianische Verband übrigens ein positives Fazit ziehen und gleich wieder den Fokus auf die ganz große Bühne lenken, den Olympischen Spielen.

Semenya der Star
© Gallo Images / Roger Sedres
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Erstaunlich ist, dass selbst Südafrikas Leichtathletik-Helden Caster Semenya oder Wayde van Niekerk die Fans nicht ins Stadion bekamen. Als Semenya am Freitagabend über 1.500m die Goldmedaille gewann, waren die Tribünen leer. Zwei Tage später, bei ihrem zweiten Streich über 800m, war es nicht viel besser. Das Gold mit der 4x400m nahm Semenya auch noch mit. Sportlich gesehen ist die 25-Jährige der Star der 20. Afrikameisterschaften. Drei starke Leistungen, zwei überlegene Einzelsiege, das Soll bei den ersten Afrikameisterschaften ihrer Karriere erfüllt. „Ich bin glücklich mit meinen Laufzeiten. Der Rhythmus ist gut. Es geht jetzt darum, ihn bis zu den Olympischen Spielen zu behalten“, bilanzierte Semenya. Doch während die internationale Leichtathletik-Berichterstattung sich den Ereignissen in Durban kaum widmete, entbrannte pünktlich zu den beiden Goldmedaillen Semenyas in britischen Medien wieder eine Diskussion über ihr Geschlecht – und damit über die Chancen der Konkurrenz in Rio. Der hormonelle Vorteil, den hyperandrogene Sportlerinnen gegenüber den biologisch lupenreinen haben, ist evident und stark aussagekräftig. Die Gesetzeslage im Sport ist allerdings aktuell so, die Störfeuer helfen gerade so kurze Zeit vor den Olympischen Spielen nicht weiter, außer dass sie das Ärgernis über den Status quo des Reglements vergrößern.

Lockerer Titel für Amos

Es gab nur wenige Laufentscheidungen, die nicht von kenianischen Athleten oder Lokalmatadoren gewonnen wurden – Stephen Mokoka sorgte im 10.000m-Lauf der Herren für das erste südafrikanische Gold bei den 20. Afrikameisterschaften. Den 1.500m-Lauf der Herren konnte der leicht favorisierte Marokkaner Fouad Kaam für sich entscheiden. Einen klaren Erfolg feierte Nijel Amos, Olympia-Silbermedaillengewinner von London, über 800m, nachdem zahlreiche bekannte Namen im Vorfeld absagten, und produzierte damit eine von drei Goldmedaillen für Botswana. Dass dabei kein Kenianer im achtköpfigen Finalfeld stand, ist mehr als nur eine Erwähnung Wert – der Fokus auf die Olympia-Trials eine Woche später hatte die talentierten Jungstars die Reise nach Durban absagen lassen. Und last but not least die einzige äthiopische Goldmedaille durch Chala Techo im 3.000m-Hindernislauf der Herren, eine durchaus überraschende.
Afrikameisterschaften in Durban