Nach spektakulärer Razzia: Fragezeichen schweben über Stars

© Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein

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Einen Tag nach der Verhaftung des bekannten Leichtathletik-Trainers Jama Aden in Spanien hat sich der Spekulationsraum geöffnet und der Druck auf den Superstars unter seinen Fittichen deutlich erhöht. Allen voran Weltrekordhalterin Genzebe Dibaba, die bisher den Ruf als Vorzeigesportlerin genoss, wird sich nun einigen unangenehmen Fragen stellen müssen. Fast genau ein Jahr nach den letzten großen Anschuldigungen gegen einen weltbekannten Coach und seinen großen Star (damals Alberto Salazar und Mo Farah, Anm.) steht also erneut ein massiv erfolgreiches Gespann unter Beschuss. Die Beweislast scheint in diesem Fall allerdings deutlich konkreter, eine Gemeinsamkeit könnten die beiden Fälle doch noch haben, denn der Name Mo Farah geistert nun plötzlich quer durch alle Spekulationen. Doch der britische Star erhielt sofort Rückendeckung aus der Heimat, was man von den Aden-Athleten um Genzebe Dibaba nicht behaupten kann.

Razzia in Sabadell

Viele Erfolge hatten die staatlichen Anti-Doping-Ermittler trotz ihres Engagements in den letzten Jahren nicht in aller Öffentlichkeit vorlegen können, doch am gestrigen Tag ist ihnen möglicherweise ein großer Schlag gegen Doping in der Leichtathletik gelungen. Auf Initiative des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, der Interpol, der Welt Anti Doping Agentur WADA und unter der Unterstützung der spanischen Anti Doping Agentur AESPAD drangen die spanischen Ermittler am Montag zu einer Razzia ins Hotelzimmer von Jama Aden in Sabadell nahe Barcelona ein und erwischten den erfolgreichen Coach aus Somalia offenbar völlig auf dem falschen Fuß. Die Ermittler, die neben Aden noch einen marokkanischer Physiotherapeuten im Hotelzimmer antrafen und festnahmen, marschierten nicht nur mit den beiden Verhafteten, sondern auch mit gefüllten EPO-Spritzen (laut spanischen Medien waren es 60, Anm.), anabolen Stereoiden und weiteren nicht namentlich erwähnten Medikamenten oder medizinischen Produkten aus dem Hotel, die nun zur Analyse freigegeben werden sollen. Laut Informationen der britischen Tageszeitung Daily Mail trafen die Ermittler auch 22 (laut insidethegame.biz waren es 25, laut der US-amerikanischen Nachrichtenagentur AP 28, Anm.) Athleten im Hotel an, die umgehend im Beisein von sechs Ärzten der IAAF zum Dopingtest gebeten wurde. Darunter soll sich neben Genzebe auch Tirunesh Dibaba befunden haben, die zwar nicht von Aden trainiert wird, aber eine gewisse Nähe zwischen den beiden bekannt ist. Laut Informationen der Daily Mail haben die katalanischen Ermittler die Trainingsgruppe um Jama Aden seit vier Wochen rund um die Uhr beobachtet, ehe sie diese entschlossenen Aktion in die Tat umsetzten. Jama Aden versammelte seine Trainingsgruppe regelmäßig in Sabadell, einige Kilometer nördlich der Olympiastadt von 1992.

Erfolg im Kampf gegen Doping für die IAAF

Die IAAF reagierte am Montag auf die Verhaftung Jama Adens mit folgendem Statement: „Der heutigen Festnahme des Langstreckentrainers Jama Aden geht eine lange Untersuchung der IAAF voraus, die 2013 begann. Dabei wurde in enger Kooperation mit Interpol, den spanischen Behörden, darunter die spanische nationale Anti-Doping-Agentur, der spanischen Polizei und anderen Organisationen gearbeitet. Die IAAF wird alle Ressourcen nutzen, um saubere Athleten und die Integrität unseres Sports zu schützen. Dazu gehört das gezielte Untersuchen von Personen und Trainern, die darauf abzielen, Athleten auszunutzen und die Verwendung von verbotenen Substanzen bewerben.“ Aufgrund der laufenden Ermittlungen verzichtete die IAAF jedoch auf detailliertere Informationen.
Nur drei Tage nach der Verlängerung der Suspendierung der russischen Leichtathletik als vorläufigen Höhepunkt des Kampfs gegen das gestürzte Dopingsystem im größten Land der Welt steht die IAAF nun vor einem weiteren großen Erfolg im Kampf gegen Doping, der jahrelang vernachlässigt bzw. mit kriminellen Vorgängen vertuscht worden war. Einen Erfolg, den der Leichtathletik-Weltverband und sein Präsident Sebastian Coe, der unter großem Druck steht, sehr gut gebrauchen können. Neun Monate nach Amtsantritt hat die IAAF mit dem Briten an der Spitze nun erste große, aktive Signale im Kampf gegen Doping in der Leichtathletik ausgesandt, mit denen es gelingen könnte, auf nationale Verbände, Athleten und Trainer, die betrügen oder Betrug zulassen, Druck auszuüben und Glaubwürdigkeit im Anit-Doping-Kampf zurückzugewinnen. Auch der oftmals zurecht kritisierte Anti Doping Kampf in Spanien kann diesen Erfolg gut gebrauchen, zumal er den in den letzten Jahren den Eindruck gemacht hat, von der Sportpolitik gebremst worden zu sein. Außerdem ist Spanien aktuell eines jener Länder, das von der WADA aufgefordert wurde, einige versäumte Anpassungen an den WADA-Code nachzuholen, das Anti-Doping-Labor in Madrid ist aktuell ohne WADA-Akkreditierung.

Zwischen umstritten und bewundert

Der ehemalige WM- und Olympia-Teilnahmer als Mittelstreckenläufer, Jama Aden ist einer der bekanntesten Trainer im Laufsport. Durch den Dopingfall von Hamza Driouch gilt der 53-Jährige nicht als unumstritten, die Fabelleistungen von Genzebe Dibaba (durchgänig) und Ayanleh Souleiman (sporadisch) ließen Kritiker den warnenden Finger heben, in anderen den Neid aufblühen. Unter den bekanntesten Athleten, die Jama Aden betreut, befinden sich neben Genzebe Dibaba auch Ayanleh Souleiman, 1.500m-Olympiasieger Taoufik Makhloufi, der zweifache Hallen-Weltmeister Abubaker Kaki aus dem Sudan und der ehemalige 10.000m-Weltmeister Ibrahim Jeilan, der sich allerdings gestern nicht in Katalonien aufgehalten haben soll. Früher gehörte auch der 2012 im Alter von 17 Jahren wegen Dopings gesperrte Hamza Driouch dazu.
Durch die unmittelbare Verhaftung ist Aden vorerst in Gewahrsam. Sollten die schweren Anschuldigungen bestätigt werden, ist eine vierjährige Sperre aus rein sportlicher Sicht sehr wahrscheinlich. Welche Sanktionen die Sportler trifft, kann erst nach Auswertung der entnommenen Dopingproben oder etwaigen Zeugenaussagen getroffen werden. Bei nachgewiesenen Dopingfällen ist jedoch ein ähnliches Strafmaß im Rahmen der Erwartungen. Laut einigen Medienberichten sollen bereits am Freitag erste Analysen vorliegen, bisher hat mit Ausnahme von Driouch keiner der von Aden betreuten Athleten jemals eine positive Dopingprobe abgegeben. Allerdings soll die 10.000m-EM-Medaillengewinnerin Laila Traby, die Ende 2014 des EPO-Dopings überführt wurde, damals von Aden betreut worden sein. Hamza Driouch, der stets beteuerte, nicht absichtlich gedopt zu haben, sondern von seinem Coach die unerlaubten Substanzen verabreicht bekommen zu haben, meldete sich am Montag zu Wort und sprach von „einem guten Tag für den sauberen Sport“.

Weltrekorde und WM-Titel
Möglicherweise braucht Genzebe Dibaba in nächster Zukunft größeren tröstenden Zuspruch als wie im Bild von Senbere Teferi wegen eines verlorenen WM-Rennens. © Getty Images for IAAF / Christian Petersen
Möglicherweise braucht Genzebe Dibaba in nächster Zukunft größeren tröstenden Zuspruch als wie im Bild von Senbere Teferi wegen eines verlorenen WM-Rennens. © Getty Images for IAAF / Christian Petersen
Durch die Verhaftung ihres Trainers geriet mit Genzebe Dibaba einer der größten Sportstars der Welt ins finstere Licht. Die 25-Jährige brachte vermeintlich alles mit, was es für eine moderne Sportheldin braucht: gutes Aussehen, großartige sportliche Erfolge und tadelloses Image. Nach mehreren WM-Titeln und Weltrekorden in der Halle schaffte die Äthiopierin im vergangenen Jahr den endgültigen Durchbruch. Mehrere Weltklassezeiten über 5.000m, ein Fabelweltrekord über 1.500m in Monaco, mit der sie einen Uralt-Rekord aus der Hochblüte des chinesischen Dopings in der Leichtathletik auslöschte, und der WM-Titel von Peking über die „metrische Meile“. Die internationale Sportwelt huldigte ihr, 2015 wurde sie mit dem Laureus World Sports Award als Weltsportlerin des Jahres ausgezeichnet, am Jahresende wurde sie als erst zweite Äthiopierin zur Welt-Leichtathletin des Jahres ernannt.

Olympia-Traum geplatzt?

Für die Wettkampfsaison 2016 hat sich Genzebe Dibaba mit dem Höhepunkt der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro extrem viel vorgenommen. Die Träume könnten nun längst vor dem sportlichen Highlight in Brasilien platzen wie eine Seifenblase. Nach einer sehr erfolgreichen Hallen-Saison 2016 für die  Trainingsgruppe von Aden – drei seiner Athleten, Genzebe Dibaba, Ayanleh Souleiman und Abdalelah Haroun markierten einen Hallen-Weltrekord, die Äthiopierin sicherte sich in Portland überlegen Hallen-WM-Gold über 3.000m – glänzten Adens Athleten in der Freiluft-Saison bisher nur durch Abwesenheit. Bei Dibaba wurde diese mit einer Zehenverletzung erklärt, aufgrund derer sie mehrere Nennungen für hochkarätige Meetings der Diamond League zurückzog. Es soll keinesfalls als ein generelles Indiz gewertet werden, wenn ein Athlet für längere Zeit von der Wettkampfbühne verschwindet: Aber es wäre nicht das erste Mal, dass Sportler auf Wettkämpfe verzichten, um sich in Trainingslagern in Ruhe mit erlaubten oder eben unerlaubten Mitteln auf Großereignisse „vorbereiten“. Laut aktuellem Wissenstand könnte diese Methode auch auf dem Plan der Trainingsgruppe um Jama Aden gestanden haben, allerdings auch auf jenem der nationalen und internationalen Doping-Jäger.

Rückendeckung für Farah

Neben Genzebe Dibaba schwirrte gestern noch ein interessanter Name durch die britische Medienlandschaft: Mo Farah. Der zweifache Olympiasieger nahm bereits am Montagabend Abstand von Jama Aden, den er bei Trainingslagern in Äthiopien getroffen und teilweise auch gemeinsam mit seinen Athleten trainiert hat. Sozialen Medien sei Dank tauchten bezeugende Bilder unmittelbar danach im Internet auf. Die gewohnt nicht diskrete britische Presse stürzte sich sofort wie ein Geier auf ein verwundetes Tier auf seinen Sportheld, der sich damit ein Jahr nach den für ihn mühsamen, aber am Ende nicht belegbaren Anschuldigungen gegen seinen Coach Alberto Salazar erneut mit unkonkreten, aber laut geäußerten Verdächtigungen auseinander setzen muss. „Jama ist ein guter Freund von Mo und seine Athleten sind die besten der Welt. Also liegt es in der Natur der Dinge, dass Mo mit dieser Trainingsgruppe trainiert“, wird ein nicht namentlich genannter, britischer Coach in der Daily Mail zitiert. Der britische Verband kann den Anschuldigungen nichts abgewinnen und beschwichtigt. In einem Statement heißt es: „Dass verschiedene Trainingsgruppen in Trainingslagern aufeinandertreffen, ist nichts ungewöhnlich. Erst recht nicht in Äthiopien, wo es nur eine Bahn gibt. Da müssen sich Trainingseinheiten förmlich überlappen. Aden hat Mo noch nie gecoacht.“