Unterschiedliche Reaktionen auf IAAF-Urteil

Rune Andersen mit IAAF-Präsident Sebastian Coe beim IAAF Counci Meeting in Wien im Juni. © Getty Images for IAAF / Christian Hofer

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Monatelang hat die internationale Sportwelt auf die Entscheidung der Spitze des Leichtathletik-Weltverbandes hingefiebert, wie lange die im November 2015 entschlossene Suspendierung des Russischen Leichtathletikverbandes aufrecht erhalten wird – besonders mit Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Seit Freitag ist bekannt, dass die IAAF eine konsequente Entscheidung traf und die Suspendierung des ARAF verlängerte, da die Reformprozesse zur Bekämpfung des staatlich unterstützten Dopingsystems keine ausreichenden Fortschritte erkennen ließ. Die weitreichende Entscheidung rief international unterschiedliche Reaktionen hervor.

IOC

Das Internationale Olympische Komitee begrüßte die Verlängerung der Sperre der russischen Leichtathletik. „Das IOC begrüßt und unterstützt die konsequente Haltung der IAAF. Diese ist im Einklang mit der seit langem verfolgten Null-Toleranz-Politik des IOC“, ließ das IOC mittels eines öffentlichen Statements wissen. Dennoch liegt es jetzt am IOC, die Suspendierung der russischen Leichtathletik für die Olympischen Spiele 2016 umzusetzen. Die wohl aus rechtlichen Gründen in die Entscheidung installierten „Schlupflöcher“ für saubere Athleten und Whistleblower erlauben hier dem IOC einen gewissen Spielraum, IAAF-Präsident Sebastian Coe hat am Freitag die IOC bereits ermahnt, sich an die konsequente Haltung der IAAF zu halten. Die IOC hat in einer ersten Reaktion bereits angedeutet, dem Entschluss der IAAF Folge zu leisten. Nach dem morgigen Gipfel in Lausanne sind hier weitere Erkenntnisse zu erwarten. Russlands Präsident Vladimir Putin, dem eine freundschaftliche Beziehung zu IOC-Präsident Thomas Bach nachgesagt wird, hofft auf Milde durch die Entscheidungsträger des Olympischen Sports.

WADA

Die Entscheidung der IAAF deckt sich naturgemäß mit den Wünschen der Welt Anti Doping Agentur und basiert nicht nur auf den Ermittlungen der IAAF-Task-Force, sondern auch den WADA-Ermittlungen des Teams um Richard Pound. Der ehemalige WADA-Präsident kann sich übrigens vorstellen, dass der gesamte russische Sport von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden – je nachdem welche Erkenntnisse die Ermittlungen rund um die Doping-Vertuschungen im Rahmen der Olympischen Winterspiele in Sochi 2014 ans Licht bringen. Aktuell arbeitet die WADA mit Grigory Rodchenkov, dem ehemaligen Leiter des Moskauer Anti Doping Labors zusammen, der in die USA geflüchtet ist und zahlreiche brisante Informationen veröffentlichen möchte.

European Athletics

„Ich unterstütze das Urteil des IAAF-Councils. Es deckt sich mit meiner Überzeugung aus den gesammelten Erkenntnisse der letzten Wochen und Monaten. Die Integrität der Leichtathletik und der Schutz der Rechte der Athleten für fairem Wettkampf hat oberste Priorität. Die IAAf hat unter höchstem Druck die Werte unseres Sports gesichert, das ist ein klares Zeichen“, erklärte Svein Arne Hansen, Präsident des Europäischen Leichtathletikverbandes. European Athletics hat bereits im Vorfeld garantiert, der Entscheidung der IAAF zu folgen. Damit sind russische Leichtathleten von den Europameisterschaften in Amsterdam und den Jugend-Europameisterschaften in Tiflis ausgeschlossen. Aufgrund des engen zeitlichen Fensters sind Ausnahmeregelungen hier sicherlich schwerer umzusetzten als bei den Olympischen Spielen, die erst in knapp zwei Monaten auf dem Programm stehen.

ÖLV

„Unsere Position als Österreichischer Leichtathletik-Verband ist klar: Wir wollen sauberen und fairen Sport. Wenn IAAF und WADA der Ansicht sind, dass Fairness und die weltweit gültigen Anti-Doping-Regeln mit Füßen getreten werden, dann ist diese Entscheidung auch für uns nachvollziehbar. Leid tut es uns natürlich für all die Athletinnen und Athleten, die dadurch unschuldig zum Handkuss kommen“, kommentierte ÖLV-Präsident Ralph Vallon zurückhaltend und diplomatisch.

DLV

Der Deutsche Leichtathletik-Verband, im Vorfeld der „lauteste Stimmungsmacher“ gegen den Ausschluss russischer Leichtathleten von den Olympischen Spielen, freute sich über die Entscheidung aus Wien. „Es ist ein guter und historischer Tag für den sauberen Sport und alle Athleten, die ständig effektiven Kontrollen unterworfen sind. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass die Doping-Bekämpfung ernst genommen wird“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop. Dieser setzte allerdings nur wenige Stunden nach der Entscheidung der IAAF, die auch im Sinne des DLV gefällt wurde, noch einen drauf und forderte vom IOC den kompletten Ausschluss des russischen Sports von den Olympischen Spielen, da es unglaubwürdig scheine, dass nur die Leichtathletik vom Dopingskandal betroffen sei. Außerdem legte er gleich den Fokus auf andere Länder. „Es liegen auch bei anderen Ländern Erkenntnisse vor“, so Prokop und meinte dabei die afrikanischen Läuferhochburgen Kenia und Äthiopien, „Es gibt keinen Grund, sich auszuruhen, sondern das muss der Auftakt sein im weltweiten Kampf um einheitliche Rahmenbedingungen in der Vorbereitung auf internationale Wettkämpfe.“
Versöhnlichere Töne schlug Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes an, und hob das Positive heraus: „Mit der heute getroffenen, weitreichenden und schmerzvollen Entscheidung kann aus der aktuellen Krise eine wertvolle Chance für lebensnotwendige Änderungen im weltweiten Anti-Doping-Kampf entstehen.“ Dieser dürfe nun nicht stehen bleiben, sondern weitere wichtige Schritte müssten nun zeitnah gesetzt werden.

Russland

Ganz anders lauten naturgemäß die Reaktionen aus Russland. Doch weil der russische Sport die Entscheidung bereits antizipierte, blieb eine Schockhaltung aus. „Natürlich ist das unfair. Wir sind selbst verärgert, wenn wir auf Dopingprobleme stoßen, und versuchen, das zu unterbinden und die Schuldigen zu bestrafen. Aber warum sollten saubere Athleten darunter leiden?“, fragte der russische Präsident Vladimir Putin. Die Russen nahmen aber eine entschlossene Haltung an: „Wir sind nicht beleidigt und sagen, dass wir nicht mehr gegen Doping kämpfen. Im Gegenteil: Wir werden unseren Weg weitergehen und den Kampf gegen Doping intensivieren“, gab sich Putin kämpferisch. Allerdings forderte er auch das Startrecht russischer Athleten, die nicht wegen Dopings belangt wurden. „Der Traum vieler unserer Sportler ist zerstört wegen eines falschen Verhaltens einzelner Sportler, Trainer und Spezialisten“, jammerte Russlands Sportminister Vitali Mutko, der abermals verbal vom offensichtlich staatlich geförderten Doping vergangenen Jahre abzulenken versuchte.
Nun hofft Russland aber, den Olympia-Ausschluss des Verbandes mittels eines legitimierten Umwegs umgehen zu können. So sollen laut Informationen des DLV bis zu 80 Leichtathleten unter Nachweis ihrer sauberen Proben in Rio als neutrale Athleten und nicht unter russischer Flagge antreten. Offenbar würde Russland auch den Schritt vor den Obersten Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne nicht scheuen. Den Reaktionen aus Russland einer Entscheidung aus politischen Gründen (der Westen gegen den Osten, wie Russland bereits seit einiger Zeit propagiert) entgegnete die IAAF, die jeglichen politischen Einfluss und politische Grundlage für die Entscheidung abwies. In Russland herrsche eine Kultur der Toleranz für Doping oder noch viel schlimmer, so Rune Andersen, Leiter der IAAF-Task-Force am Freitag.
Insgesamt trifft das Urteil den russischen Sport, den Russland auch als Prestige- und Präsentationsmöglichkeit auf internationalem Terrain sieht, hart, weswegen zu erwarten ist, dass die Diskussion in den kommenden Wochen und Monaten intensiv weitergeführt wird, auch wenn eine erste, weitreichende Entscheidung getroffen wurde und ein wichtiger, zukunftsweisender Schritt gesetzt wurde.

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