Überraschungssiege in Stockholm

© Diamond League / Hasse Sjögren

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Die achte Station der Diamond League Saison 2016 sorgte für einige Überraschungen auf den Laufdistanzen. Auf der regennassen Bahn im alt ehrwürdigen Olympiastadion der schwedischen Hauptstadt hatte auch Olympiasieger und Weltmeister David Rudisha im 800m-Lauf der Herren große Schwierigkeiten und konnte seiner Favoritenrolle nicht gerecht werden. Das Feld nahm das Tempo des niederländischen Pacemakers Bram Som nicht auf, Rudisha weilte zwar an der Spitze des Verfolgerfeldes und sorgte auch für hohes Tempo auf der zweiten Runde, wirkte im Finale jedoch energie- und chancenlos. Pierre Ambroise Bosse übernahm die Führung in der Kurve, doch als es auf die Zielgerade ging konnte auch der Franzose nicht mehr zulegen. „Ich habe bis zum letzten Meter gekämpft, es war nicht mehr drin“, gab Bosse anschließend enttäuscht zu Protokoll. Und so war der Weg geebnet für Ferguson Rotich, der auf der Außenbahn mit Abstand das beste Finale hinlegte. Der 26-jährige WM-Vierte von Peking feierte in einer Zeit von 1:45,07 Minuten nach Shanghai seinen zweiten Erfolg in der Diamond League und baute seinen Vorsprung im Diamond Race auf zehn Punkte aus. Dort belegt Bosse wie gestern in Stockholm Rang zwei, Dritter wurde Europameister Adam Kszczot noch vor David Rudisha, der ohne Punch im Finale keine Chance auf eine Spitzenplatzierung hatte und den Eindruck hinterließ, dass er an diesem Abend seine Leistungsfähigkeit nicht in die Praxis umsetzen konnte.

Äthiopischer Sechsfachsieg

Für eine Überraschung sorgte auch der Äthiopier Ibrahim Jeilan über 5.000m. Der 27-Jährige, dessen herausragende Leistungen in seiner Karriere bisher auf 10.000m-Läufe konzentrieren, wo er 2011 in Daegu WM-Gold holte und zwei Jahre später in Moskau noch eine Silbermedaille, schaffte in Stockholm auf der ungeliebten kurzen Distanz ein kräftiges Achtungszeichen nach mageren Wettkampfjahren. Gegen starke Konkurrenz aus dem eigenen Land setzte sich Jeilan, der bis dato noch keine Weltklasseleistung über die zwölfeinhalb Stadionrunden fabriziert hat, in einer Zeit von 13:02,22 Minuten durch und verbesserte damit seine persönliche Bestleistung aus dem Jahr 2013 um knapp sieben Sekunden. Vor allem die flinke Schlussrunde und das anschließende Interview erstaunten: „Ich bin sehr glücklich mit dem heutigen Rennen. Wir haben unsere Vorbereitungen mit dem Ziel, Mo Farah in diesem Sommer zu schlagen, begonnen. Ich glaube, wir sind bereit.“ Angesichts dieser überraschenden Leistung mussten auch die Favoriten ihre Waffen strecken. Hallen-Weltmeister Yomif Kejelcha belegte Rang zwei, Muktar Edris lief auch im vierten Diamond League Rennen der Saison auf das Podest und thront im Rennen um den Diamanten mit 30 Punkten klar von der Spitze. Auch die Ränge vier bis sechs gingen an äthiopische Läufer, ehe auf Rang sieben mit Vize-Europameister Hayle Ibrhahimov der schnellste Europäer folgte. Der für Aserbaidschan laufende 26-Jährige ist freilich auch ein gebürtiger Äthiopier. Keine Chance auf der ungewohnten Distanz hatten Halbmarathon-Weltrekordhalter Zersenay Tadese und 3.000m-Hindernis-Europameister Yoann Kowal auf den Rängen zehn und zwölf.

Unerwarteter Sieg für Cichocka
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Für die größte Sensation des Abends sorgte – was die Laufentscheidungen betrifft – die Polin Angelika Cichocka in einem in jeglicher Hinsicht außergewöhnlichen 1.500m-Lauf. Dabei wuchs die 28-Jährige nicht über sich hinaus, sie nutzte einfach die sich bietende Chance optimal aus, da keine der favorisierten Läuferinnen zu überzeugen wusste. In der vorentscheidenden Phase übernahmen die Britinnen Laura Muir und Laura Weightman die Initiative, beide konnten jedoch ebenso wenig ihre Positionen bis zur Ziellinie halten wie die Äthiopierinnen Besu Sado und Dawit Seyaum, die in der letzten Runde attackierten. Die Junioren-Weltmeisterin musste dabei auf der ersten Hälfte des finalen Umlaufs mächtig aufholen, startete sie doch im Mittelfeld in Selbige. Die verpuffte Kraft des Vorstoßes fehlte im Finale, Seyaum musste sich mit Rang acht zufrieden geben. Nicht viel besser erging es Muir auf Rang fünf und der Kenianerin Hellen Obiri auf Rang sechs, die das schwächste Rennen seit ihrem Comeback zeigte. Die 20-jährige Sado rettete immerhin Rang vier, konnte jedoch im Zielsprint ebenfalls nicht mehr gegenhalten, als Angelika Cichocka ihre Chance sah und zu einem überraschend klaren Sieg durchzog. In einer Zeit von 4:03,25 Minuten siegte sie vor Lokalmatadorin Meraf Bahta und Gudaf Tsegay. Überraschend war, dass die unerwartete Siegerin den größten Erfolg ihrer Karriere ohne Jubelgesten fast als Selbstverständlichkeit hinnahm. Eine Momentaufnahme, die ins Bild eines aufgrund der regnerischen und windigen Bedingungen außergewöhnlich zuschauer- und stimmungsarmen Meetings passte. 3.000m-Hindernis-Spezialistin Gesa Felicitas Krause zeigte ein starkes Rennen und erzielte in einer persönlichen Bestleistung von 4:06,99 Minuten den neunen Rang. Damit blieb die 23-Jährige einen Wimpernschlag unter dem Olympia-Limit über die „metrische Meile“.

Zweiter Sieg für Jebet

Das einzige Rennen mit einem Favoritensieg war der 3.000m-Hindernislauf, den Ruth Jebet vom Start weg dominierte. Der Alleingang endete in einer starken Zeit von 9:08,37 Minuten, der zweitbesten Leistung der jungen Kenianerin in Diensten des Bahrain. Damit verbesserte die 19-Jährige auch den vier Jahre alten Meetingrekord der Tunesierin Habiba Ghribi um zwei Sekunden und feierte nach Eugene ihren zweiten Erfolg. Im Diamond Race zog Jebet mit der in Stockholm abwesenden Kenianerin Hyvin Kiyeng gleich. „Der Wind machte das Rennen heute sehr schwierig. Umso glücklicher bin ich über den Meetingrekord“, sagte die Siegerin anschließend in die Mikrophone.
Während die Favoritin an der Spitze einsam ihre Kreise zog, konnte Vize-Weltmeisterin Ghribi bei ihrem Saisoneinstieg nicht überzeugen. In einer Zeit von 9:31,22 Minuten kam sie nicht über Rang sechs hinaus. Besser lief es für die Kenianerin Beatrice Chepkoech auf Rang zwei und die Australierin Genevieve Lacaze, die in einer deutlichen neuen persönlichen Bestleistung von 9:23,19 Minuten den dritten Platz belegte. „Ich habe gespürt, dass heute ein großer Leistungssprung möglich war“, jubelte die 27-Jährige aus Down Under. Die zweite Australierin, Madeleine Hills, die lange Zeit um einen Podestplatz mitkämpfte, kam hinter Sofia Assefa aus Äthiopien auf dem fünften Platz ins Ziel. Keine Chance hatten die europäischen Teilnehmerinnen Sandra Eriksson, Diana Martin und Charlotta Fougberg, die allesamt im Hinterfeld ins Ziel kamen.

Diamond League in Stockholm