IAAF hat entschieden: Russlands Leichtathleten bleiben gesperrt

IAAF-Präsident Sebastian Coe und Rune Andersen, Vorsitzender der in Russland ermittelnden IAAF-Task-Force. © Getty Images for IAAF / Christian Hofer

© Getty Images for IAAF / Christian Hofer
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Das Council des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF hat entschieden: Die Sperre gegen Russlands Leichtathletik-Verband wegen systematischer, staatlich unterstützter Dopingvergehen bleibt aufrecht, aber es gibt eine Chance für Einzelfälle. „Obwohl es gewisse Fortschritte gegeben hat, sind wichtige Kriterien weiterhin nicht erfüllt. Deshalb bleibt der russische Verband gesperrt“, sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe um 18:16 Uhr bei einer Pressekonferenz im Ballsaal „Quadrille“ des Grand Hotel Wien. Die 24 anwesenden und stimmberechtigten Mitglieder des IAAF-Vorstands haben einhellig die Empfehlungen der vom Norweger Rune Andersen geleiteten Task Force unterstützt.*
„Das ist eine starke Botschaft der IAAF, dass die Frage des Dopings eine nicht verhandelbare Bedingung ist. Wir haben die Entscheidung im besten Sinn für die Welt-Leichtathletik getroffen. Es war keine einfache Entscheidung und ein trauriger Tag für unseren Sport. Meine Verantwortung ist es, so viele saubere Athleten als möglich zu den Olympischen Spielen zu bringen. Wir wissen, dass Doping ein globales Problem seit Jahrzehnten ist. Wir müssen unsere Anstrengungen verdoppeln“, sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe.
Russland bleibt damit bis auf weiteres von allen internationalen Leichtathletik-Wettkämpfen ausgesperrt. Damit gibt es keine Startmöglichkeit bei den Europameisterschaften im Juli in Amsterdam, keine Startmöglichkeit bei den Olympischen Spielen in Rio und auch keine Starts bei Leichtathletik-Meetings und Straßenläufen außerhalb des eigenen Landes.
Zwei eng begrenzte Möglichkeiten für eine Rückkehr russischer Athleten hat der IAAF-Vorstand bei der Sitzung in Wien dennoch geschaffen.
Erstens wurde eine Regeländerung auf den Weg gebracht, wonach einzelne saubere Athleten eine Startgenehmigung erhalten können, jedoch nicht unter russischer Flagge, sondern als neutrale Athleten. Solche Sportler müssen klar und überzeugend zeigen, dass sie nicht vom russischen System beeinflusst sind, beispielsweise, weil sie außerhalb des Landes leben, und von einem effizienten Doping-Kontroll-System überprüft werden. Es wird erwartet, dass nur eine sehr kleine, wohl einstellige Zahl von Athleten dafür in Frage kommt. „Der Spalt in der Tür wird sehr schmal sein. Nicht viele Athleten werden durchgehen können“, umschrieb Rune Andersen diesen Weg.
Zweitens: die „Whistleblower-Regelung“. Es sollen auch Personen eine Ausnahme vom Startverbot beantragen können, die einen außerordentlichen Beitrag im Kampf gegen Doping geleistet haben. Namentlich wird Julia Stepanova erwähnt, deren Aussagen in ARD-Reportagen den Stein ins Rollen gebracht haben. Sie hat daraufhin mit ihrem Mann das Land verlassen und lebt derzeit in den USA an einem nicht bekannten Ort. So sie einen Antrag stellt, soll ihr Fall wohlwollend behandelt werden.
IAAF-Präsident Sebastian Coe und Rune Andersen, Vorsitzender der in Russland ermittelnden IAAF-Task-Force. © Getty Images for IAAF / Christian Hofer
IAAF-Präsident Sebastian Coe und Rune Andersen, Vorsitzender der in Russland ermittelnden IAAF-Task-Force. © Getty Images for IAAF / Christian Hofer
Andersen hielt auf der Pressekonferenz fest: „Das System in Russland ist verdorben von der Spitze abwärts. Niemand bestreitet, dass es Jahrzehnte des Dopingregimes in Russland und der Sowjetunion gab. Auch Sportminister Mutko hat eingeräumt, dass er eine Kultur des Dopings aus Zeiten der Sowjetunion geerbt hat.“
Von vielen Beobachtern der Szene und den meisten Medienvertretern im zweiten Untergeschoß von Wiens ältestem Ringstraßenhotel und war mehrheitlich nichts anderes erwartet worden als eine Fortsetzung der Sperre. Die IAAF hatte im Dezember 2015 klare Kriterien vorgegeben, die für eine Wiederzulassung von Russlands Leichtathleten erfüllt werden hätten müssen. Es wäre einer Selbstaufgabe des Weltverbandes und einer Kapitulation des erst im August 2015 gewählten Präsidenten gleich gekommen, wäre Russland wieder zugelassen worden. Auch wenn einzelne Bereiche und Anstrengungen positiv bewertet wurden: Zu gravierend waren die Probleme, die durch eine ARD-Reportage von Hajo Seppelt im November 2014 erstmals an die breite Öffentlichkeit gelangt sind. Erst zwei Tage vor dem historischen Wiener Meeting zeigte ein Report der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, wie weit entfernt Russland von einem funktionierenden Kontrollsystem ist. 736 geplante Dopingkontrollen konnten im bisherigen Jahr 2016 nicht durchgeführt werden. Kontrollpersonal wurde von Soldaten bedroht. Sportler hielten sich häufig in militärischen Sperrgebieten auf und waren nicht erreichbar. „Dirty tricks“ aus der Doping-Urzeit wie Manipulation durch externen Urin wurden angewandt. Sportler verschwanden unmittelbar nach einem Wettkampf auf Nimmerwiedersehen, als Doping-Tester auftauchten…
All das zeigt, dass eine über Jahrzehnte entstandene Sport-Unkultur und eine Trainingsphilosophie, die auf Doping fußt, nicht binnen weniger Monate geändert werden kann. Selbstverständlich ist es auch eine immens politische Frage, denn kein Staat und kein Staatschef ist so stark im internationalen Sport engagiert und präsent wie Vladimir Putin. Mit Großveranstaltungen wie der Leichtathletik-WM in Moskau 2013, den Olympischen Spiele in Sochi 2014 und der Fußball-WM 2018 bringt sich Russland auf scheinbar unpolitischem Feld in Szene. Gerade in einer Zeit, da internationale Meisterschaften aufgrund von Kosten und Korruptionsgeräuschen in vielen westlichen Ländern immer stärker abgelehnt werden, versteht es Russland, groß aufzutreten. Hier geht es nicht um das Olympische Credo vom ehrenvollen Kämpfen, um persönliche Entfaltung durch Sport, um Gesundheit oder die Phrase der Völkerverständigung. Politik und nationale Interessen stehen im Vordergrund.
Russland konnte in der Leichtathletik-Doping-Causa weder in der Sache noch im Kampf um die öffentliche Unterstützung entscheidend punkten. Auch die Einschaltung der in New York ansässigen, globalen PR-Agentur Burson-Marsteller half wenig. Zwar veränderte sich die Kalte-Kriegs-Rhetorik von Russlands Spitzenvertretern etwas, und russische Athleten durften in Medienterminen ihre individuelle Unschuld kundtun. Doch außerhalb des eigenen Landes blieb das Verständnis dafür überschaubar.
Die IAAF hat eine der heikelsten Krisen der Welt-Leichtathletik seit Bestehen mit Professionalität gemanagt. Gemanagt, nicht gelöst. An der Lösung, so es eine gibt, werden noch Generationen zu arbeiten haben. Aber es wurde Handlungsfähigkeit unter Beweis gestellt und Chaos vermieden. Einen Schlussstrich gibt es in dieser Causa jedoch nicht. Die nächste Runde hat längst begonnen, während IAAF-Präsident Sebastian Coe im Grand Hotel Wien noch mit seiner Runde von 26 Fernseh-Einzelinterviews beschäftigt war. Russlands Stabhochsprung-Aushängeschild Jelena Isinbajewa hat unmittelbar nach Bekanntwerden der Entscheidung bereits angekündigt, vor den internationalen Sportgerichtshof CAS zu ziehen. Sie sieht in der weiter aufrechten Sperre – nicht ohne Extraportion Dramatik – eine „Verletzung der Menschenrechte“. Hauptargument wäre, dass mit einer Kollektivstrafe auch unschuldige bzw. bisher nicht positiv getestete Athleten sanktioniert werden. Die beiden in Wien geschaffenen Ausnahmeregeln dürften die die IAAF-Entscheidung jedoch auch rechtlich absichern.
Ein mehrfach ventilierter und von IOC-Präsident Thomas Bach unterstützter Ausweg, wonach „sauberen“ russischen Sportlern ein Olympiastart in Rio ermöglicht werden soll, wird nun teilweise Realität. IAAF-Präsident Sebastian Coe hat jedoch sehr deutlich betont, wer in diesem Zusammenhang die Regeln macht: „Die internationale Startberechtigung ist zur Gänze eine Angelegenheit der IAAF. Das IOC ist eine Institution, welche die Interessen der internationalen Sportverbände repräsentiert. Ich bin sicher, sie werden diese Sicht akzeptieren.“ Das IOC werde, so machte Coe klar, Entscheidungen der IAAF nicht unterwandern können.
Interessant ist in jedem Fall, dass die neuen Ausnahmeregelungen der IAAF in einem eng begrenzten Bereich eine Umkehr der Beweislast mit sich bringen. Derzeit ist ein Sportler unschuldig im Sinn der Anti-Doping-Richtlinien bis zum Beweis des Gegenteils. Der neue Weg heißt: Nicht die Anti-Doping-Organisationen müssen die Schuld beweisen, sondern Sportler ihre Unschuld. Eine verständliche Lösung, mit der aber heikles Terrain betreten wird, falls sie verallgemeinert werden sollte.
Viele Fragen bleiben offen. Denn niemand glaubt ernsthaft, dass Russland das einzige Land mit einem massiven Dopingproblem ist, ebenso wenig, dass in anderen Sportarten die Situation wesentlich differiert. „Die Task-Force und das IAAF-Council haben sich ausschließlich mit der Frage der russischen Leichtathletik beschäftigt. Wenn wir mit unserer Vorgangsweise eine Roadmap für andere Verbände und Spotarten schaffen, dann freut es mich“, sagte Coe im Anschluss an die Pressekonferenz. 130 Medienvertreter aus aller Welt waren für die IAAF-Pressekonferenz in Wien akkreditiert. Als Plattform für gesellschaftspolitische Debatten steht die Leichtathletik sichtlich hoch im Kurs. Doch das öffentliche Interesse an der Leichtathletik als Sportart scheint mehr und mehr auf einem Weg des Verschwindens zu sein. Dies zu ändern ist ein mindestens so beschwerlicher Weg wie der Kampf gegen Doping.
* Anmerkung: Von den 27 IAAF-Vorstandsmitgliedern waren 25 in Wien anwesend. Vizepräsident David Okeyo aus Kenia ist derzeit nach einer Entscheidung der Ethikkommission suspendiert. Nawaf Bin Mohammed Al Saud aus Saudi-Arabien verzichtete wegen der Hochzeit einer Tochter auf die Teilnahme an der Sitzung. Das russische Council-Mitglied Michail Butov durfte über die sein Land betreffende Causa nicht abstimmen. Somit blieben 24 stimmberechtigte Mitglieder.