Olympia 2016: Kenia lässt Stars zu Hause

© SIP / Johannes Langer

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Die offizielle Bekanntgabe der kenianischen Nominierungen für die Olympischen Marathons in Rio de Janeiro 2016 ist nicht ohne Überraschungen über die Bühne gegangen. Erwartungsgemäß fehlen im Aufgebot der Herren die Namen des aktuellen Weltrekordhalters Dennis Kimetto und dessen Vorgängers Wilson Kipsang, die sich in den letzten Marathons nicht für die drei begehrten Plätze empfehlen konnten. Die eigentlichen Sensationen gab es bei den Damen: Mary Keitany und Florence Kiplagat sitzen nur auf der „Reservebank“ und kommen lediglich zum Zug, sofern eine der drei nominierten Läuferinnen nicht an den Start gehen kann. Für die Konkurrenz bedeutet dies: Zwar werden die Kenianer in beiden Entscheidungen um die Medaillen ein kräftiges Wort mitsprechen, doch die geballte Leistungskraft, die auf dem Papier möglich scheint, dürfte es bei den Olympischen Spielen nicht geben.

Keitany und Kiplagat nicht berücksichtigt

Athletics Kenya hatte zweifelsohne die Qual der Wahl bei der Bestimmung der auserwählten drei Damen für den Olympischen Marathon. Dass aber mit Mary Keitany und Florence Kiplagat die zwei erfahrensten Läuferinnen lediglich auf die Abrufliste gesetzt wurden, ist dennoch eine große Überraschung. Keitany dominierte zahlreiche ihrer Läufe nach dem Comeback im Herbst 2014. Unter anderem zieren zwei Siege beim New York City Marathon ihre Vita, bei den beiden London Marathons belegte sie einmal Rang zwei, ehe sie heuer chancenlos im Feld der Geschlagenen ins Ziel kam. Allerdings brachte sie ein Sturz, bei dem sie schuldlos mitgerissen wurde, vor der entscheidenden Phase des Rennens aus dem Konzept. Diese Nicht-Berücksichtigung bedeutet für die 34-Jährige vier Jahre nach der Enttäuschung von London, als sie als Favoritin nur auf Rang vier ins Ziel kam, eine weitere bittere Pille. Florence Kiplagat hinterließ zuletzt sowohl beim Chicago Marathon (Sieg) als auch beim London Marathon (Rang vier) einen guten Eindruck und verfügt als Halbmarathon-Weltrekordhalterin über die nötige Klasse für einen Olympischen Marathon.

Drei Frühjahrssiegerinnen

Der Verzicht auf die beiden erfahrenen Größen ist umso überraschender, weil der Druck auf das kenianische Trio in Rio sehr hoch sein wird. Schließlich hat Kenia noch nie Olympisches Gold im Marathon der Damen gewonnen, zuletzt gab es dreimal Silber. Um diese Premiere endlich zu schaffen, setzt Athletics Kenya auf drei Läuferinnen, die im Frühjahr 2016 für große Erfolge gesorgt haben und verfolgen damit ein nachvollziehbares Konzept. Helah Kiprop überzeugte im vergangenen Jahr als Silbermedaillengewinnerin bei den Weltmeisterschaften von Peking in einem Meisterschaftsrennen und triumphierte überlegen beim Tokio Marathon. Visiline Jepkesho, deren Nominierung eine Sensation darstellt, gewann den Paris Marathon. Die 28-Jährige hat erst einmal einen Marathon unter 2:25 Stunden absolviert und belegte im einzigen Marathon-Major ihrer Karriere Rang 20 bei der WM. Als Siegerin des London Marathon ist Jemima Sumgong gegenüber jeden Verdacht erhaben und geht wohl als aussichtsreichste Kenianerin in den Marathon von Rio de Janeiro.

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Biwott und Korir neben Kipchoge im Team

Im Vergleich zur Vorankündigung gab es keine Überraschung bei den Nominierungen der Herren. Als bester Marathonläufer der Jetzt-Zeit führt Eliud Kipchoge das kenianische Team an. Mit seinem Sieg beim New York City Marathon und einem starken zweiten Platz beim London Marathon hat sich Stanley Biwott die Olympia-Teilnahme mehr als verdient. „Das ist einer der schönsten Momente in meiner Karriere. Ich habe noch nie mein Land vertreten dürfen“, freute sich der 30-Jährige über die erfreuliche Nachricht. „Ich wurde vom Verband aus tausenden Marathonläufern ausgewählt. Das heißt, man hat Vertrauen in mich und ich werde alles geben, dieses Vertrauen zurückzuzahlen.“ Aus sportlicher Sicht eine Überraschung stellt die Nominierung des dritten Kenianers dar. Doch die guten Kontakte des Parlamentariers Wesley Korir halfen ihm nach Rang vier beim Boston Marathon sicherlich. Paris Sieger Cyprian Kotut und Amsterdam-Sieger Bernard Kipyego stehen als Reserveläufer bereit, über Chicago-Sieger Dickson Chumba wurde anscheinend kaum ein Wort verloren. Wilson Kipsang und Dennis Kimetto werden sich damit anderen Aufgaben im Marathon-Herbst widmen. Beide haben bereits durch die Blume durchblicken lassen, nicht unbedingt in Rio am Start sein zu wollen. Angesichts der letzten Marathon-Leistungen und des WM-Debakels von Peking bleibt eine massive Verwunderung darüber aus.

Kipchoge Topfavorit auf Gold

Seit Jahrzehnten dominiert Ostafrika den Marathon, allen voran die Kenianer. Dennoch gab es in der langen Olympischen Geschichte erst einen kenianischen Marathon-Goldmedaillengewinner, Samuel Wanjiru in Peking 2008. Eines ist jedoch bereits jetzt, über drei Monate vor dem Olympischen Marathon von Rio klar: Der haushohe Favorit – ungeachtet des noch nicht bekannten Aufgebots der Äthiopier – ist ein Kenianer. Eliud Kipchoge hat seit seiner Marathon-Premiere nur ein Rennen nicht gewonnen, das war das Weltrekordrennen von Wilson Kipsang in Berlin 2013. Danach folgte ein beeindruckender Triumph dem nächsten. Seine schnellsten fünf Marathon absolvierte er in einer Durchschnittszeit von 2:04:01 Stunden, dem grandiosen Berlin Marathon mit herausragenden Zwischensohlen folgte der Beinahe-Weltrekord von London. „Mein ganzer Fokus gilt es Traum vom Olympischen Gold. Über alles andere, auch den Marathon-Weltrekord, werde ich mir erst danach Gedanken machen“, kündigt Kipchoge an. Für den 31-Jährigen sind Rio die dritten Spiele, in Athen 2004 und Peking 2008 gewann er jeweils Edelmetall im 5.000m-Lauf.