Eliud Kipchoge nimmt sogar den Weltrekord ins Visier

© SIP / Johannes Langer

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Wenn am kommenden Sonntag der Startschuss für den 36. London Marathon fällt, ist die Qualität im Herren-Feld deutlich höher als sie es in der Olympischen Entscheidung von Rio de Janeiro im August sein wird. Wenn die weltbesten Marathonläufer auf die 42,195 Kilometer lange Strecke durch die britische Metropole gehen, soll Geschichte geschrieben werden. Der London Marathon nimmt sogar das Wort „Weltrekord“ in den Mund, also jenen Begriff, der seit über einem Jahrzehnt ausschließlich mit dem Berlin Marathon assoziiert wird. „Die idealen Bedingungen für einen Weltrekord sind ein schnelles Rennen und ein hoher Wettbewerb unter den Läufern“, hofft Renndirektor David Bedford auf eine neue Bestmarke, „ein enges Rennen und ein Weltrekord – das wäre perfekt!“ Vorjahressieger und Favorit Eliud Kipchoge pflichtet ihm bei in einem Interview mit der britischen Zeitschrift „Athletics Weekly“, welches ihn als „Marathon-Maestro“ betitelte, bei: „Mein Ziel ist es, den Weltrekord zu brechen. Ich weiß nicht, wann es geschehen wird. Ich hoffe früher als später. Ich bin sicher, dass ich es schaffen kann.“ Ob der London Marathon am Sonntag tatsächlich bereit für den ersten Weltrekord seit 14 Jahren ist, steht in den Sternen. Am ehesten zuzutrauen ist es auf jeden Fall dem Titelverteidiger.

Der Platzhirsch, dem der Weltrekord fehlt

Wenn man wissen will, wie es sich anfühlt, im Marathon Niederlagen zu erleiden oder Ziele nicht zu erreichen, sollte man keinesfalls eine entsprechende Frage an Eliud Kipchoge stellen. Der Kenianer, der als bester Marathonläufer der Gegenwart gilt, kann sie schlichtweg nicht beantworten, da er derartige Erfahrungen bisher noch nicht machen musste. Seit Kipchoge in Hamburg 2013 eine neue Distanz für sich entdeckt hat, kam er von der Erfolgsstraße nicht mehr ab. Der Triumph im „Clash of Champions“ gegen Wilson Kipsang und Dennis Kimetto im vergangenen Jahr in London („Ich war am besten vorbereitet!“) war der vorläufige Höhepunkt einer Marathon-Karriere wie im Märchen. Dass Kipchoge bis dato keine Bestleistung unter 2:04 Stunden aufzuweisen hat, liegt an den heraushängenden Zwischensohlen beim Berlin Marathon 2015, die ihn allerdings nicht von einem überzeugenden Sieg in Weltjahresbestleistung abhalten konnten. „Das war eine große Demonstration, dass wir nicht nur mit unseren Beinen, sondern auch mit unserem Herz und unserem Kopf laufen“, sagt Kipchoge heute. Trotz des Zwischensohlen-Fiaskos hatten ihm nur 64 Sekunden auf den Weltrekord von Dennis Kimetto gefehlt…
Nicht nur deshalb gibt es viele, die ihm den Sprung an den Platz an der Sonne der ewigen Bestenliste zutrauen. Für den London Marathon fühlt sich Kipchoge bereit: „Das Training war hart in den letzten Monaten, aber ich bin sehr glücklich darüber, wie es verlaufen ist. Meine Trainingsgruppe ist enorm stark. Eine gelungene Vorbereitung ist die Basis für alle Siege.“ Erst zwei Läufern ist es gelungen, zweimal hintereinander den London Marathon zu gewinnen: dem Mexikaner Dionicio in den 90er Jahren und dem Kenianer Martin Lell ein gutes Jahrzehnt später.

Revanche
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Im Gegensatz zu Eliud Kipchoge sind Dennis Kimetto (amtierend) und Wilson Kipsang (sein Vorgänger) bereits Weltrekordläufer. Durch die Niederlage im vergangenen Jahr haben beide eine Rechnung mit Kipchoge offen. Seit seinem überragenden Triumph beim Berlin Marathon 2014 ist es allerdings ruhig geworden um Dennis Kimetto. Dem dritten Platz vom London Marathon 2015 folgte das Debakel bei der WM und eine Aufgabe beim Fukuoka Marathon. Laut eigener Aussage fühlt sich Kimetto allerdings wieder wie zu besten Zeiten. Auch Wilson Kipsang musste in den letzten Monaten neue Gefühle kennenlernen. Jahrelang war der taktische Schnitzer beim Olympischen Marathon von London 2012 der einzige schwarze Fleck auf einer ansonsten blütenweißen Weste. Der Niederlage gegen Kipchoge in London 2015 folgte ein vierter Platz beim New York Marathon, als er insbesondere gegen seine Landsleute Stanley Biwott und Geoffrey Kamworor chancenlos war. Dennoch geht Kipsang mit guten Gefühlen in den Marathon am Sonntag: „Ich bin in einer hervorragenden Position, habe mich sehr gut vorbereitet. Ich habe emsig an meiner Geschwindigkeit und an meiner Ausdauer gearbeitet. Ich denke, ich kann den Streckenrekord verbessern.“ Diesen hält er übrigens selbst in einer Zeit von 2:04:29 Stunden. Dabei erwartet der 34-Jährige gar keine Zeitenjagd: „Die schnellsten Drei aus dem Vorjahr und die Präsenz von Bekele gibt diesem Rennen einen speziellen Touch. Jeder braucht eine sehr gute Taktik, um in diesem Rennen zu überleben.“ Gewinnt Kipsang, wäre er der vierte Dreifachsieger in London, der zweite Kenianer nach Martin Lel.
Nicht nur aufgrund seines Triumphes in New York, aber auch aufgrund dieser beeindruckenden Leistung zählt Stanley Biwott zu den heißesten Anwärtern auf den Sieg beim London Marathon. „Ich bin sehr zuversichtlich. Ich bin hier schon ein paar mal gelaufen und habe einiges an Erfahrung gesammelt. Mein Fokus in den letzten Monaten galt nur diesem Rennen“, so Biwott, der drei Tage vor dem London Marathon seinen 30. Geburtstag feierte. Wer sich nur auf die großen Drei, die das Podest des Vorjahres besetzt haben, fokussiert, könnte die Rechnung ohne den Wirt machen.

Die starken Außenseiter

Würde keiner der vier genannten kenianischen Superstars, von denen übrigens mindestens einer nicht zu den Olympischen Spielen fahren darf, den London Marathon gewinnen, wäre das eine Sensation. Das liegt allerdings ganz allein an der herausragenden Klasse des Quartetts und nicht an der Schwäche der Konkurrenz. Denn die „zweite Reihe“ ist ebenfalls sehr, sehr gut besetzt. Dazu gehört auch Kenenisa Bekele, der sein London-Debüt gibt. Der Äthiopier hat große Ziele im Marathon, zwei davon sind eine Olympia-Teilnahme mit Gold-Ambition in Rio und die Verbesserung des äthiopischen Landesrekordes seines Vorgängers Haile Gebrselassie. „Ich glaube, ich kann es schaffen. Mein Hunger, hart zu trainieren, und meine Motivation sind ungebrochen“, so der Weltrekordhalter über 10.000m und 5.000m. Äthiopien, das bei den Herren die bisherige Marathon-Saison auf beeindruckende Art und Weise dominierte, schickt ein starkes Quartett in den London Marathon 2016: Neben Bekele sind das der letztjährige VCM-Sieger Sisay Lemma, Tilahun Regassa und Abera Kuma, der im Vorjahr den Rotterdam Marathon gewinnen konnte. Mit dem überraschenden Weltmeister Ghirmay Gebreslassie als vielleicht gefährlichsten Außenseiter im Feld, Samuel Tsegay, Amanel Mesel, Tewelde Estifanos und Ghebre Kibrom kommen gleich fünf (und damit zahlenmäßig die meisten) der insgesamt 17 Läufer mit Bestzeiten unter 2:10 Stunden aus Eritrea. Das verspricht einen spannenden Kampf um die drei eritreeischen Olympia-Plätze.

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Gabius will Bestzeit laufen

„Der London Marathon ist für mich ein weiterer Schritt in Richtung Olympische Spiele in Rio“, sagt Arne Gabius nüchtern. Für seinen ersten Auftritt in London, bei dem er inmitten eines Weltklassefeldes wichtige Erfahrungswerte sammeln möchte, hat sich der deutsche Rekordhalter einiges vorgenommen: „Ich habe keine Skepsis und gehe locker in das Rennen. Meine letzten Trainingseinheiten haben mir gezeigt, dass ich gut in Form bin. Ich werde auf Bestzeit laufen.“ Gabius will das Tempo der Spitze nicht mitgehen und strebt eine Halbmarathon-Zwischenzeit zwischen 63:30 und 64 Minuten an.
Der Deutsche ist in seinem dritten Marathon der laut Vorleistungen zweitschnellste Europäer im Feld hinter dem erfahrenen Ukrainer Sergej Lebid. Dessen Landsmann Vitaliy Shafar ist der dritte Europäer im Feld mit einer Bestleistung unter 2:10 Stunden. Spannung versprechen die Marathon-Debüts des britischen Berglauf-Spezialisten Robbie Simpson und des ehemaligen WM-Dritten über 5.000m, Craig Mottram aus Australien.

Extraterrestrisches London-Marathon-Erlebnis

Der außergewöhnlichste Teilnehmer des London Marathon 2016 befindet sich gar nicht in der britischen Hauptstadt. Astronaut Tim Peake will die 42,195 Kilometer am kommenden Sonntag auf der Internationalen Raumstation ISS absolvieren – eine große Herausforderungen nach Monaten ohne Schwerkraft unter den Füßen. Eine spezielle technische Vorrichtung unterstützt den 43-Jährigen auf dem Laufband.
London Marathon