Gleichwertige Leistungen unterschiedlicher Bewertung

41 – das ist die Zahl des Jahres. Zumindest in der Marathon-Welt. Denn gleich drei der besten Marathonläuferinnen der Welt haben in der World Marathon Majors Serie IX, welche mit dem Tokio Marathon 2015 begann und mit dem Tokio Marathon 2016 ihr Ende fand, exakt 41 Punkte gesammelt. Jeweils 25 für einen Sieg und jeweils 16 für einen zweiten Platz. Eine Konstellation, die diskussionswürdige Konsequenzen hervorrief – und die Grenzen der Gerechtigkeit mächtig ausdehnte. Nur wenige Tage vor dem Start in die zehnte Ausgabe der WMM-Serie beim Boston Marathon steht das neue Punktesystem unter spezieller Beobachtung.
Es war vorhersehbar. Als die World Marathon Majors Ende des Jahres 2014 mit ihrer innovativen Idee aufwarteten, den Modus zu ändern und dann auch noch definierten, lediglich die zwei besten Leistungen innerhalb eines Zyklus’ von sieben Marathons plus optional eines WM- oder Olympia-Marathons zu werten, war klar, dass Punktgleichheit ein ernst zu nehmendes Szenario darstellt. In der Geschichte der World Marathon Majors hat es seit der Premiere 2006 nur ein einziges Mal eine Punktgleichheit an der Spitze gegeben, 2007/2008 zwischen Irina Mikitenko und Gete Wami. Auch damals entschied das Votum der sechs Renndirektoren, das direkte Duell lautete eins zu eins. Die Deutsche (2 Siege) bekam nach einem einstimmigen Entschluss eine satte Überweisung, während die kleine Äthiopierin mit den großen Erfolgen (1 Sieg) durch die Röhre guckte. In der neuen Ära ist die Wahrscheinlichkeit ähnlicher Punktestände deutlich höher.
Punktgleichheit ist im Sport kein Störfaktor, ganz im Gegenteil: Es ist ein besonderer Spannungsmoment, dem verschiedene Sportarten mit unterschiedlichen Lösungsideen begegnen. Im Tennis bringt der Tie-Break zusätzliche Dramatik, im Fußball entscheidet das direkte Duell oder die Auswärtstorregel und, wenn immer noch notwendig, das Elfmeterschießen. Im Motorsport hat jener Fahrer, der die Zeit früher erzielte, den Vorteil auf seiner Seite. Im Laufsport gibt es ein Fotofinish und in anderen Disziplinen der Leichtathletik oder Wettkämpfen, wo die Athleten nicht per Massenstart, sondern in einer bestimmten Abfolge nacheinander ins Rennen gehen, gibt es den simplen ex aquo Sieg oder der zweitbeste Versuch bringt eine Entscheidung.
Die World Marathon Majors wählten einen langweiligen Lösungsansatz – eine eigene Herangehensweise inklusive unkreativen Reglements. Erstes Kriterium bei Punktgleichheit: ein direktes Duell, was angesichts der wenigen in die Wertung fallenden Resultate ohnehin ein unwahrscheinliches Szenario darstellt und selbst dann kann es sich aufheben (zum Beispiel: Wenn Athlet A Athlet B in Rennen eins besiegt und sich in Rennen zwei das Blatt wendet). Zweites Kriterium: Die Anzahl an Siegen, hier wird es noch weniger Unterscheidungen geben als beim ersten Kriterium. Drittes Kriterium: Die sechs Renndirektoren entscheiden, ob der beträchtliche Gewinn von 500.000$ zu 100% auf ein bestimmtes Konto überwiesen oder ob er gerecht aufgeteilt wird.
Die WMM wurden verdientermaßen gänzlich auf dem falschen Fuß erwischt. Gleich drei Athletinnen wiesen nach Ablauf der Serie IX nach dem Tokio Marathon 2016 dieselbe Punktezahl auf und beanspruchten den Gesamtsieg für sich. In Ermangelung direkter Duelle (bis auf eines zwischen Dibaba und Kiprop) schlug Kriterium drei zu – und die Renndirektoren bevorzugten Mary Keitany gegenüber Mare Dibaba und Helah Kiprop. Einstimmig, laut Informationen der WMM, weil Keitany bei ihrem Sieg und bei ihrem zweiten Platz stärkere Konkurrenz gehabt habe. So hört man, denn die World Marathon Majors haben keine Erklärung kommuniziert. Doch wie misst sich das? Und in Zeiten, wo Transparenz im Sport längst der sehnsüchtigste aber offensichtlich utopische Wunsch ist, wie haltlos ist diese Argumentation?
Große Namen auf der Starterliste versprechen häufig eine andere Realität als die gezeigten Leistungen am Renntag. Zudem lassen sich die einzelnen Rennen der World Marathon Majors wohl kaum vergleichen. Rekordverdächtige Strecke in Berlin, herausfordernde Streckenführung in New York und Gegenwind und Anstieg in Boston. Pacemaker in Berlin, London und Tokio, keine Pacemaker bei den drei amerikanischen Vertretern, noch langsameres Tempo bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Ideales Marathonwetter, stürmischer Wind und kühle Regenschauer oder Sommerhitze mit hoher Luftfeuchtigkeit bei den Großereignissen.
Kommen wir trotz all diesen Widersprüchen zurück zur argumentierten Aussage. Keitany habe sich gegen die stärkere Konkurrenz durchgesetzt. Auch wenn es nicht die Realität widerspiegelt, reduzieren wir diese schwammige Begründung auf nackte Zahlen. Mary Keitany dominierte den New York City Marathon 2015, Helah Kiprop den Tokio Marathon 2016. Kiprop lief dabei knapp drei Minuten schneller, Dibaba die schnellste Zeit der drei Läuferinnen im Kalenderjahr 2015 (wenn auch bei einem Nicht-WMM-Rennen). Keitany gewann mit einem Vorsprung von 1:07 Minuten, Kiprop mit einem Vorsprung von 24 Sekunden und Mare Dibaba bei den Weltmeisterschaften mit einem Vorsprung von einer Sekunde – auf Helah Kiprop. Man kann diese Perspektive natürlich drehen und wenden wie man möchte, man kann sie für jede der drei Parteien schön- oder schlecht reden. Aber stichhaltige Unterschiede lassen sich nicht herauskristallisieren und so entsteht der Eindruck, als hätten sich die sechs Renndirektoren für den größeren Namen entschieden. Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, Mary Keitany hätte den Gesamtsieg in der World Marathon Majors nicht verdient – ganz im Gegenteil. Aber genauso hätten ihn auch Mare Dibaba und Helah Kiprop verdient gehabt.
Einen sportlichen Wettkampf am Grünen Tisch zu entscheiden, ist nie wünschenswert. Der Wahnsinn an dieser Entscheidung ist jedoch die finanzielle Folge. Während Mary Keitany in den kommenden fünf Jahren in Abstufungen insgesamt 500.000$ auf ihr Konto überwiesen bekommt, gehen Mare Dibaba, von der AIMS übrigens zur Marathonläuferin des Jahres 2015 ausgezeichnet, und Helah Kiprop trotz ihrer absolut vergleichbaren Leistungen gänzlich leer aus. Eine halbe Million gegenüber Null, obwohl signifikante und nachvollziehbare Merkmale der Unterscheidung nicht erkennbar sind! Ein ziemliches Fiasko, denn die so groß geschriebene Fairness im Sport wird hier mit Füßen getreten.
Da bis zur kommenden World Marathon Majors Serie, deren Startschuss am Montag beim Boston Marathon fällt, keine Regeländerung in Sicht ist, bleibt nur zu hoffen, dass die Leistungsunterschiede in den größten Marathons der Welt bis hin zu jenem im Boston 2017 so groß sind, dass sie sich in Zahlen und Punkten klar ausdrücken!