Ein neues Gefühl bringt Spannung für Rio

Als Mo Farah den Zielbereich der Halbmarathon-Weltmeisterschaften verließ, war er von seiner Gefühlswelt auf dem falschen Fuß erwischt worden. Da spielten ihm seine Sinne ernsthaft ein reales Bild vor, dessen Bedeutung er schon vergessen geglaubt hatte. Der Zieleinlauf eines Meisterschaftsrennens – und da waren schon zwei Athleten vor ihm da und jubelten. Geoffrey Kamworor am lautesten. Denn der Kenianer hat seinen WM-Titel über die 21,0975 Kilometer gerade erfolgreich verteidigt. So entschied sich Mo Farah – bewusst oder unbewusst – für eine enttäuschte Miene. Er hätte aber auch jubeln können als erster europäischer Medaillengewinner bei Halbmarathon-Weltmeisterschaften seit 20 Jahren. Doch irgendwie erschien das Gefühl eines dritten Platzes doch zu befremdlich. Vielleicht auch, weil er zu diesem Zeitpunkt innerlich, später auch sportlich fair äußerlich anerkennen musste, dass er an diesem Tag keine Chance gegen die Kenianer hatte.
Unfassbare Siegesserie
Das letzte Mal als Mo Farah bei einer internationalen Meisterschaft nicht als Erster über die Ziellinie gestürmt war, war von einer gefühlten Ewigkeit: WM 2011 in Daegu im 10.000m-Lauf, als Ibrahim Jeilan aus Äthiopien ihn als Letzter überbieten konnte. Danach startete eine unglaubliche Siegesserie, die nun in Cardiff irgendwie endete. Aber ein entscheidender Unterschied sticht ins Auge: Die Serie der Unschlagbarkeit Farahs beschränkte sich auf die Langstrecken im Stadion, auf die Bahn und ist dort auch noch gültig. In Cardiff aber ging es auf der Straße zur Sache. Sie betrachten die Kenianer, die seit Jahren sehnsüchtig auf jenen Tag gewartet haben, den übermächtigen Konkurrenten aus Europa zu besiegen und damit Kenia standesgemäß an die Weltspitze zu bringen, als ihr Revier! Und das demonstrierten sie mit ihrem Gesamtauftritt in Cardiff nachhaltig.
Symbolcharakter für die Zukunft oder einmaliger Ausreißer
Für alle Fans des Laufsports und für die Sportart Leichtathletik an sich, die in vielen Ländern in der Gunst der öffentlichen Aufmerksamkeit in der Konkurrenzsituation mit anderen Sportarten leidet – Österreich ist durchaus ein schönes Beispiel dafür – hätte kaum etwas Besseres passieren können. Der schier Unschlagbare hat in einer neuen Herausforderung seinen Meister gefunden. In einem jungen, aufstrebenden, Tausendsassa aus Kenia. Der nun inbrünstig, voller Selbstbewusstsein und Tatendrang ankündigt, bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro über 10.000m, auf einer Distanz, wo Kenia seit 48 Jahren auf Olympisches Gold wartet, die seit Jahren eingravierten Machtverhältnisse auf den Kopf stellen zu wollen – und den Thron des großen Mo Farah auch in dessen Spezialdisziplin zu Fall bringen zu wollen. Ein Spannungsbogen, der nicht herrlicher sein könnte. Denn der 33-Jährige wird die Niederlage von Cardiff als Ansporn dafür nehmen, bei den Olympischen Spielen in aller Deutlichkeit Revanche zu nehmen. Auch wenn er sich bewusst ist, es mit einem äußerst talentierten Rivalen zu tun zu haben, für den ein Aspekt spricht: Er ist neun Jahre jünger und die Zukunft scheint ihm zu gehören. Platzhirsch Farah will aber mit all seiner Routine selbst bestimmen wollen, wann der Zeitpunkt der Machtübernahme vonstatten geht. Ganz nach dem Motto: „Die Bahn ist mein Revier!“
An alle journalistischen Nörgler an dieser urolympischen Sportart sei mit aller Deutlichkeit gesagt: Das oft, manchmal zurecht, häufig zu unrecht, zitierte Fehlen der Superstars und der sportlichen Dramatik im Laufsport oder in der Leichtathletik im Ganzen, gehört zumindest in jenen Rennen, bei denen Farah und Kamworor gemeinsam an der Startlinie stehen, definitiv der Geschichte an! Und Rio, so die berechtigte Hoffnung, wird ein würdiger Ort dieses großartigen Duells sein.