Mo Farah als Herausforderer der Kenianer

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Oft waren die Halbmarathon-Weltmeisterschaften verschrien als Veranstaltungen, bei denen die Topstars fehlten. Und häufig gingen sie einfach im Sog zahlreicher anderer großartiger Events im Langstreckenlauf unter. Der Ansatz ist, wenn man sich die Siegerliste zur Gemüte führt, nicht berechtigt. Gleich fünfmal triumphierte Weltrekordhalter Zersenay Tadese, auch Superstars wie Haile Gebrselassie oder Paul Tergat haben sich bei Halbmarathon-Weltmeisterschaften die Krone aufgesetzt. Der neue Termin Ende März und die Änderung zum Zwei-Jahres-Rhythmus lassen nun einen besseren Fokus auf die Halbmarathon-Weltmeisterschaften zu – eine Beachtung, die die Läufer auch verdienen.

Mo Farah konnte sich bei den Weltmeisterschaften in Peking im 10.000m-Lauf knapp gegen Geoffrey Kamworor behaupten. © getty images for IAAF
Mo Farah konnte sich bei den Weltmeisterschaften in Peking im 10.000m-Lauf knapp gegen Geoffrey Kamworor behaupten. © getty images for IAAF
Mo Farah als Zugpferd

Dass heuer jemand in Großbritannien die Halbmarathon-Weltmeisterschaften unabsichtlich verpassen könnte, ist ohnehin unmöglich. Denn die Startzusage von Mo Farah hat eine Euphorie ausgelöst und verleiht der Veranstaltung einen besonderen Glanz. Einer der Stars der Laufszene, aber gleichzeitig auch einer der Superstars des internationalen Sports ist dabei und freut sich auf sein Heimspiel in Cardiff. „Das ist eine fantastische Möglichkeit für mich, vor meinen britischen Fans einen weiteren Erfolg zu feiern“, erklärte Farah den Antrieb trotz Olympia-Vorbereitung die Halbmarathon-WM zu laufen. „Sein Antritt ist für uns immens wichtig“, bestätigte Matt Newman, OK-Chef in Cardiff, nachdem Farah öffentlich zur Teilnahme an den Volkslauf aufgerufen hatte.
Zu seinen Chancen machte der Brite, der auf die Hallen-Weltmeisterschaften in seiner Wahlheimat Portland verzichtet hat, keine konkreten Angaben. Aber wer Farah kennt, weiß, er strebt nicht weniger als die Goldmedaille an. „Ich habe mich gut vorbereitet und hart trainiert. Ich hoffe, dass ich eine gute Leistung zeigen kann“, blieb der zweifache Olympiasieger diplomatisch.

Das große Duell: Farah gegen Kamworor

Durch die Teilnahme Farahs hat sich ein hoch interessantes Duell entwickelt, nämlich jenes mit Geoffrey Kamworor. Auf der Bahn hat der Brite den Kenianer bis dato im Zaum halten können, so auch bei den Weltmeisterschaften von Peking über 10.000m, als der 23-Jährige und seine kenianischen Kollegen den Favoriten arg, aber vergeblich bedrängten. Auf der Straße ist die Ausgangsposition allerdings eine andere: Obwohl Farah Europarekordhalter ist, hat auf dieser Spielweise der junge Kamworor deutlich mehr Erfahrung und die besseren Vorleistungen. Und so kann es der Titelverteidiger kaum erwarten, im Duell gegen den großen Rivalen auch einmal reüssieren zu können: „Ich freue mich, ihn wieder zu sehen. Ich hoffe, ich kann ihn diesmal besiegen.“ Für Kamworor und seine Landsleute scheint dies sogar eine nationale Berufung. „Ich weiß, alle Kenianer warten auf den Tag, an dem wir Farah besiegen. Dieser Tag kommt bald“, zeigt sich der 23-jährige Allrounder wie immer sehr selbstbewusst. Dieses Selbstbewusstsein ist allerdings begründet: In bisher elf Halbmarathons ist Kamworor immer entweder unter einer Stunde gelaufen oder hat gewonnen.

Karoki will um Gold mitlaufen

Ein weiterer Läufer will ebenfalls unbedingt ganz vorne mitkämpfen. Bedan Karoki, ein guter Freund Kamworors – wie beide stets betonen. Doch auf der Laufstrecke sind sie Konkurrenten. Bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften 2015 schlug Kamworor Karoki, auch bei der WM in Peking kam Karoki hinter Kamworor ins Ziel. Nach einem schnellen Halbmarathon im vergangenen Jahr in Kopenhagen hat der 25-Jährige seine Ambitionen auf Halbmarathon-WM-Gold intensiviert. Starcoach Renato Canova hat in einem kürzlichen Interview seinen Gold-Tipp abgegeben und dabei Karoki genannt.

Äthiopier in der Außenseiterrolle

Wie gesagt – am Fehlen großer Stars scheitern die Halbmarathon-Weltmeisterschaften in diesem Jahr nicht. Auch wenn der fünffache Titelträger und Weltrekordhalter Zersenay Tadese entgegen der Erwartungen nicht dabei sein wird. So trägt Nguse Amlosom die Hoffnungen Eritreas auf eine Spitzenplatzierung auf seinen Schultern. Allerdings wird es schwierig, das Resultat von Kopenhagen mit fünf Eritreern in den Top Ten zu wiederholen. Wie bei den Damen startet Äthiopien aus der Außenseiterrolle, obwohl Guye Adola vor eineinhalb Jahren in New Delhi die zweitbeste äthiopische Zeit hinter Rekordhalter Haile Gebrselassie erzielt hat. Adola weiß, wie man bei Halbmarathon-Weltmeisterschaften gut abschneidet, schließlich holte er vor zwei Jahren hinter Kamworor und dem Eritreer Samuel Tsegay Bronze. Die weiteren Kenianer im Rennen sind Simon Cheprot, der starke Edwin Kiptoo und sein Namenskollege Edwin Kipyego.

Europas Hoffnungen auf den Schultern Farahs

Ähnlich wie bei den Damen liegen die Erfolgsgeschichten der Europäer bei Halbmarathon-Weltmeisterschaften, die erstmals 1992 ausgetragen wurden, lange zurück. Letzter Weltmeister war Marathon-Olympiasieger Stefano Baldini 1996, davor Vincent Rousseau aus Belgien 1993. Der Triumph Baldinis auf Mallorca war auch der letzte europäische Medaillengewinn, als letzter Nicht-Afrikaner gewann der US-Amerikaner Dathan Ritzenhein 2009 Bronze. Diese Statistik könnte Mo Farah allerdings gänzlich neu verfassen, als Medaillenkandidat geht der 33-Jährige auf jeden Fall ins Rennen. Ein europäischer Medaillengewinn durch einen anderen Athleten als Farah ist selbst bei wundersamen Entwicklungen kaum vorstellbar. Auf gute Platzierungen hoffen der Franzose Sidi-Hassan Chahdi, der Italiener Stefano La Rosa und der Spanier Ayad Lamdassem. Während die Verbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Halbmarathon-WM mit aktiven Teilnahmen gänzlich ignorieren, steht mit Marcel Tschopp ein Liechtensteiner im exakt 100-köpfigen Starterfeld.
Überraschend noch ohne Medaille in der Geschichte von Halbmarathon-Weltmeisterschaften sind die Halbmarathon-fanatischen Japaner, die allerdings angeführt von Keijiro Mogi ein starkes Quintett ins Rennen schicken. Wie bei den Damen vertraut der japanische Leichtathletikverband dabei auf junge Läufer. Ebenfalls ein leistungsstarkes Quintett bietet Südafrika mit Stephen Mokoka an der Spitze auf. Zu beachten ist auch Geofrey Kusuro aus Uganda, der eine Bestleistung von unter einer Stunde aufzuweisen hat. Der einzige Australier am Start ist der Sieger der Commonwealth Games im Marathon, Michael Shelley, die stärksten US-Amerikaner sind Jared Ward, Timothy Ritchie und Scott Bauhs.
Halbmarathon-Weltmeisterschaften 2016 in Cardiff