Lettisches Herzmedikament als böser Bube in der Sportwelt

© AP

© AP
© AP
Meldonium ist der neueste Hit bei den Anti-Doping-Jägern und offensichtlich im Weltsport weit verbreitet. Das zwielichtige Medikament aus Osteuropa steht zwar erst seit Jahresbeginn auf der WADA-Liste für verbotene Substanzen, kann auf eine beachtliche Geschichte auch im Sport zurückblicken und wurde bereits Anfang der 80er Jahren bei sowjetischen Soldaten im Afghanistan-Krieg eingesetzt, um deren Ausdauer zu erhöhen. Seit Tagen ist die Substanz im Weltsport in aller Munde, denn nicht nur die Leichtathletik-Stars Abeba Aregawi und Marathonläufer Endeshaw Negesse sind in die Dopingfalle getappt, sondern mit Tennisstar Maria Sharapova auch eine der bekanntesten und einflussreichsten Sportlerinnen des Planeten.

Meldonium verbessert den Sauerstofftransport

Unter dem Namen Mildronate wird Meldonium als Medikament von der lettischen Firma Grindeks produziert und vorwiegend in den baltischen Staaten und Russland vertrieben. Eingesetzt wird es vor allem bei Angina und Herzkrankheiten, da es die Durchblutung fördert und damit den Herzmuskel mit zusätzlicher Energie versorgt. Meldonium hat eine hohe strukturelle Ähnlichkeit mit Carnitin. Für Sportler ergibt sich folgender Vorteil bei Verwendung: Die verbesserte Sauerstoffverwertung durch eine Optimierung des Sauerstofftransports mit den roten Blutkörperchen wirkt sich auf eine Verbesserung der physischen Leistungsfähigkeit aus – besonders attraktiv somit auch für Ausdauersportler. In Österreich ist Meldonium wie in weiten Teilen Westeuropas und in den USA nicht zugelassen und im Weltsport seit dem 1. Jänner 2016 untersagt.

Seit Athen 2004 im Sport verwendet

Trotzdem hat das Medikament, welches vom lettischen Biochemiker Ivars Kalvins erfunden wurde, auch in Westeuropa Eindruck hinterlassen. Laut Informationen der Süddeutschen Zeitung hat Kalvins insgesamt 900 Patente eingereicht. Seine Star-Erfindung, Meldonium, ist aufgrund seines „bedeutenden Nutzens für die Humanmedizin“ für den europäischen Erfinderpreis nominiert worden – als erfolgreiches Medikament Lettlands, wie festgestellt wurde. Ein noch genauer zu erörternder Teil des Export-Erfolges dürfte dabei auf das Konto der internationalen Sportwelt gehen. Denn Wissenschaftler stellten in Untersuchungen fest, dass Meldonium zumindest seit den Olympischen Spielen von Athen vor zwölf Jahren insbesondere bei Athleten aus den baltischen Ländern und Russland im Umlauf war – wohlgemerkt, auf Grundlage des Anti-Doping-Rechts, damals noch zu legalen Konditionen. Durch die beachtliche Verbreitung stellte die Welt Anti Doping Agentur das Medikament unter genauere Beobachtung, was schlussendlich zur Aufnahme auf die Liste der verbotenen Substanzen mit Jahresbeginn 2016 führte.

Hohe Trefferquoten bei Analysen im Vorfeld

Von der WADA in Auftrag gegebene Studien bestätigten den Verdacht der flächendeckenden Verwendung dieser Substanz, deren Wirkung als leistungsfördernd eingestuft wurde. Forscher in Moskau fanden im vergangenen Jahr in 17% von 4.316 Urinproben Spuren von Meldonium. Bei den European Games 2015 haben laut einer Studie des Europäischen Olympischen Komitees 13 Medaillengewinner und insgesamt 3,5% der 662 getesteten Athleten (damals noch legal) Meldonium verwendet. Die Verbreitung bei Tests in der Vorbereitung war mit 8,7% noch höher. In 15 von 21 Sportarten ist die Substanz bei Nachforschungen aufgetaucht. Deutsche Forscher wiesen in einer Studie, die im Zeitraum zwischen Juli 2014 und Jänner 2016 durchgeführt wurde, in 30.000 internationalen Proben eine Trefferquote von immerhin 1,7% nach. Günter Gmeiner, Leiter des WADA akkreditierten Anti Doping Labors in Seibersdorf, konnte diese Zahlen auf Basis interner Untersuchungen bestätigen. Dass die WADA vorab Untersuchungen anstellt, ist ein normales Vorgehen. Bei Trefferquoten von ab 1% ist die Aufnahme der betroffenen Substanz auf die Anti-Doping-Liste die logische Konsequenz.

Verkaufsfördernd oder -hemmend?

Naturgemäß ist der Erfinder von Meldonium nicht begeistert darüber, dass sein Medikament, von dem er überzeugt ist, nun als Dopingmittel eingestuft ist. „Ich bin schockiert. Meldonium ist für viele Athleten die einzige Lösung. Wenn sie mit höchster Herzfrequenz trainieren, kann ein Sauerstoffmangel im Herzen auftreten, was zu ernsten Herzerkrankungen wie Infarkten führen kann. Wenn man diese Substanz verbietet, werden wir mehr Vorfälle haben. Im schlimmsten Fall können die zum Tod führen“, sagte Ivars Kalvins in einem Gespräch mit dem lettischen Newsportal apollo.lv. „Seit 32 Jahren nutzen Athleten Mildronate und plötzlich wird es verboten“, fügte er verständnislos an und fürchtet sich vor der negativen Konnotation seines Paradeprodukts. Bei Herzerkrankungen sei eine Medlonium-Kur zwischen vier und sechs Wochen normal, mit einer maximalen Wiederholung von zwei- bis dreimal pro Jahr – eine konstante Verwendung wie von Maria Sharapova eingeräumt, wird vom Hersteller nicht empfohlen.
Der positive Dopingfall von Maria Sharapova, der weltweit für Schlagzeilen gesorgt hat, hat dem Medikament übrigens nicht geschädigt. Laut Informationen der Süddeutschen Zeitung sei der Verkauf von Mildronat in den 24 Stunden nach der Pressekonferenz der Russin exponentiell in die Höhe gestiegen, was der Hersteller mit einer Preisverdopplung auch gleich ausnützte.

Meldonium: eine „spezifische Substanz“

Interessant ist auch der Strafrahmen, der von der WADA vorgesehen ist. Während Dopingfälle mittlerweile standardmäßig mit einer vierjährigen Sperre sanktioniert werden, kann bei der Gruppe der „spezifischen Substanzen“, zu der auch Meldonium gehört, auch eine zweijährige Sperre ausgesprochen werden. Je nach Sach- und Beweislage ist hier also ein Spielraum vorgesehen. Außerdem ist eine sofortige provisorische Suspendierung im Falle einer A-Probe nicht zwingend und der Fachverband ist nicht verpflichtet, einen Dopingfall mit Meldonium öffentlich zu kommunizieren.