Wenn Laufen zur Sucht wird

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Der begeisterte Freizeitläufer, der die sportliche Aktivität als Ausgleich zum stressigen Alltag schätzt, die Vorteile für Wohlbefinden und Gesundheit genüsslich auskostet und sich gleichzeitig an sportlichen Fortschritten der regelmäßigen Aktivität erfreut, kann es sich kaum vorstellen. Aber tatsächlich kann Laufsport auch ungesund werden. Nämlich dann, wenn man es mit dem Laufen übertreibt.

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Laufsport als Sucht

Es ist gar nicht selten, dass bei ambitionierten und verbissen ehrgeizigen Sportlern die Faszination am Laufsport in eine gefährliche Sucht umschlägt. Wenn eine Laufrunde plötzlich nicht mehr ein genüssliches Erlebnis darstellt, sondern die regelmäßige Sportpraktik der zentrale Lebensinhalt wird. Wenn Freizeit nicht mehr als freie Zeit angesehen werden kann. Wenn eine erfreuliche Leistung nicht mehr als persönlicher Erfolg gewertet wird, sondern der Ehrgeiz krankhaft nach mehr strebt. Wenn sich die Spirale „immer schneller und immer weiter“ unaufhörlich weiterdreht und regenerative Körpersignale bewusst ignoriert werden. Wenn ein innerer Zwang den Körper täglich zur totalen Erschöpfung führt, um das angeschlagene Selbstwertgefühl zufrieden zu stellen. Dann kann selbst eine Aktivität, die als äußerst gesund bewertet wird, ungesund werden und ein ähnliches Abhängigkeitsverhältnis wie bei Suchtmitteln entstehen, welches meistens von weiteren ungesunden Entwicklungen wie z.B. einer Essstörung begleitet wird.

Die Grenze zwischen ungesund und gesund

Laufen verhält sich wie so viele Dinge im alltäglichen Leben. Ein vernünftiges Maß ist eine absolute Bereicherung des Lebens, ein übertriebenes Maß schädigend. Die Grenze zwischen gesunder und ungesunder Sportausübung ist eine schwer definierbare. Solange die tägliche Laufrunde wirkliches Vergnügen bietet, solange man realistischen Zielen konsequent nachjagt und dabei jederzeit auch kontrolliert eine Trainingspause einlegen kann und solange es zum Laufsport ein ausbalanciertes Alltagsleben mit ebenso wichtigen Interessen gibt, befindet man sich auf jeden Fall noch auf der richtigen Seite. Eine besonders wichtige Rolle spielt ein gesundes, soziales Umfeld.

Laufen bis zum Umfallen

Übertritt man die Grenze, stellen sich ähnliche Merkmale wie bei drogensüchtigen Menschen ein. Fehlende Ruhe bis zur Schlaflosigkeit, schlechte Laune bis hin zu Depressionen und Aggressivität, die nur noch durch noch mehr Laufen zu stillen ist, in eine soziale Isoliertheit führt, bis sogar Ehen zu Bruch gehen, und in Entzugserscheinungen gipfelt. Zwar war die Sportabhängigkeit bis vor kurzem ein absolutes Tabuthema, doch die Sportwissenschaft kennt dieses Problem. In einer 2013 von zwei deutschen Universitäten durchgeführten Studie ermittelten die Forscher, dass 4,5% der untersuchten Sportler Sportsucht-gefährdet sind. Besonders gefährdet sind junge Sportler in Ausdauersportarten und Teilnehmer an florierenden Ultra-Bewerben. Gesprochen wird darüber wenig, wodurch es wahrscheinlich erscheint, dass zahlreiche Leistungssportler in einer Abhängigkeit zu ihrer Sportart stehen. Bei einer Abhängigkeit ist eine therapeutische Behandlung der Sucht allerdings unausweichlich.