Spannung vor US-Trials in Los Angeles

© Houston Marathon

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Vor vier Jahren fanden die US-Trials im Rahmen des Houston Marathon statt. Hier die Spitze der Damen um Shalane Flanagan und Desiree Linden (damals noch unter ihrem Mädchennamen Davila), die auch heuer zu den Favoritinnen zählen. © Houston Marathon
Eins zwei oder drei – oder alles ist vorbei! Rechenspiele bei den nationalen Vorausscheidungen für Großereignisse, in den USA bekannt und beliebt als Trials, sind die einfachsten im manchmal komplizierten Spitzensport. Wer in Rio de Janeiro den Olympischen Marathon laufen möchte, muss bei den Trials im Rahmen des Los Angeles Marathon am Samstag auf einen der ersten drei Plätze ins Ziel kommen. Eine spannende wie auch brisante Aufgabe: Denn am Tag X muss wie gewohnt alles passen und der Tag X ist für alle amerikanischen Marathonläufer nicht nur der Wettkampftag unter Olympischen Ringen, sondern auch jener bei den Vorausscheidungen. Denn eine Gefahr droht: Jeder hat nur einen Pfeil im Köcher – und wenn dieser ein Querschläger ist, gibt es keine zweite Chance mehr.

Marathon-Höhepunkt bei Hitze

Der Los Angeles Marathon hat sich für die US-Trials ordentlich herausgeputzt, schließlich wertet die Präsenz der besten US-amerikanischen Marathonläuferinnen und Marathonläufer die Veranstaltung in der zweitgrößten Metropole der USA erheblich auf. 211 Herren und 244 Damen haben die vom US-amerikanischen Leichtathletikverband USATF geforderte Qualifikation für die nationalen Vorausscheidungen in Marathon- oder Halbmarathonläufen erbracht – die meisten übrigens in den US-Bundestaaten Texas, Minnesota und Kalifornien. 168 Herren und 202 Damen werden die Startmöglichkeit in Los Angeles nützen. Und ein Sieg bei den Trials ist nicht nur aufgrund einer Olympia-Teilnahme lukrativ, sondern auch die Preisgelder beim Los Angeles Marathon wurden dem Anlass entsprechend ordentlich angepasst.
Ein mitentscheidender Faktor am Samstag werden die erwartet hohen Temperaturen, die höchsten bei Trials seit den Vorausscheidungen zu den Olympischen Spielen von Sydney 2000. Doch nicht nur deshalb ist bereits jetzt klar, dass die Fights um die ersten Drei Plätze hochspannende werden. Denn fähige Bewerber sind sowohl bei den Herren als auch bei den Damen am Start.

Oldie but Goldie

Würden die US-amerikanischen Olympia-Teilnehmer im Marathonlauf der Herren via einer Abstimmung bestimmt werden, wäre er mit Sicherheit dabei: Meb Keflezighi ist mehr als nur ein Spitzenläufer, er ist ein Vorbild für Millionen amerikanischer Laufbegeisterte. Und als Gewinner der Olympischen Silbermedaille im Jahre 2004 sowie als Sieger der großen Marathons in New York und Boston auch der erfolgreichste der letzten Jahre. Das Ziel des mittlerweile 40-Jährigen: Trotz seines fortgeschrittenen Alters zum dritten Mal zu den Olympischen Spielen zu reisen. „Irgendwie müssen wir zusehen, eine neue Marathon-Generation zu finden“, ist sich Keflezighi bewusst. Zuvor will der Oldie aber selbst noch auftrumpfen, seine gute Leistung beim New York City Marathon untermalt, dass die Leistungsfähigkeit noch vorhanden ist. Auch wenn er aufgrund seines Alters nicht mehr so frisch ist wie viele seiner Konkurrenten. Gerade als Ältester im Feld kann es ein entscheidender Nachteil für ihn sein, dass er im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten im Herbst 2015 einen Marathon gelaufen ist. Dagegen ist seine Erfahrung ein Trumpf mit unschätzbarem Wert.
Ebenfalls im Herbst aktiv war Luke Puskedra, der mit einem schnellen Marathon in Chicago aufhorchen ließ und mit der schnellsten Qualifikationszeit ins Rennen geht. Dass er zurecht in einer der Favoritenrolle steckt, bewies der schlaksige Läufer aus dem Nordwesten der USA mit einem guten Halbmarathon in Houston vor vier Wochen.

Marathon-Debüt von Rupp

Der vielleicht interessanteste Starter im Feld ist Galen Rupp, Olympia-Silbermedaillengewinner im 10.000m Lauf von London 2012. Nach einem mehr als gelungenen Halbmarathon im Vorfeld riskiert der Schützling von Alberto Salazar überraschend bei den Trials sein Marathon-Debüt. Zahlreiche Experten trauen dem 29-Jährigen nicht nur eine erfolgreiche Premiere zu, sondern schieben ihn aufgrund seiner Vorleistungen auf den Unterdistanzen in die Favoritenrolle. Rupp hat einen Vorteil auf seiner Seite: Er kann einigermaßen befreit auflaufen, sofern dies in diesem Umfeld überhaupt möglich ist. Denn sollte es mit der Marathon-Qualifikation nicht reichen, bliebt ihm noch die Chance, sich im 10.000m-Lauf und dem 5.000m-Lauf für Rio zu qualifizieren. Außerdem will Rupp überraschenderweise gut einen Monat nach den Marathon-Trials auch an den in seiner Heimat Portland ausgetragenen Hallen-Weltmeisterschaften teilnehmen. Sein Bewerb dort ist übrigens 14x kürzer als ein Marathon…
Gute Chancen auf eine Olympia-Qualifikation hat auch der erfahrene Dathan Ritzenhein, in Peking 2008 Neunter. Er kennt die Schattenseiten der Trials, vor vier Jahren scheiterte er, hat seither aber drei Top-Ten-Platzierungen bei World Marathon Majors in den USA aufzuweisen. Zu beachten sind auch Diego Estrada und der in Kenia geborene Sam Chelanga, die beide über großartige Halbmarathon-Zeiten verfügen, aber wie Rupp noch keinen Marathon gelaufen sind. Außenseiterchancen rechnen sich der US-Meister des Vorjahres, James Ward, Bobby Curtis und Elkanah Kibet, ein weiterer Amerikaner mit kenianischen Wurzeln, aus. Nach dem kürzlich verkündeten Karriereende von Ryan Hall und die Verletzung von Abdi Abdirahman fehlen zwei Anwärter auf eine Top-Platzierung.

Absage von Kastor

Die letzte Olympische Medaille im Marathon für die USA liegt bei den Damen genauso wie bei den Herren zwölf Jahre zurück. Deena Kastor, mittlerweile auch US-Masters-Rekordhalterin, belegte in Athen den dritten Platz. Im beindruckenden Alter von 43 Jahren – sie feiert ausgerechnet am Tag des Los Angeles Marathon ihren Geburtstag – wollte sie eine letzte Attacke Richtung Olympische Spiele lancieren. Doch nun fällt dieser Plan ins Wasser nach ihrer Absage ins Wasser.

Zwei Favoritinnen

Das Feld der Damen wird angeführt von Shalane Flanagan, der schnellste US-amerikanischen Marathonläuferin der letzten Jahre. Die 34-Jährige und die zwei Jahre jüngere Desiree Linden sind laut Qualifikationszeiten die haushohen Favoritinnen auf das Erreichen der vordersten Plätze, weswegen beide bereits angekündigt haben, bei Bedarf im Rennen zu koalieren. Vor vier Jahren belegte Flanagan den zehnten Platz im Olympischen Rennen, ihr herausragendes Olympisches Erlebnis war jedoch der Gewinn der Bronzemedaille im 10.000m-Lauf in Peking. Auch Linden war in London dabei, musste das Rennen allerdings beenden.
Läuft das Rennen normal ab und bringen Flanagan und Linden ihre Leistung, ist eine Olympia-Qualifikation wahrscheinlich. Dann dürfte es allerdings einen hochspannenden Kampf um Rang drei geben, denn es gibt zahlreiche Bewerberinnen, die sich berechtigte Hoffnungen auf ein Olympia-Ticket machen: Oldie Kara Goucher, die vier Jahre nach Rang elf in London im Alter von 37 Jahren einen letzten Versuch einer Olympia-Teilnahme wagt, Amy Cragg (ehemals Hastings), die vor vier Jahren als Vierte bei den Trials knapp scheiterte, Sarah Hall, Serena Burla, die den Krebs besiegt hat, die in Norwegen lebende und voll im Berufsleben stehende Annie Bersagel, Kellyn Taylor und die beiden in Äthiopien geborenen Misiker Demissie und Belainesh Gebre. Interessant ist auch das angekündigte Marathon-Debüt von Molly Huddle, Unglücksrabe der letzten Weltmeisterschaften in Peking, als sie durch einen verfrühten Jubel eine Medaille im 10.000m-Lauf verschenkte.

Los Angeles Marathon am Tag danach

Während die US-Trials der Damen und Herren am Samstag auf dem Programm stehen, folgt am Tag danach der Los Angeles Marathon auf der traditionellen Strecke vom Dodger Stadium zum Santa Monica Pier. Der Veranstalter bietet seinen Teilnehmern passend zum Valentinstag die Möglichkeit, an der Strecke zu heiraten.
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