Neue Einblicke in den IAAF-Korruptionsskandal

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Zwei Tage vor der Veröffentlichung des zweiten Teils des WADA-Berichts über das systematische Doping in der russischen Leichtathletik hat die US-amerikanische Nachrichtenagentur empfindliche Anschuldigungen an den Leichtathletik-Weltverband IAAF veröffentlicht und damit den Druck auf ihn erhöht. Unter Berufung auf interne Dokumente der IAAF behauptet Associated Press, IAAF-Funktionäre hätten bereits 2009 von massivem Doping in Russland gewusst und sich mit dem russischen Leichtathletikverband auf eine systematische Zusammenarbeit auf Basis der Korruption geeinigt, um das Ausmaß des Dopings vor den Olympischen Spielen 2012 in London und den Weltmeisterschaften 2013 in Russlands Hauptstadt Moskau zu vertuschen.

„Kompensations-Sperren“

Associated Press veröffentlichte Dokumente, die die IAAF beschuldigt, 2011 einen abscheulichen Deal mit dem russischen Verband eingegangen zu sein, nachdem übermäßig viele russische Athleten Unregelmäßigkeiten in ihren biologischen Pässen aufwiesen. So wurden alle russischen Athleten, die international nicht die erste Geige spielten, privat sanktioniert und erhielten bei einem Einverständnis zu diesem Kompromiss eine reduzierte, interne Sperre. Der Leichtathletik-Weltverband versprach, diese Sanktionen nicht öffentlich zu verbreiten. Der ehemalige IAAF-Präsident Lamine Diack soll ebenso wie der ehemalige Anti-Doping-Direktor Gabriel Dollé, mittlerweile lächerlicherweise gerade einmal für fünf Jahre gesperrt, und Habib Cissé, Diacks Anwalt, in die direkte Kommunikation via e-mail mit dem Zusatz „streng geheim“ involviert gewesen sein.

IAAF dementiert

Die Meldung der US-amerikanischen Nachrichtenagentur trifft die IAAF damit exakt einen Tag, nachdem sie selbst einen Abschlussbericht interner Untersuchungen veröffentlicht hat, in dem sie systematische Korruption verneinte und Fehler aus der Vergangenheit auf einzelnen Schultern ablud. In einer raschen und hastigen Reaktion sah sich der Weltverband genötigt, auch auf die Anschuldigungen von AP zu reagieren und wiederholte sich. „Jeglichen Verdächtigungen in biologischen Pässen von Athleten wurden mit höchster Aufmerksamkeit und im Rahmen der IAAF-Regeln und des WADA-Codes nachgegangen. Alle bestätigten Dopingfälle wurden öffentlich sanktioniert. Es gab keine Vertuschungen“, sagte ein Sprecher der IAAF und erklärte weiters: „2011 gab es einen enormen Zustrom an Verdächtigungen durch den biologischen Pass. Jeder Fall benötigt durchschnittlich eine Zeitspanne von acht bis 18 Monaten, bis es zu einer Sanktion kommen kann. Die IAAF hat diese Fälle je nach Priorität früher oder später abgearbeitet.“ Russland belegte bei den Leichtathletik-Wettkämpfen in London 2012 Rang zwei im Medaillenspiegel, ein Jahr später bei der Heim-WM sogar Rang eins. Seither betrafen zahlreiche Dopingsperren ehemalige russische Star-Athleten besonders im Sektor der Geher und Läufer. Auch die damals tragenden Protagonisten in der russischen Leichtathletik um den ehemaligen Verbandspräsidenten Valentin Balaknichev wurden bereits 2009 informiert, dass es ein massives Dopingproblem im Land gäbe – vermutlich eine Initialzündung zur korrupten Beziehung zwischen der russischen Leichtathletik und dem Weltverband.

Das Ende der Ruhe vor dem Sturm

Die US-amerikanische Tageszeitung „Salt Lake Tribune“, die leser- und reichweitenstärkste Tageszeitung des US-Bundesstaates Utah, veröffentlichte auf ihrer Website eine hoch interessante Timeline, die die Chronologie im Korruptionsskandal zwischen dem russischen Leichtathletikverband ARAF und dem Leichtathletik-Weltverband IAAF höchst anschaulich rekapituliert (folgen Sie diesem Link zur Timeline). Mit den geschilderten Inhalten gibt die US-amerikanische Berichterstattung vermutlich einen Ausblick auf die Präsentation des zweiten Teils des WADA-Berichtes, der für Donnerstag in München angesetzt ist und mit Spannung erwartet wird. Die New York Times erwartet in einem Online-Bericht am Mittwoch weitere Enthüllungen über das systematische Doping in Russland und ein klares Bild der bereits angedeuteten, zahlreichen Dopingfälle von Spitzen-Leichtathleten im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts, bei denen die IAAF beschuldigt wird die durch Nachtests bekannt gewordenen Dopingfälle nicht öffentlich kommuniziert und damit unter den Teppich gekehrt zu haben.
Zahlreiche Experten gehen davon aus, dass die IAAF in diesem vom ehemaligen WADA-Präsident Richard Pound vorgetragenen, zweiten Teil der Ermittlungsergebnisse der von ihm angeführten WADA-Kommission ordentlich unter Beschuss geraten wird. Doch die Ruhe vor dem zu erwarteten Sturm ist bereits zwei Tage zuvor von der US-amerikanischen Nachrichtenagentur AP zumindest beendet wurden, die Pressekonferenz am Donnerstag wird zeigen, ob den ersten Sturmböen ein gewaltiger Tornado folgt.