Ex-IAAF-Pressechef Davies stolpert über Mail

© IAAF

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Brainstorming – so lautet die schwerlich glaubwürdige Erklärung von Nick Davies, mittlerweile der IAAF-Pressechef, der sein Amt ruhen lässt. Er habe Ideen ausgetauscht, um ernsthafte Gefahren von den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau abzuwenden. Die ominöse Mail, die sowohl von der französischen Tageszeitung Le Monde als auch von der britischen TV-Anstalt BBC veröffentlicht wurde, ging am 19. Juli 2013, drei Wochen vor den Titelkämpfen, an Papa Massata Diack. Diack junior, dessen Agentur früher für die IAAF arbeitete und der mittlerweile konkret verdächtigt wird, Schmiergeld aus Russland (und wer weiß, auch weiteren Verbänden) eingetrieben zu haben, ist der Sohn des ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack, der so viel Dreck am Stecken zu haben scheint, dass er aktuell Frankreich nicht verlassen darf und mit großen Sorgen weitere Ermittlungen der französischen Behörden abwarten muss. Diack junior trotzt den massiven Anschuldigungen der Korruption zurückgezogen in seiner Heimat Senegal laut eigenen Angaben ruhig und plädiert nach wie vor auf unschuldig.

Den Erfolg der WM 2013 wahren

Thematisch ging es in der Mail um positive Dopingproben einer Reihe von russischen Leichtathleten, die die IAAF vor der WM 2013 in der russischen Hauptstadt verkünden hätte müssen. Davies skizzierte in der Mail mehrere Möglichkeiten zum Kaschieren dieser Dopingfälle und schlug unter anderem vor, abzuwarten, und die Namen später zu verkünden, um den Schaden zu minimieren. Dabei wollte er Sebastian Coe, Vorstandsvorsitzender der Agentur CSM, zu dessen Expertenmeinung befragen, da es auch in dessen persönlichen Interesse gewesen wäre, die WM in Moskau 2013 zu einem Erfolg zu machen. Russland gewann den Medaillenspiegel der Heim-WM, in den folgenden vier Monaten wurden 16 russische Athleten wegen Dopings gesperrt. Davies selbst trat am Dienstag von seinem Amt vorübergehend zurück und will das Urteil des hauseigenen Ethik-Komitees abwarten.

Davies hält Coe den Rücken frei

„Sebastian wird nicht über E-Mails sprechen, von denen er keine Kenntnis hat“, ließ IAAF-Präsident Sebastian Coe über eine Sprecherin ausrichten. Laut den Informationen der Süddeutschen Zeitung haben die Anwälte des Briten pauschale Drohbriefe an für kritische Berichte bekannte Journalisten verschickt – ein äußerst unmoralisches Vorgehen, sofern diese Anschuldigungen stimmen. Warum Davies in seiner Mail Coe rezitierte, darüber machten weder er noch Coe Angaben. Allerdings hielt Davies seinem Landsmann den Rücken frei, indem er sagte: „Ich habe diese in der Mail skizzierten Ideen nie mit CSM oder Sebastian diskutiert und es hat nie ein Abkommen zwischen der IAAF und CSM bezüglich irgend einer PR-Strategie gegeben.“ Seit dem Amtswechsel an der Spitze der IAAF arbeitete Davies als Büroleiter Coes.

Coe unter Beschuss

Sebastian Coe muss sich ohnehin warm anziehen und ein weiteres Mal in seiner noch sehr jungen Amtszeit eine klare und durchdachte Verteidigungsstrategie aufbauen. Die Unterstützer Coes werden immer weniger, der öffentliche Beschuss auf ihn hat durch die Geschichte um Davies eine erneute Welle erlangt. Vor allem deutsche Medien scheinen den Gnadenschuss bereits vorzubereiten, auch die Medien aus Coes Heimat, wo der IAAF-Präsident als Sport-Held ein hohes Standing hat, gehen seit seiner Amtsübernahme sehr kritisch mit der aktuellen Situation in der internationalen Leichtathletik um.
Dabei muss der bedauernswerte Brite die abartigen und verhängnisvollen Fehler aus der Vergangenheit als Hauptverantwortlicher des Weltverbandes ausbaden, als er selbst noch nicht im Präsidentenamt weilte, aber dennoch ein hochrangiges Amt in diesem korrupten Konstrukt einnahm. Und genau dieser Spagat ist die hohe Hürde für Coe, denn es ist unwahrscheinlich, dass der Brite über Jahre keine Ahnung über die Vorgänge an der Spitze des Weltverbandes hatte – unabhängig einer passiven oder aktiven Rolle. Doch das versprochene Bemühen, der Sportart seine Glaubwürdigkeit zurückzubringen, sieht man daran, was rund um den Leichtathletik-Weltverband und der korrupten Beziehungen zum russischen Leichtathletikverband in den letzten Monaten ans Tageslicht gekommen ist. Eine Art aktive, aber doch indirekte Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit ist im Gang. Auch wenn dieser nicht die Dimensionen, die Geschwindigkeit oder die Intensität erlangt, wie viele erwartet haben, ein solcher Prozess wäre unter Coes Vorgänger Diack und der alten IAAF-Spitze undenkbar gewesen.