Fünf Höhepunkte der Bahnsaison der Damen

Mit ihrem Weltrekordlauf im Stade Louis II von Monaco hat Genzebe Dibaba für den Jahres-Höhepunkt der Stadionleichtathletik gesorgt, was den Laufbereich angeht. Folgerichtig wurde die 24-jährige Äthiopierin vom Leichtathletik-Weltverband IAAF zur Leichtathletin des Jahres 2015 gekürt. Doch die jüngere Schwester von Tirunesh Dibaba war nicht die einzige Läuferin, die 2015 außergewöhnliche Leistungen vollbrachte. Fünf außergewöhnliche Momente von fünf außergewöhnlichen Protagonistinnen, die in keiner Leichtathletik-Saisonrückschau fehlen dürfen:
 

© Getty Images for IAAF
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Die Läuferin des Jahres: Genzebe Dibaba (ETH)
Als die offizielle Zeitmessung beim Diamond League Meeting in Monaco die Siegerzeit im 1.500m-Lauf der Damen stoppte, wurde Leichtathletik-Geschichte geschrieben. Die Sensation drückte sich in folgenden Zahlen aus: 3:50,07 Minuten. Exakt so lange hatte Genzebe Dibaba in einem beispiellosen Rennen für diese Distanz gebraucht und damit einen Uralt-Weltrekord aus der Ära des umstrittenen chinesischen Coaches Ma Junren ausgelöscht, der – wie Jahre später bekannt wurde – mit Hilfe von hartem, unkonventionellen Training, aber auch unter Einsatz verbotener Substanzen die beste Läufer-Nationalmannschaft der Welt zu überirdischen Leistungen angestachelt hat. Knapp 22 Jahre hat der Weltrekord von Qu Yunxia überdauert, viele hatten sogar an eine ewige Bestleistung gedacht. Und tatsächlich – vor der Saison hatte nichts auf ein derartiges Niveau über die „metrische“ Meile hingewiesen. Das Absurde an diesem beinahe unwirklichen Weltrekord: Genzebe Dibaba brauchte gerade einmal zwei auf sie zugeschnittene Läufe über diese Distanz, um einmal einen Afrika- und einmal einen Weltrekord zu markieren. Dass die Äthiopierin über ein außergewöhnliches Lauftalent verfügt, ist nicht nur dank ihrer engen Verwandtschaft zur mehrmaligen Weltmeisterin und Olympiasiegerin Tirunesh bekannt, sondern auch dank mehrerer Hallen-Weltrekordläufe in Vergangenheit. Vor der Saison wechselte Genzebe Dibaba unter die Fittiche des nicht unumstrittenen Trainers Jama Aden und schaffte es erstmals, die überragenden Leistungen unter dem Hallendach in überragende Leistungen unter freiem Himmel zu verwandeln.
Dass sie in Peking Weltmeisterin wurde, ist angesichts dieser erstaunlichen Dominanz nur die Antwort auf eine rhetorische Frage. Beim nächsten Rennen über 5.000m, bei der die richtige Mischung an starker Pacemakerinnenleistung und starker Konkurrenz an der Startlinie steht, muss ihrer Schwester Tirunesh Angst und Bange um ihren Weltrekord werden.

Die Leistung des Jahres: Almaz Ayana (ETH)

© Getty Images for IAAF
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Nach den Weltmeisterschaften von Peking wurde ihr Auftritt als außergewöhnlichste Leistung der Titelkämpfe im Reich der Mitte ausgezeichnet. Völlig zurecht. Denn wie Almaz Ayana im Vogelnest von Peking zur Goldmedaille über 5.000m eilte, war besonders aus mentaler Sicht ein bemerkenswerter Erfolg. Noch in Paris wurde sie von Genzebe Dibaba förmlich abgezogen, dazu kam ihre Erzrivalin mit dem Rückenwind eines Weltrekords und eines WM-Titels ins Finale über die 12,5 Stadionrunden. Doch die 24-jährige Ayana konterte auf ihre Art und Weise und traf ihre Konkurrentin an einem wunden Punkt. Dibaba hatte in den Tagen von Peking nämlich ein anstrengendes Programm abgespult, alsodrückte Ayana von Beginn an aufs Tempo und zog Dibaba damit bereits in der Anfangsphase des Finallaufes den Zahn. Wie ein Schweizer Uhrwerk spulte die Weltmeisterin eine Runde nach der anderen ab und markierte in einer Zeit von 14:26,83 Minuten quasi im kompletten Alleingang einen neuen Meisterschaftsrekord und die 18.-schnellste Zeit der Geschichte. Doch was für sie im Duell mit der nicht geliebten Rivalin noch viel wichtiger war: Sie hatte nicht nur die Goldmedaille gewonnen, sondern satte 18 Sekunden zwischen sich und Dibaba gelegt!
 
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Die Überraschung des Jahres: Eunice Sum (KEN)
Wenn Sport berechnend wäre, hätte Eunice Sum die Goldmedaille im 800m-Lauf gewonnen. Doch manchmal ist Sport unberechenbar. Das, was sich in den Tagen von Peking abspielte, hätte die 27-Jährige wohl nicht geahnt. Mit fünf Siegen bei ebenso vielen Auftritten in der Diamond League reiste die Kenianerin nach Peking – fast mit dem Gefühl des Status der Unbesiegbaren. Dazu verletzte sich die vermeintlich größte Konkurrentin Ajee Wilson vor der WM, Sum war in Topform. Eigentlich konnte nichts schief gehen, denn auch mental war die Kenianerin gut vorbereitet. Nur eines hatte sie nicht auf der Rechnung: Dass gleich mehrere Konkurrentinnen in den Tagen von Peking Leistungssprünge von mehreren Sekunden aus dem Hut zauberten. In ihrer Überraschung versuchte sich Sum im Finale gegen die nach dem Halbfinale sich androhende Niederlage zu stemmen, doch Marina Arzamasova und Melissa Bishop überrumpelten sie im Kampf um die Medaillen. Und so ist Eunice Sum die dominierende 800m-Läuferin des Jahres, die alle Rennen bis auf eines mit einer sehenswerten Dominanz gewinnen konnte, die aber just beim Saisonhöhepunkt nur die Bronzemedaille umgehängt bekam – und das, obwohl ihre Leistung absolut stimmte. Und damit auf eine eigenartige Weise für die Überraschung des Jahres sorgte.

Das Hoppala des Jahres: Molly Huddle (USA)

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Millionen von Menschen gehen regelmäßig auf die Laufstrecke und aktiv ihrem Lieblingssport nach. Ein großer Teil jagt dabei nach Bestzeiten und Erfolgen, was sich zumeist auf die persönliche Ebene beschränkt. Nur ein erlesenen Kreis an Läuferinnen weltweit kommt in den Genuss, auf der internationalen Wettkampfbühne um Spitzenplätze zu kämpfen, unter anderem bei Weltmeisterschaften um Medaillen. Besonders außerhalb Ostafrikas ist eine WM-Medaille im Laufsport ein kostbares Gut. Selbst einigen der besten Läuferinnen bietet sich in langen Karrieren nur einmal die Chance, zuzugreifen. Wer es schafft, darf berechtigt über den größten Erfolg seiner Karriere jubeln. Ein Ereignis, das man irgendwann seinen Enkeln erzählen wird.
Eine dramatische Erzählung wird auch die US-Amerikanerin Molly Huddle ihren Enkeln vortragen können. Da ihre Karriere noch nicht beendet ist, ist der Ausgang noch offen – zwischen Happy-End und herzzerreißender Mitleidsschiene ist alles noch möglich. Es war definitiv der peinlichste Moment des Jahres: Molly Huddle läuft in Peking das Rennen ihres Lebens und liegt auf einem sicheren dritten Rang, als sie bereits vor der Ziellinie beginnt zu jubeln, die Anspannung im Körper sich löst, die Bewegung verlangsamt. Es sind nur Bruchteile von Sekunden und da huscht eine Landsfrau innen durch. Der Schock: Molly Huddle hat die Medaille verschenkt. An Emily Infeld, die wie die Jungfrau zum Kind zu Bronze stürmte. 70.000 Zuschauer im Stadion, Millionen von Menschen weltweit haben bei diesem Moment erstaunt zugeschaut. Beide konnten es nicht nur im ersten Moment nicht fassen, was in diesen Augenblicken im Vogelnest passiert war. Beide werden diesen Augenblick ihren Enkeln schildern, nur in der Emotion des Gesichtsausdruckes wird ein großer Unterschied liegen.
 
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Das Comeback des Jahres: Yuliya Stepanova (RUS)
Sie ist die einzige Läuferin, deren Aufnahme in diese Liste sich nicht in herausragenden sportlichen Leistungen ergründet. Dennoch ist Yuliya Stepanova eine der Läuferinnen des Jahres. Unter waghalsigem Einsatz und ständig begleitet von der Angst, erwischt zu werden, sammelte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Vitaly Stepanov über Jahre hinweg stichhaltige Beweise und erzählte dann mittels der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ der ganzen Welt, welch abartiges und systematisches Doping sich durch die russische Leichtathletik – und vermutlich durch den gesamten russischen Sport – zieht. Yuliya Stepanova hat ihr Vaterland verraten und dem Weltsport einen Dienst von unschätzbaren Wert erwiesen. Alle Erkenntnisse und Ermittlungserfolge innerhalb und auch außerhalb des russischen Dopingskandals werden über lange Zeit auf der furchtlosen und beispiellosen Vorgehensweise der Stepanovs basieren.
Unter ihrem Mädchennamen Yuliya Rusanova war sie eine erfolgreiche Läuferin, vollgepumpt mit unerlaubten und leistungssteigernden Mitteln. Sie wurde erwischt, gesperrt, lernte ihren heutigen Ehemann Vitaly Stepanov, ein ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti Doping Agentur RUSADA kennen. Beide hatten das Bedürfnis, der Welt die Wahrheit über das russische Sportsystem aufzubereiten und ein Rädchen griff ins andere. Ein emotionaler Höhepunkt, nachdem die Stepanovs Russland fluchtartig verlassen hatten und in Westeuropa untergetaucht sind: Bei einigen Rennen in Deutschland und Holland kehrte die mittlerweile 29-jährige Mutter auf die Laufbahn zurück. Als neue, saubere Athletin, die mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen hat, lief sie gnadenlos hinterher, verdiente sich dennoch den lautesten Applaus.