Sechs bewundernswerte Laufgeschichten 2015

Neben fantastischen Leistungen, glorreichen Triumphen und bitteren Enttäuschungen lieferte das Laufjahr 2015 auch zahlreiche emotionale Geschichten, die sich große Bewunderung verdienen. Im Rahmen jeder Laufveranstaltungen spielen sich hunderte spannende persönliche Geschichten ab, die hervorhebenswert sind, es aber meistens nicht auf die Bühne der Öffentlichkeit schaffen, sondern ein emotionales, unvergessliches und individuelles Marathon-Erlebnis bleiben. Jede Läuferin und jeder Läufer, der/die im Jahr 2015 einen Marathon absolviert hat, kann bestimmt eine interessante Geschichte über dieses Erlebnis erzählen. Stellvertretend für die hunderttausenden Läufergeschichten erzählt dieser Artikel sechs erstaunliche Läufergeschichten, die gleichermaßen berührend wie vorbildlich sind, dass sie einen Eintrag in die besonderen Momente des Laufjahres 2015 verdienen.
Halbmarathon mit Prader-Willi-Syndrom
Das Schicksal hat Adam Lebeck aus Hastings im US-Bundesstaat Minnesota eine große Herausforderung mit auf seinen Lebensweg gegeben. Der 25-Jährige leidet seit Geburt an am Prader-Willi-Syndrom, eine Behinderung, die durch ein beschädigtes Chromosom verursacht wird. Neben einer ausgesprochenen Muskelhypotonie ist eines der Symptome der Behinderung ein unersättlicher Appetit. Adam Lebeck hat immer Hunger, auch nach großen Mahlzeiten. Dennoch ist Lebeck nicht wie die meisten Menschen, die am Prader-Willi-Syndrom leiden, massiv übergewichtig – nicht mehr, denn vor sechs Jahren brachte er noch über 170 Kilogramm auf die Waage. Dank spezieller Übungen, gepaart mit grenzenloser Disziplin und viel körperlicher Aktivität, nahm der Amerikaner stetig ab und verlor einen beträchtlichen Teil seines Gewichtes. Einen Meilenstein in seinem Leben stellte der Halbmarathon in St. Paul dar, den er in einer Zeit von 2:53 Stunden beendete. Für Lebeck das stellvertretende Erlebnis, die Kontrolle über sein Leben zurückgewonnen zu haben.
Botschaft für die Armut in der Heimat
Wenn Mira Rai die Laufschuhe schnürt und an Ultraläufen teilnimmt, um zu gewinnen, läuft ein Auftrag immer in ihrem Kopf mit. „Ich möchte Frauen und Mädchen in meiner Heimat zeigen, dass wir eine Chance haben, aus unserem Leben etwas zu machen. Es hat bereits einen Fortschritt gegeben, aber das ist noch nicht genug. Wir müssen unsere Einstellung ändern, auch wenn es nicht einfach ist“, erklärt die 25-Jährige. Mira Rai stammt aus einer der ärmsten Regionen der Welt in Nepal. Die schweren Erdbeben des vergangenen Frühlings haben das Elend der Bevölkerung in ihrem Heimatdorf dramatisch verschlimmert. Dazu kommt die politische Situation, mit der ein Großteil der Bevölkerung unzufrieden ist. Ende der 90er Jahren kämpfte die damals 14-Jährige jahrelang als Soldatin auf Seiten der Guerilla-Krieger – als eine von zehntausenden Minderjährigen. Eine Zeit, die das Mädchen prägte, und die den Kampfeswillen in ihr entfachte. Sie studierte und powerte sich bei täglichen Laufrunden aus. 2014 meldete sie sich für einen 50km langen Berglauf in ihrer Heimat auf 2.600m Seehöhe an – als einzige weibliche Teilnehmerin. „Ich war noch nie so eine Distanz gelaufen. Ich hatte keine Ahnung, weder Essen noch Trinken dabei. Aber ich wusste, ich konnte es schaffen. Ich musste es einfach schaffen!“, erzählt sie in einem Bericht der britischen Tageszeitung „The Guardian“. Seither nahm Rai an zahlreichen Ultraläufen auch außerhalb der nepalesischen Landesgrenzen teil und kam sogar nach Europa. Mit dem Preisgeld, ein Vielfaches eines durchschnittlichen Monatseinkommens der Bevölkerung in ihrer Heimatregion, sicherte sie ihrer Familie und ihren Verwandten tägliche Mahlzeiten und ermöglichte den Schulbesuch der Kinder. „Es ist einfach. Ich liebe es, zu laufen. Deshalb mache ich es“, sagt sie.
Marathon auf Prothesen

© Marseilles
© Marseilles
6 Stunden, 27 Minuten und eine Sekunde nach dem Start zum Chicago Marathon überquerte die US-Amerikanerin Jami Marseilles die Ziellinie und hatte eine einzigartige Leistung geschafft. Als erste Frau überhaupt absolvierte sie einen Marathon mit zwei Prothesen. Im Jahr 1987 geriet die damals 19-jährige Studentin gemeinsam mit ihrer Freundin in einen Schneesturm, rutschten von der Straße und blieben im Schnee stecken, nachdem sich die beiden verfahren hatten. Vier Tage lang dauerte der Schneesturm an, ganze elf Tage später wurden die beiden im Auto gefangenen jungen Frauen gefunden. Ohne Nahrung und mit nur wenigen Getränken hatten sie durchgehalten und ihr Überleben gesichert. Allerdings waren Marseilles Beine abgefroren, so dass eine Amputation unumgänglich war. Inspiriert von den Paralympics in Atlanta 1996 begann Marseilles ihre therapeutischen Kräftigungsübungen auszudehnen und begann, aktiv Sport zu treiben. Als Behindertensportlerin nahm sie an internationalen Wettkämpfen teil und lief 2001 ihren ersten Halbmarathon. Der Chicago Marathon 2015 stellt einen weiteren Höhepunkt in ihrem Leben dar.
Sieg über den unbesiegbaren Krebs
Einen großen Sieg feierte die Britin Rebecca Griffiths beim Great Eastern Run Half Marathon. Im Sommer 2014 wurde ihr eine schreckliche Diagnose ausgestellt – ein inoperabler Leber- und Darmkrebs. Die Ärzte gaben der 33-Jährigen nur noch drei Monate zu leben. Sie irrten sich, die Chemotherapie schlug an und die Polizistin und Mutter zweier Burschen erholte sich. Sie rief das „Team Bex“ ins Leben und animierte über 300 Freundinnen, Krankenschwestern und Bekannte, regelmäßig mit ihr zu laufen und dabei Spenden für Krebspatienten zu generieren. Der Halbmarathon in Petersborough wurde zum vollen Erfolg. „Team Bex“ generierte 27.000 britische Pfund an Spendengelder, Griffits überquerte die Ziellinie nach 3:02:31 Stunden mit strahlendem Gesicht. „Das war brillant. Es war ein Meer in pink“, freute sich die Britin, die aus ihrem Schicksal eine Lehre gezogen hat: „Ich plane nur noch drei Monate voraus, weil es kann sich alles sehr schnell dramatisch ändern.“
© Griffiths
© Griffiths
Mit dem Herzen eines anderen
Karen Hill stammt aus einer Läuferfamilie. Sie selbst kam ebenfalls auf den Geschmack, aber ihr Körper ließ sportliche Betätigung nicht zu. Ihr Herzmuskel vergrößerte sich und konnte somit das Blut nicht mehr effizient in die Arterien pumpen – der Mediziner spricht von einer idiopathischen dilatativen Kardiomypopathie. Die Symptome sind Atembeschwerden und sofortige Erschöpfung bei körperlicher Betätigung. „Das war frustrierend“, erzählt die heute 23-Jährige. Bei einer Routineuntersuchung empfohlen ihr Ärzte, eine Herztransplation, der sich Hill auch unterzog. Vier Monate nach der Operation schaffte sie Erstaunliches: In New York absolvierte die einen 5km-Lauf – mit einem fremden Herzen – und widmete diesen sportlichen Erfolg ihrem Spender, einem 16-jährigen Football-Spieler, der nach einer schweren Kollision mit einem Gegner bei einem Spiel verstorben war. Die Mutter und die Schwester ihres Spenders begleiteten sie dabei, alle drei trugen dabei das Trikot des verunglückten Nachwuchssportlers.
Halbmarathon ohne etwas zu sehen
Wenn Kristijan Ciganovic an der Startlinie eines Rennens steht, gehört ein Verbindungsband zu seiner Ausstattung. Der gebürtige Kroate ist nämlich sehbehindert und auf die Unterstützung eines Begleitläufers angewiesen. Das hinderte den 43-Jährigen allerdings nicht, heuer am Vienna City Marathon teilzunehmen und die Halbmarathon-Distanz zu absolvieren. Der in Wien wohnhafte Ciganovic ist ein Multitalent, spricht neben kroatisch und deutsch noch spanisch und tschechisch fließend und hat Latein studiert. „Meine Frau ist auch blind, aber die meistern Sachen im Alltag bewältigen wir selbstständig. Das macht Spaß. Das Leben muss Spaß machen, denn wenn etwas keinen Spaß macht, dann hat es keinen Sinn“, lautet sein Motto, welches er besonders auch bei der Ausübung des Laufsports zu Herzen nimmt.