Marathon der Damen – der große Jahresrückblick

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„The Big Four“ beim London Marathon, ein fantastisches Marathon-Debüt, welches im Sieg beim Berlin Marathon und der Jahresweltbestleistung gipfelte und eine hochspannende WM-Entscheidung in Peking. Der Marathonlauf der Damen hatte im zur Neige gehenden Jahr 2015 zahlreiche faszinierende Momente – ein Rückblick auf die Höhepunkte.

So knapp war die Entscheidung um Gold und Silber beim WM-Marathon in Peking. © Getty Images for IAAF
So knapp war die Entscheidung um Gold und Silber beim WM-Marathon in Peking. © Getty Images for IAAF
Sprint im Marathon
Marathons im Rahmen von Weltmeisterschaften haben den Ruf, dass die absoluten Topstars ihn auf ihrer Prioritätenliste deutlich unterhalb der finanziell weit lukrativeren, großen internationalen City-Marathons ansiedeln. Und genau so stellte sich auch der WM-Marathon der Damen in Peking dar. Doch diese Ausgangsposition entpuppte sich als Chance und es entwickelte sich der vielleicht spannendste 42,195 Kilometer lange Lauf des Jahres. In der mit außerordentlichen Maßnahmen im Vorfeld der WM vom Smog befreiten chinesischen Hauptstadt genossen die bloß 67 Teilnehmerinnen weit weniger drastische Bedingungen als die Herren eine Woche zuvor. Als die Spitzengruppe das weitläufige Areal vor dem berühmten Vogelnest Stadion erreichte, kämpften noch vier Damen um Edelmetall. Routinier Edna Kiplagat, die ihren Traum vom WM-Hattrick begraben musste, hatte erst wenige Augenblicke davor den Anschluss an die Spitze verloren. Die letzten Minuten dieses als Ausscheidungsrennen geprägten Marathons entschädigten für die lange, eintönige Anlaufphase. Denn nun ging die Post endgültig ab. Die Äthiopierin Mare Dibaba nahm das Zepter in die Hand, attackierte just bei der Passage ins Stadion und sprintete auf der 100 Meter langen Zielgeraden ihrer schärfsten Verfolgerin Helah Kiprop davon. Eine Sprintentscheidung im Marathon, eine absolute Seltenheit. Die ersten vier – Mare Dibaba, Helah Kiprop, Eunice Kirwa (eine für den Bahrain laufende Kenianerin) und Jemima Sumgong aus Kenia – waren am Ende dieser unvergleichlichen Marathon-Schlussphase lediglich um sieben Sekunden voneinander getrennt.
Krönung einer überragenden Saison
Der WM-Titel von Peking war nicht der einzige Grund, warum die kleine Äthiopierin im Rahmen der AIMS-Gala beim Athen Marathon zurecht zur Marathonläuferin des Jahres ausgezeichnet wurde. Mare Dibaba erwischte einen vorzüglichen Start ins neue Marathon-Jahr und markierte bereits am dritten Tag des neuen Jahres beim Xiamen Marathon eine von zwei Zeiten unter 2:20 Stunden – die erste einer nicht des Dopings überführten Athletin seit April 2012. Im Frühjahr folgte Rang zwei beim Marathon-Klassiker in Boston. Dass sich die 26-Jährige im Herbst zurücknahm und sich eine Marathon-Pause gönnte, ist nach dem anstrengenden Programm der Monate davor vernünftig.
Der neue Marathon-Star am Himmel
© SIP / Johannes Langer
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Einzige Konkurrentin Dibabas bei der Wahl zur Marathonläuferin des Jahres war die Kenianerin Gladys Cherono. Die 32-Jährige war die Quereinsteigerin des Jahres. Gleich bei ihrem Marathon-Debüt in Dubai hätte es beinahe zum großen Triumph gereicht. Im Zielsprint musste sie sich einzig der Äthiopierin Aselefech Mergia um eine Sekunde geschlagen geben, erzielte aber eine beeindruckende Zeit von 2:20:03 Stunden. Damit waren vier der fünf schnellsten Zeiten des Marathon-Jahres 2015 bereits bis zum 23. Jänner markiert worden. Die einzige Ausnahme bildete die Weltjahresbestleistung von Gladys Cherono, die den Berlin Marathon dominierte und mit einer Zeit von 2:19:25 Stunden sich in ihrem zweiten Marathon überhaupt gleich auf Rang sieben der nach einigen Doping-Vergehen bereinigten, ewigen Bestenliste schob. Mit dieser Basis auf der Habenseite könnte das Marathon-Jahr 2016 für die amtierende Halbmarathon-Weltmeisterin weitere großartige Erfolge bereit halten.
Zeitenjagd in Dubai
Auch wenn der Berlin Marathon zum zweiten Mal in Folge die Weltjahresbestleistung bei den Damen für sich beanspruchen durfte, war er weder der schnellste Marathon in der Breite noch der am besten besetzte. Von den zehn schnellsten Marathon-Zeiten des Jahres wurden nicht weniger als sechs (!) beim Dubai Marathon erzielt, zwei in Berlin, eine in Xiamen und eine durch Eunice Kirwa beim heuer ausgesprochen flotten Nagoya Marathon. Das von der Papierform best besetzte Rennen des Jahres stand beim London Marathon auf dem Programm, als die „Big Four“ aus Kenia – Mary Keitany, Florence Kiplagat, Priscah Jeptoo und Edna Kiplagat – nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen Dubai-Siegerin Aselefech Mergia antraten. Der Marathon bot dann allerdings eine der größten Überraschungen des Jahres. Die temporeiche Zeitenjagd wurde nicht wie angekündigt in die Tat umgesetzt und die Äthiopierin Tigist Tufa narrte im Finale alle Favoritinnen und besiegte sensationell auch Mary Keitany, die damit ihre erste Marathon-Niederlage seit ihrem Comeback erlitt. Auch der Sieg von Caroline Rotich beim Boston Marathon sechs Tage zuvor kam unerwartet. Den Auftakt in die World Marathon Majors hatte die Äthiopierin Berhane Dibaba für sich entscheiden können.
Äthiopien im Vergleich mit Kenia vorne
Am Ende eines Jahres gebührt sich immer ein genauer Blick auf das traditionsreiche Duell Kenia gegen Äthiopien um die Vorherrschaft im Welt-Laufsport. Zuletzt hatten die Kenianerinnen an der Spitze zumeist die Nase vorne, auch wenn die breite Qualität aus Äthiopien eine Machtverlagerung bereits andeutete. Und dieser Wechsel erfolgte besonders im ersten Halbjahr 2015 auf drastische Art und Weise. Sechs der neunschnellsten Zeiten des Jahres gingen auf das Konto äthiopischer Läuferinnen, unter den 30 schnellsten Marathonläuferinnen des Jahres liegen 19 Äthiopierinnen, aber nur sechs Kenianerinnen. Es mag ein Zufall sein, dass unmittelbar vor dieser Saison durch den viel beachteten Dopingfall von Rita Jeptoo und der Suspendierung zweier mächtiger Agenturen in Kenia in diesem Frühjahr in den lange zurecht hart kritisierten Anti-Doping-Kampf Kenias erste Bewegung hinein geriet. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls gelang es den Kenianerinnen, die von den großen Marathons im Frühjahr nur jenen von Boston für sich entscheiden konnten, im Herbst zurückzuschlagen. Nach dem Erfolg von Cherono in Berlin triumphierte Florence Kiplagat in Chicago und Mary Keitany in New York. Beide Leistungen gehen in den Rekordlisten etwas unter, weil sich der Chicago Marathon heuer erstmals dafür entschied, auf Pacemaker zu verzichten, was auch in Boston und New York seit Jahren Standard ist. Besonders Keitanys Dominanz in Form einer beeindruckenden Sololeistung beim New York City Marathon zählt zu den absoluten Highlights dieser Saison. Keitany führt damit in der World Marathon Majors vor dem Finale beim Tokio Marathon 2016 mit 41 Punkten gleichaufliegend mit Mare Dibaba, auch Berhane Dibaba, Tigist Tufa und Helah Kiprop liegen noch gut im Rennen.
Europäerinnen im Schatten der Afrikanerinnen
Wie bereits angedeutet, wurde der Marathonlauf von den großen Dopingskandalen in der Leichtathletik nicht verschont. Den Sperren von Liliya Shobukhova und Rita Jeptoo, in den vergangenen Jahren mit die besten Marathonläuferinnen der Welt, folgend belasteten vor allem Betrugsfälle aus Osteuropa die internationale Marathon-Szene 2015. Die Russin Mariya Konovalova mit einem Masters-Weltrekord und die Ukrainerin Tetiana Shmyrko glänzten beim Nagoya Marathon im März mit tollen Zeiten und Spitzenplatzierungen. Mittlerweile sind beide des Dopings überführt, gesperrt und ihre Resultate aus den Listen gestrichen. Aufgrund einiger medial verbreiteten Anschuldigungen hängt über der internationalen Leichtathletik eine Art Generalverdacht, was Spitzenleistungen im vergangenen Jahrzehnt betrifft. Im Zuge des provisorischen Ausschlusses des russischen Leichtathletikverbandes vom Leichtathletik-Weltverband IAAF sind russische Marathonläuferinnen und -läufer aktuell nicht startberechtigt.
© SIP / Johannes Langer
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So erlebte der europäische Marathonlauf das vorolympische Jahr fern von Spitzenresultaten auf internationalem Niveau. Bei den Weltmeisterschaften gab es keine Top-Ten-Platzierung, immerhin fünf Läuferinnen gelang es 2015, die Marke von 2:25 Stunden zu unterbieten (weltweit gelang dies 44 Athletinnen). Die Weißrussin Aliaksandra Duliba lief in Dubai in 2:23:06 Stunden eine klare europäische Bestleistung, die Lettin Jelena Prokupcuka (Osaka), die Russin Sardana Trofimova (Frankfurt), die Türkin Sultan Haydar mit ihrem Landesrekord von 2:24:44 Stunden (Dubai) und die Portugiesin Sara Moreira (Prag), die auch in New York überzeugte, erzielten 2:24er Zeiten. Die schnellste deutsche Läuferin des Jahres war Lisa Hahner (2:28:39 Stunden in Frankfurt), die schnellste Schweizerin Maja Neuenschwander (2:26:49 Stunden in Berlin) und die schnellste Österreicherin Andrea Mayr (2:33:28 Stunden in Frankfurt). Damit war die erfolgreichste Bergläuferin der Welt vier Sekunden langsamer als die erst 17-Jährige Finnin Alisa Vainio, die beim Marathon in Lappeenranta einen neuen – inoffiziellen – Junioren-Europarekord markierte.
Comeback für Olympia
Für das österreichische Marathon-Highlight des Jahres sorgte Andrea Mayr (SVS Leichtathletik) beim Frankfurt Marathon. Bei ihrem ersten Marathonlauf seit drei Jahren (abgesehen vom Jungfrau Marathon 2013) schaffte die 36-jährige Oberösterreicherin die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Im Rahmen des Linz Marathon holte sich Karin Freitag (LG Decker Itter) in einem spannenden Duell mit Cornelia Köpper (Tristyle Runners) den vierten Staatsmeistertitel in Folge. Beim wichtigsten Marathonlauf auf österreichischem Boden feierte Maja Neuenschwander den ersten Schweizer Sieg in der 32-jährigen Geschichte des Vienna City Marathon, blieb dabei aber als erste Siegerin seit sechs Jahren über der Marke von 2:30 Stunden. Einen kenianischen Doppelsieg durch Sarah Jebet und Irene Chepkirui gab es beim Linz Marathon, den Salzburg Marathon gewann die Äthiopierin Shewaye Gemechu, beim Sparkasse Drei Länder Marathon siegte die Deutsche Kathrin Müller. Einen Heimsieg feierte die gebürtige Steirerin Karin Freitag beim Graz Marathon.